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Comeback im Nationalteam? : Der Mann für die besonderen Momente

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Macht er es nochmal? Michael Kraus (Dritter von links) könnte wieder zur Nationalmannschaft stoßen. 2007 wurde er Weltmeister. Bild: Picture-Alliance

Michael Kraus trifft und wird für die verletzungsgeplagte Handball-Nationalmannschaft wieder zum Thema. Das hat einen besonderen Hintergrund – und könnte für die anstehende WM besondere Auswirkungen haben.

          Für die jüngsten 29 Tore seiner langen Handball-Laufbahn hat Michael Kraus nur zwei Spiele benötigt. 18 Treffer beim Sieg seines Vereins TVB Stuttgart gegen Hannover-Burgdorf, elf Tore beim überraschenden Erfolg in Berlin am vergangenen Donnerstag – fast jeder Wurf ein Treffer. Der 35 Jahre alte Profi ist der mit Abstand torgefährlichste deutsche Spielmacher, und deswegen stellt sich nun die Frage, ob Kraus nicht einige Sorgen im Angriff der deutschen Nationalmannschaft lindern könnte.

          Dort gibt es nach dem Ausfall des kreuzbandgeschädigten Julius Kühn einen Mangel an Torgefahr. Zudem sucht Bundestrainer Christian Prokop einen Regisseur, dem er die Führungsaufgabe bei der anstehenden Weltmeisterschaft in Deutschland und Dänemark zutraut. Getestet hat er deswegen in den EM-Qualifikationsspielen gegen Israel und im Kosovo den Zweitligaspieler Martin Strobel aus Balingen – Strobel beherrscht zwar den geordneten Aufbau, wirft aber selten Tore.

          Spielplan der Handball-WM 2019 in Deutschland und Dänemark

          Kraus mit seiner Wucht, seinem Mut, dem Instinkt, dem die ansatzlosen Würfe entspringen, ist das Gegenteil von Strobel. Nicht nur der frühere Bundestrainer Heiner Brand und sein Lieblingsspieler Stefan Kretzschmar stellen sich deshalb die Frage, ob das Oldie-Duo Strobel/Kraus geeignet wäre, den deutschen Angriffen Strategie und Torgefahr zu verleihen. „Mimi Kraus könnte die Ergänzung für die besonderen Momente sein“, sagte Brand beim TV-Sender „Sky“, und ebenda ergänzte Kretzschmar: „Mimi ist ein Mann für die Jokerrolle, einer, der mit seinen Aktionen ein Finale entscheiden kann.“

          Anders sieht es Daniel Stephan, einer von Kraus’ Vorgängern auf der Spielmacherposition. Dem „Sportinformationsdienst“ sagte Stephan, nicht jeder formstarke Handballspieler sei ein Kandidat für die erste DHB-Auswahl. Mit Blick auf den 32 Jahre alten Strobel ergänzte er, dass der Einbau jüngerer Spieler doch wünschenswert sei, statt ältere Profis zu reaktivieren. Beim DHB hielt man sich mit Statements zum „Fall Kraus“ lange zurück, und der Spieler selbst sagte, dass es bislang noch keinen Kontakt gegeben habe. Am Dienstag aber meinte Axel Kromer, Sportvorstand des Deutschen Handballbundes, Kraus sei „ein Top-Sportsmann, der sich auch in Nationalmannschafts-Zeiten immer top dargestellt hat. Von daher kann es keinen Grund geben, die Tür für ihn vorzeitig zu schließen.“

          Kaum zu stoppen: Michael Kraus (Mitte) im Trikot des TVB Stuttgart.

          An Michael „Mimi“ Kraus haben sich schon oft die Geister geschieden. Hoch- veranlagt, hing ihm das Verdikt Brands nach, er „verschleudere sein Talent“. Nicht immer hat der zuversichtliche und lebenslustige Kraus wie ein Vollprofi gelebt; die Geschichten und Geschichtchen kleinerer Vergehen waren gerade in seinen drei Hamburger Jahren ständige Begleiter, ebenso Verletzungen.

          In der Nationalmannschaft machte Kraus beim WM-Titel 2007 von sich reden, als er unerschrocken den verletzten Spielmacher Markus Baur vertrat und im Finale gegen Polen vier Tore warf. Danach ging es unter Brand rauf und runter – der Gummersbacher strich ihn nach der EM 2008 aus dem Kader, holte ihn zurück, machte ihn zum Kapitän: Brands Umgang mit Kraus war nicht immer souverän. Allerdings spielte da auch Frust mit, vom gehätschelten Schwaben so wenig zurückzubekommen. Unter dem Strich gehört Kraus wie Pascal Hens, Johannes Bitter, Florian Kehrmann und Torsten Jansen zu einer Generation, die in der Nationalmannschaft zu wenig aus ihren Möglichkeiten gemacht hat. Anders im Verein: da holten Hens, Kraus, Bitter und Jansen mit dem HSV die Meisterschaft 2011 und den Champions-League-Titel 2013. Beim überraschenden Triumph gegen den FC Barcelona am 2. Juni 2013 mit einem überragenden Michael Kraus, der spät von der Bank kam.

          Champions-League-Sieger 2013: Michael Kraus (Mitte, links) mit seinen Teamkollegen vom HSV.

          Kehrmann und Jansen sind inzwischen Trainer, Hens arbeitet als TV-Experte, einzig Kraus und Bitter spielen noch – in Stuttgart. Dorthin ist Kraus 2016 gewechselt, als Frisch Auf Göppingen ihn nicht mehr bezahlen konnte, beziehungsweise aus Vereinssicht zu wenig für ein üppiges Gehalt erhalten hatte.

          Handball in Stuttgart heißt Abstiegskampf. Kraus findet daran nichts Verwerfliches. In seiner alten Heimat ist die Familie heimisch geworden. Seine Frau Bella erwartet das dritte gemeinsame Kind. Einen Blick zurück im Zorn wirft Michael Kraus, der im Sommer 2014 sein bislang letztes Länderspiel gemacht hat, nicht. Das war nie seine Art. Er sagt: „Ich setze mich aktuell nicht mit Hirngespinsten wie der Nationalmannschaft auseinander. Aber ich suche den Wettbewerb und würde mir bei einer Anfrage meine Gedanken machen.“ Keine Frage – sollte Prokop anrufen, wäre der bei den Fans beliebte Michael Kraus sofort da. Und wer weiß, vielleicht könnte ein wenig Retro-Charme die Nationalmannschaft entscheidend aufwerten.

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