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Beachvolleyball in Afrika : Lehrstunden auf Sand

  • -Aktualisiert am

Wer nimmt an? Vanessa Muianga und Liocadia Manhica (von links) aus Moçambique. Bild: Imago

In Sierra Leone ist Beachvolleyball der erfolgreichste Sport, immer mehr Sportler aus Afrika spielen bei der WM. Dennoch haben sie es dort schwer – nicht nur sportlich.

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          Ein Sanitäter begleitete Liocadia Manhica über den Platz. Die Beachvolleyball-Spielerin aus Moçambique hatte unbedingt das Spiel zwischen Weltmeisterin Barbara Seixas und der WM-Zweiten Taiana Lima sehen wollen und war beim Sprint zum Feld gestürzt. Nun trug sie einen Verband um den linken Arm. Das hochklassige Spiel der Brasilianerinnen in der Gruppenphase der Beachvolleyball-Weltmeisterschaft ging über drei Sätze. Liocadia Manhica stand staunend am Rand. Ihr eigenes Spiel verlief weniger spannend: Die Siebzehnjährige verlor mit ihrer Partnerin Vanessa Muianga (21 Jahre) bei ihrer ersten WM-Teilnahme 10:21 und 8:21 gegen die Schweizerinnen Joana Heidrich und Anouk Vergé-Dépré.

          „Das war eine Lehreinheit für uns“, sagte Liocadia Manhica, die mit nur 1,60 Metern die kleinste Spielerin der WM ist. In ihrem Heimatland Moçambique gibt es bislang nur ein Beachvolleyball-Turnier im Jahr. „Wir haben eine 2000 Kilometer lange Küste, das ist eigentlich ideal“, sagt Trainer Bonomar Adriano Macuacua. „In unserem Land hat Sport aber leider nicht so eine große Bedeutung.“ In Sierra Leone ist das anders: „Beachvolleyball ist inzwischen der erfolgreichste Sport in unserem Land“, sagt Sorie Kamara, Direktor des Volleyball-Verbandes von Sierra Leone. Mit Abu Bakarr Kamara und Patrick Lombi nehmen zum ersten Mal überhaupt Mannschaftssportler aus Sierra Leone an einer Weltmeisterschaft teil.

          Die beiden Beachvolleyballer sind erst 21 Jahre alt und haben sich über die Afrika-Meisterschaft für die WM empfohlen. 2011 implementierte der Weltverband (FIVB) die kontinentalen Qualifikationsturniere, um den Sport weltweit populärer machen. Dadurch konnten sich erstmals Teams für Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften qualifizieren, ohne auf der FIVB-World-Tour antreten zu müssen. Die Zahl der teilnehmenden Nationen ist seitdem enorm angestiegen: Waren es 2011 noch 28, sind in diesem Jahr in Wien 40 Nationen dabei. Besonders auffällig ist der Anstieg bei den Afrikanern, die 2011 mit zwei Teams, jetzt aber mit neun Teams aus sieben Ländern bei der WM vertreten sind.

          Die Anreise zu internationalen Wettbewerben ist für die afrikanischen Delegationen allerdings eine Herausforderung. So wollte Kamara mit seinen Spielern schon am 25. Juni nach Österreich kommen, um vor der WM einen Monat unter den örtlichen Bedingungen zu trainieren. Doch daraus wurde nichts, das Team wartete wochenlang auf ein Visum. „Unsere Regierung hat versucht, uns zu helfen, aber die Botschaft hat ihre eigenen Regeln“, klagt Kamara. Das Visum erhielt er schließlich erst drei Tage vor der WM, der geplante Flug war inzwischen überbucht, der offizielle Einmarsch der Teams fand ohne Sierra Leone statt.

          Ruanda erwischte es noch schlimmer: Der Flug von Denyse Mutatsimpundu und Charlotte Nzayisenga hatte Verspätung, dadurch verpassten sie ihr WM-Auftaktspiel, das 2:0 für ihre Gegnerinnen gewertet wurde – ein Ergebnis, das allerdings ziemlich sicher auch bei einem Start der Afrikanerinnen in der Statistik gestanden hätte. Kaum ein Team aus der Riege der krassen Außenseiter schafft es, bei der WM mehr als zehn Punkte pro Satz zu erzielen. Die Olympiasiegerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst haben ihre Gegnerinnen aus Marokko innerhalb von 28 Minuten vom Feld gefegt. „Solche Spiele bringen für unsere Entwicklung nichts“, sagt Trainer Jürgen Wagner.

          Vom sportlichen Aspekt kann man das Mitwirken der „Exoten“ bei einem Wettbewerb der besten Teams der Welt durchaus kritisch betrachten, für die Länder aber ist es eine Chance, Erfahrungen zu sammeln, um den Sport im eigenen Land voranzubringen. „Die Menschen in Afrika haben den Sport durch die kontinentalen Qualifikationsturniere kennengelernt und verstanden, dass Beachvolleyball sogar leichter zu etablieren ist als Volleyball“, sagt der Kenianer Sammy Mulinge. Schließlich benötigt man im Beachvolleyball nur zwei Spieler und weniger Material. „Um sich nachhaltig zu entwickeln, müssten die Nationen ihre Spieler aber auch auf der World Tour starten lassen“, findet Tim Simmons, der seit 18 Jahren für den Weltverband arbeitet.

          Dafür fehlen in vielen Ländern die finanziellen Mittel. „In der vergangenen Dekade hat unsere Regierung den Sport kein bisschen unterstützt“, sagt Mulinge. Aus diesem Grund hofft er auf die Präsidentschaftswahlen, die direkt nach der WM am 8. August in Kenia stattfinden. „Vielleicht ändern sich die Dinge mit einer neuen Regierung, die versteht, dass Beachvolleyball ein großartiger Sport ist“, sagt er. Auch Liocadia Manhica hofft, dass sie noch einmal für Moçambique bei einer Beachvolleyball-WM antreten darf. Das Abenteuer Wien ist für sie nach drei Niederlagen erst einmal beendet.

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