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Handball in Osteuropa : Abspecken nach dem großen Aufbruch

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Für einen Sieg gegen die Rhein-Neckar Löwen reicht es noch: Vardar Skopje hat aber an Stärke eingebüßt. Bild: EPA

Die osteuropäischen Handballklubs investierten Millionen in ihre Teams – doch nicht alle Erwartungen sind zu erfüllen. Warum die Bundesliga die Entwicklung mit gemischten Gefühlen beobachtet.

          Die Geduld ist bei einigen europäischen Handball-Spitzenklubs nicht besonders ausgeprägt. Gerade mal ein Jahr und ein paar Wochen durfte Ljubomir Vranjes mit vielen Millionen Euro versuchen, aus Telekom Veszprem einen Champions-League-Sieger zu machen – dann entließ der ungarische Vorzeige-Klub den schwedischen Trainer Anfang der vergangenen Woche. Knallhart hatte der Verein Vranjes mitgegeben, was von ihm in seinem zweiten Jahr erwartet werde: das Double aus Pokal und Meisterschaft und die Teilnahme am Final-Four-Turnier in Köln Mitte 2019.

          Doch frühe Niederlagen beim FC Barcelona und gegen Vardar Skopje ließen das Vertrauen in Vranjes sinken – zumal Veszprem unter ihm in der Vorsaison nicht nur die ungarische Meisterschaft gegen Szeged verpasst hatte, sondern sich im Achtelfinale gegen die dänischen Halbprofis aus Skjern blamiert hatte und in der Champions League ausgeschieden war.

          Spielplan der Handball-WM 2019 in Deutschland und Dänemark

          Telekom Veszprem hat einen Kader voller Stars, stand zweimal im Finale der europäischen Meisterklasse (2015 und 2016) und wird vom staatlichen Telekommunikationsunternehmen fürstlich ausgestattet. Doch der große Wurf blieb aus – und nun müssen die ehemaligen Bundesligaspieler Kentin Mahé (Flensburg) und René Toft (Kiel) sehen, was in Veszprem ohne Vranjes für sie übrigbleibt; beide Profis wollte Vranjes unbedingt haben, und er bekam sie zu dieser Saison. Rasmus Lauge, der Flensburger Spielmacher, wird sich fragen, ob es eine gute Idee war, aus seinem Vertrag bei der SG auszusteigen und vom 1. Juli 2019 an für Veszprem aufzulaufen. Ihn hatte Vranjes jüngst als „fehlendes Puzzleteil“ seiner Pläne bezeichnet.

          Schon länger stellt man sich in der Szene die Frage, wie lange Telekom Veszprem noch „im Konzert der Großen“ mitspielen wird können. Aktuell werden die Ungarn als Wackelkandidat betrachtet; keineswegs scheint sicher, dass ein Etat jenseits der zwölf Millionen Euro weiter zu stemmen sein wird. Auch andere müssen sparen. Die Polen aus Kielce etwa, oder Vardar Skopje. Dort, wo einzelne Mäzene den Handball am Laufen halten, kann es schnell brenzlig werden. Über Jahre hatte der niederländische Textilhändler Bertus Servaas Spitzensport in Kielce ermöglicht; 2016 holte das Team von Trainer Talant Duschebajew gar die Champions League. Doch nun hat Servaas mit seiner (prompt abgelehnten) öffentlichen Forderung nach mehr Geld von der Kommune finanzielle Schwierigkeiten eingestanden und angekündigt, zukünftig kleinere Brötchen zu backen.

          Prompt verließ Spielmacher Dejan Bombac den Klub und wechselte zu Pick Szeged. Duschebajew hat angekündigt, auf 25 Prozent seines Gehaltes zu verzichten, „zum Wohle des Projekts“. Das ist eine deutliche Botschaft an seine Spieler. Diese finanzielle Entwicklung dürfte dem deutschen Nationaltorwart Andreas Wolff nicht gefallen, verlässt er den THW Kiel doch im Juni 2019 und schließt sich Kielce an.

          Auch Skopje tritt kürzer

          Offenbar schürt der einmalige Titelgewinn Erwartungen, die nur schwer zu erfüllen sind – das gilt auch für Vardar Skopje, den mazedonischen Sieger der Champions League von 2017. Arpad Sterbik, Luka Cindric, Joan Canellas, Jorge Maqueda, Ilja Abutovic: Fünf Spieler der ersten Kategorie haben Abschied von Vardar genommen. Auch weil der russische Vereinsbesitzer Sergej Samsonenko sein Sponsoring heruntergefahren hat, bietet Skopje nicht mehr das illustre Team vergangener Jahre auf. Immerhin hat Vardar Skopje am Samstag in der Champions League die Rhein-Neckar Löwen 29:27 bezwungen.

          „Ich bin sehr enttäuscht, weil hier für uns durchaus etwas drin war“, sagte Löwen-Coach Nikolaj Jacobsen. Mit 4:4 Punkten liegt der deutsche Pokalsieger in der Vorrundengruppe A zwar klar auf Achtelfinal-Kurs, doch wie bei Meister SG Flensburg-Handewitt in Gruppe B (ebenfalls 4:4 Punkte) fehlt noch der letzte Punch. Und der wird nötig sein, damit sich nach zweijähriger Abwesenheit am Saisonende endlich wieder ein deutsches Team für das Final Four in Köln qualifiziert.

          Bundesliga beobachtet Entwicklung

          In der Bundesliga, die zuletzt 2014 den Sieger stellte mit der SG Flensburg, sieht man die Entwicklung im europäischen Handball gespalten. Einerseits hat die Champions League durch die Marktmacht der osteuropäischen Klubs an Niveau und Strahlkraft gewonnen, andererseits wirkten die deutschen Topteams gegen die neue Konkurrenz zuletzt chancenlos. Andy Schmid, der Spielmacher der Rhein-Neckar Löwen, sagte zum Thema „Gesundschrumpfen“ gegenüber der „Handballwoche“: „Dass es solche Fälle im internationalen Bereich gibt, muss für die deutsche Liga nicht schlecht sein. Es ist grundsätzlich immer ein Risiko, wenn sich ein Klub von einem Geldgeber oder zwei Geldgebern abhängig macht. Wenn dann das große Geld knapp wird oder der große Ehrgeiz nach einem Titel nachlässt, kann der Verein ins Schlingern geraten.“ Die Löwen selbst hatten unter dem Modeschmuck-Händler Jesper Nielsen diesbezüglich schon schlechte Erfahrungen gemacht.

          Doch selbst wenn Veszprem, Kielce und Skopje demnächst abspecken sollten oder es schon tun, ist der Weg ins Finale am 2. Juni 2019 in Köln weit für die Mannheimer und die Flensburger. Der FC Barcelona dürstet nach mehr. Der letzte Titel in der Champions League datiert von 2011. Paris St-Germain, das im ersten Jahr nach Noka Serdarusic wieder 20 Millionen Euro für seine Profis ausgibt, will sich zum ersten Mal in die Liste eintragen. Doch vielleicht gibt es am Ende wieder einen Außenseitersieg wie den von Montpellier in diesem Jahr. Ein Team ohne millionenschwere Stars, dafür mit einem Trainer, der seit mehr als 20 Jahren dort arbeitet – Patrice Canayer. Die Franzosen geben ein gutes Vorbild für die Löwen und die SG Flensburg ab.

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