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Doping-Opfer-Hilfe-Kommentar : Schlucken und Sterben

Ines Geipel: Helferin für die Geschädigten von gestern, Kämpferin für die Unversehrtheit der Sportler von heute und morgen. Bild: dpa

Der Doping-Opfer-Hilfe-Verein leistet, was eigentlich Aufgabe des Sports, des Staates, von Sponsoren und Gesellschaft wäre. Er zeigt die Kehrseiten der Medaillen.

          Widerstände, Angriffe, aus allen Ecken. Fünfeinhalb Jahre lang hat Ines Geipel als Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfe-Vereins in der ersten Reihe gekämpft. Sie hat zusammen mit den anderen Freiwilligen dieses Vereins die Sorgen von schwer kranken ehemaligen Sportlern mitgetragen und gleichzeitig für eine Linderung dieses Elends gefochten. Ohne den Einsatz der Schriftstellerin wäre es nicht zum zweiten Hilfe-Gesetz gekommen. Ihrer Überzeugung, ihrer rhetorischen Kraft und ihrem unermüdlichen Anrennen gegen Bremser über die Jahre im organisierten Sport und in den Institutionen des Staates ist dieser Erfolg zu verdanken. Das Gesetz bietet anerkannten Opfern des Staats-Dopings der DDR eine Entschädigung von bis zu 10.500 Euro. Das reicht in Einzelfällen nicht einmal zur Deckung der Kosten von Behandlungen, die durch Doping notwendig wurden und deren Ende nicht absehbar ist. Krebs kostet mehr. Manche das Leben.

          Es geht aber nicht nur um materielle Unterstützung. Seit seiner Gründung 1999 nach einer Idee der Journalistin Grit Hartmann, umgesetzt unter anderem vom Doping-Aufklärer Professor Werner Franke, ist der DOH attackiert oder zumindest abgelehnt worden. Das hat der erste Vorsitzende Klaus Zöllig so erlebt wie seine Nachfolgern Ines Geipel. Der Grund liegt auf der Hand. Der DOH bildet die andere Seite der Medaille ab. Er führt mit seiner Arbeit den Sportverbänden, den Regierungen, den großen Sport-Sponsoren, den Sportfans, also der Gesellschaft die Geschichte des Scheiterns, der Manipulation, der Verführung vor Augen. Wer will das schon hören? In den Arenen soll an den Feiertagen des Sports die Sonne scheinen, am besten das Gold am Bande vor der Brust der Athleten glänzen und ein Glücksgefühl verbreiten, das vom Boulevard als Gemeinschaftserleben übersetzt wird: „Wir sind Weltmeister. Wir sind Olympiasieger.“

          Aber um welchen Preis? Es kann kein Zufall sein, dass die wesentlich vom Staat finanzierte Aufarbeitung der Doping-Geschichte Deutschlands nur bis 1990 reicht. Damit wird suggeriert, mit dem Ende des Staatsplans Doping der DDR sei auch die schreckliche Manipulations-Geschichte mit jungen Menschen beendet. Von Kindern, die mit großen Augen zuhören, wenn Erwachsene von Olympia schwärmen, die ihre Liebe zum fairen, wunderbaren Sport so weit entwickeln, dass sie nicht mehr zurückkönnen, ohne ihre Zukunft zu gefährden: Wenn Trainer oder „erfahrene“ Trainingspartner sie einweihen, sie mitnehmen in den Kreis der Elite, der wie ein Geheimbund funktioniert: Schluck den Stoff oder stirb.

          Die Telefonseelsorger des DOH wissen schon lange, dass „Schlucken“ und „Sterben“ im Spitzensport eine brutale Einheit bilden können. Sie erkennen beinahe täglich, dass es keine Grenze dafür gibt. Weder eine der Zeit, noch eine ideologische. Die Wanderung von Sportlern aus dem Ost-System des Leistungssports in das westliche führte eben nicht direkt in Sauberkeit und Unabhängigkeit, sondern teils in ein subtiles Manipulationssystem. Die föderale Struktur der Bundesrepublik ließ eine konspirative Zentralisierung nicht zu. Deshalb entwickelte sich im Kalten Krieg ein systemisches Doping in Nestern, die den Fall der Mauer überstanden.

          Jan Ullrich ist in eines hineingefahren. Heute wird er als Täter beschrieben, als Profiteur, als Betrüger. Das stimmt. Aber hat er als Kind, Junge, Jugendlicher, fasziniert vom Radsport, schon von Blut-Doping geträumt? Neben der Hilfe für Menschen in Not lenkt der DOH den Blick auf die ursächliche Verantwortung für die schrecklichsten Fehlentwicklungen des Spitzensports. Was der DOH mit Ines Geipel als Gesicht leistete, ist eigentlich Aufgabe des Sports und all derer, die von ihm profitieren, Staat, Sponsoren, Gesellschaft. Das hieße aber, eine ehrliche Rechnung aufzumachen, eben nicht nur die Fördergeldsumme gegen Goldmedaillen aufzuwiegen, sondern die Schäden einzubeziehen, die junge Menschen an Leib und Seele erleiden.

          Weil sie oftmals als Teil einer Trainingsstrategie „Treibmittel“ für späteren Olympiasieger sind. Der Sport müsste seinen Leistungssport an wesentlichen Stellen in Frage stellen. Niemals wird er sich darauf einlassen. Deshalb sind Vereine wie der DOH ein Segen, also Menschen wie Ines Geipel, die mit ihrer Hilfe für die Geschädigten von gestern für die Unversehrtheit der Sportler von heute und morgen kämpfen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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