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Handball-Bundesliga : Die guten neuen Zeiten beim THW Kiel

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Ist der THW Kiel bereit für das Triple? Trainer Filip Jicha gibt sich noch zurückhaltend. Bild: Imago

Filip Jicha hat als Trainernovize in Kiel einen Handball-Geist geformt, der an die besten Jahre des THW erinnert. Mancher spricht schon vom Triple – nur einer will davon noch nichts wissen.

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          Eine der großen Fragen vor dieser Handball-Saison war ja, ob Filip Jicha sich nicht verheben würde an seinem ersten Cheftrainer-Posten, der nicht etwa Lemgo oder Minden heißt, sondern THW Kiel. Kann das gutgehen für den unerfahrenen Coach beim größten deutschen Klub, der nach vier Jahren ohne Meisterschaft das Ende der Dürre herbeisehnt? Würde Jicha die Mittel mitbringen oder entwickeln, die Mannschaft taktisch voranzubringen? Würde er die Stars bei Laune halten?

          Es war ein Risiko, als die Kieler vor acht Monaten Jicha zu Alfred Gislasons Nachfolger machten. Ein Jahr lang war Jicha bei Gislason als dessen Assistent mit Verantwortung für die Abwehr in die Lehre gegangen. Da habe sich rasch herausgestellt, dass Jicha fähig sei, THW-Trainer zu sein, heißt es aus dem Kieler Umfeld. Aber es ist etwas anderes, in erster Reihe zu stehen und allein die Entscheidungen treffen zu müssen. Acht Spieltage vor Ende der Saison muss man sagen: Jicha hat es mit Eifer, Willen und Können sehr schnell vom Lehrling zum Chef gebracht. Nach dem letztlich überzeugenden 27:21 gegen die Rhein-Neckar Löwen am Sonntag haben die Kieler weiter vier Minuspunkte weniger als der erste Verfolger aus Flensburg.

          Jicha coacht, als habe er nie etwas anderes getan, und er bläst sich dabei kein bisschen auf. Stets respektvoll dem Gegner gegenüber, leitet der 37 Jahre alte Tscheche die Geschicke des THW, nutzt die Breite des Kaders, hat Spieler wieder hervorgeholt, die Gislason weitgehend unberücksichtigt ließ, und lässt zumindest teilweise schnellen, fließenden Handball spielen. Austrainiert waren die Kieler Profis immer.

          Das Triple für Kiel?

          Etwa zehn Millionen Euro gibt der THW für seine Handballspieler pro Jahr aus, deutlich mehr als die Konkurrenz. Insofern ist eine Kieler Meisterschaft der Normalfall, was die üppige Ausbeute der Jahre bis 2015 auch verdeutlicht. Aber in der Champions League gibt es deutlich dickere Fische. Deswegen ist es bemerkenswert, wie dominant Jichas Sieben die Gruppenphase der Meisterklasse gestaltet hat. Als erster deutscher Klub überhaupt übersprangen die Kieler als Staffel-Sieger das Achtelfinale – und bekommen zur Belohnung in der Runde der letzten acht Ende April und Anfang Mai einen vergleichsweise leichten Gegner, Porto oder Aalborg. Die heiß ersehnte Champions-League-Endrunde in Köln ist nicht mehr weit entfernt. Und auch im DHB-Pokal scheint mit dem Halbfinalgegner TBV Lemgo am 4. April vieles möglich, bedenkt man, dass darüber hinaus noch Hannover und Melsungen im Topf sind.

          Das Triple für Kiel? „Halt!“, sagt Jicha: „Wir dürfen uns nicht so viele Gedanken machen. Wir müssen einfach weitermachen. Das haben wir schon die ganze Saison so gehalten.“ Jicha verneint stets, auf die Ergebnisse der Bundesliga-Konkurrenz zu gucken. Da gab es zuletzt Erfreuliches aus Göppingen, wo Flensburg verlor, und auch nach Berlin hat man am Sonntagnachmittag aus Kiel geschaut, doch dort gewann die SG. Jicha sagt dazu: „Ich werde immer wieder auf Ergebnisse anderer Klubs angesprochen. Aber die interessieren mich nicht. Wir müssen unseren Job erledigen, das zählt.“ Längst arbeitet er daran, dem THW wieder eine Siegermentalität zu verleihen, die Kiel zuletzt in der Saison 2011/12 unter Gislason so stark machte, dass sie alle drei Titel gewannen – und in der Liga keinen einzigen Punkt liegen ließen.

          Das ist in der Handballgegenwart unmöglich: enges Tableau, häufige Überraschungen. Auch der THW hatte knappe Spiele und unerwartete Niederlagen wie gegen die HSG Wetzlar. Und mit Spielen in Leipzig, Flensburg und Melsungen, gegen Magdeburg und Berlin sind Punktverluste möglich. Doch die Flensburger leisten sich selbst Ausrutscher, und Kiel wirkt mit seinem kompletten Kader wehrhaft und fokussiert. Die Verletzungsprobleme früherer Jahre sind in dieser Saison nicht fort, aber weniger gravierend. Niklas Landin, Patrick Wiencek, Domagoj Duvnjak und Steffen Weinhold fielen schon aus. Hendrik Pekeler beißt auf die Zähne. Der breite Kader hat aufgefangen, was Ausfälle an Löchern gerissen haben. Sogar der Abwehr-Oldie Pavel Horak hat seinen Anteil gehabt.

          Vieles in Kiel fügt sich gerade wie in den guten alten Zeiten. Trainer Jicha und Sportchef Viktor Szilagyi ziehen an einem Strang. Das neue Trainingszentrum in Altenholz funktioniert als THW-Heimat hervorragend. Es hat dazu beigetragen, zuletzt verschüttetes Wir-Gefühl wieder freizulegen.

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