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Darts-WM : Warum die Deutschen keine Pfeile werfen können

Zu viel Druck: Kevin Münch hat nur eine Überraschung geschafft Bild: dpa

In Deutschland gibt es zwar einen lukrativen Markt für Darts. Doch ein Star ist nicht in Sicht. Es gibt Erklärungsansätze, aber keinen triftigen Grund.

          3 Min.

          Die Deutschen machen noch auf sich aufmerksam im Alexandra Palace. „Ohne Holland fahr‘n wir zur WM“, dröhnt es durch die Veranstaltungshalle im Londoner Norden, wo seit einem Jahrzehnt immer zum Jahreswechsel die Darts-Weltmeisterschaft ausgetragen wird. Das ist zwar unfreundlich und unpassend, weil es ja gar nicht um Fußall geht. Aber so ist eben die Atmosphäre im Zuschauerraum, wo kostümierte und teilweise alkoholisierte Fans friedlich darum wettstreiten, wer den Ton angibt. Und so wird es vermutlich auch an diesem Freitag sein, wenn das niederländische Spitzen-Duell zwischen Titelverteidiger Michael van Gerwen und Raymond van Barneveld (ab 20 Uhr auf Sport1) ansteht.

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Während die deutschen Pfeilewerfer nach dem Zweitrunden-Aus von Kevin Münch gegen den Spanier Antonio Alcinas auf niedrigem Niveau stagnieren, machen die deutschen Fans mittlerweile einen bemerkenswert großen Anteil unter den mehr als 3000 Zuschauern aus. An einigen der 20 Spieltage ist nach Angaben der Profispielerorganisation PDC ein gutes Drittel der Karten an Deutsche verkauft worden. Entsprechend kann sich die Fanmasse mit ihren Songs gegen die vertretene „Barney Army“, die Anhänger der spielenden niederländischen Darts-Legende van Barneveld, und die Engländer durchsetzen, so auch am Mittwochnachmittag, als der Engländer Darren Webster den Münch-Bezwinger Alcinas aus dem Turnier warf und der englische Shootingstar Rob Cross ebenso souverän in die Runde der letzten acht einzog wie der Belgier Dimitiri van den Bergh, ehe am Abend Phil Taylor gegen Keegan Brown an die Scheibe tritt.

          So beliebt der Ausflug zur WM ist, so groß ist auch der Boom in deutschen Hallen. Im kommenden Jahr veranstaltet der kontinentale Ableger PDC Europe gleich 13 Turniere in Deutschland, bei denen die weltbesten Spieler mitmachen. Erstmals findet nach Gründung der „World Series of Darts“ zudem ein Turnier der höchsten Kategorie in Deutschland statt. Gemeinsam mit den übertragenden Sendern sorgen die Veranstalter für einen Hype, bei dem jede kritische Note unerwünscht ist. Vom TV-Kommentator Elmar Paulke, der auch für die PDC Europe als Ansager tätig ist und eine eigene Darts-Merchandising-Kollektion vertreibt, bis zum Turnierveranstalter profitieren schließlich viele finanziell. Nun warten alle mit Blick auf die Verheißungen des deutschen Marktes auf den heimischen Star.

          Deutsche stagnieren

          Aber die Hoffnung ist gering: Das Abschneiden der Deutschen ist nicht nur beim Saisonhöhepunkt enttäuschend, sondern auch im gesamten Jahresverlauf. Einen deutschen Turniersieger gab es mit der Ausnahme des Junioren-WM-Siegs von Max Hopp vor drei Jahren noch nie; selbst Finalteilnahmen sind bislang Fehlanzeige. Szene-Kenner Gordon Shumway, der unter dem aus der Kultserie „Alf“ bekannten Künstlernamen lange als „Master of Ceremony“ die Turniere der PDC Europe moderierte, sieht schon jetzt für die nächsten zehn Jahre schwarz.

          „Auch bis dahin werden wir keinen deutschen Weltmeister haben“, sagt er und analysiert die vergleichbar niedrigen Durchschnittserträge der besten Deutschen bei den Aufnahmen von je drei Würfen, die maximal 180 Punkte ergeben können, auf der Jagd nach den 501 für einen Spielgewinn nötigen Punkten. „Ich stelle fest, dass es in Deutschland immer noch keine Spieler gibt, die mal konstant einen 90er-Schnitt spielen. In Holland gibt es wahrscheinlich weit über tausend. Es muss irgendeinen geheimnisvollen Grund dafür geben.“

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          Bengt Warnecke, Präsident des Hessischen Dart-Verbands, hat eine rationalere Erklärung: „Wir haben zu wenig Förderung für den Spitzensport im Darts“, sagt er. In den Niederlanden habe sich das im Zuge der Erfolge van Barnevelds zu Beginn des Jahrtausends entwickelt. Darts sei in Schulen gelehrt, junge Spieler unterstützt worden. In England habe es derweil anders als in Deutschland  keinen faden Beigeschmack, wenn Jugendliche in Pubs Darts spielten.

          Selbst in Spanien, wo Spielern bislang nur kleine Erfolge gelangen, sei die Situation besser als in Deutschland. Seinen zehn Jahre alten Sohn hat Warnecke deshalb in Tarragona gemeldet, damit er an Jugendturnieren auf viel höherem Niveau teilnehmen kann. In Deutschland müht er sich derweil, die Strukturen auf eine solidere Basis zu stellen, die über Amateurturniere des Deutschen-Darts-Verbands erst die Möglichkeit schaffen würde, dass einmal ein Talent den Sprung in die PDC-Spitze schaffen könne. „Damit wir eine sportliche Grundlage bekommen, brauchen wir aber erst einmal ein sportliches Aushängeschild“, sagt Warnecke.

          Aber bislang hat keiner der Spieler wie Hopp oder nun Münch, der in der ersten WM-Runde überraschend den zweimaligen Weltmeister Adrian Lewis geschlagen hatte, dem Druck standgehalten. „Sobald einer einen Sieg gegen einen Top-10-Spieler landet, wird er in allen Medien gepusht bis zum Ende. Er hat dann plötzlich das Gefühl, dass er fürs gesamte deutsche Darts spielt“, sagt Warnecke. Seit der ersten Qualifikation vor einem Jahrzehnt sind die Deutschen stets spätestens in Runde zwei ausgeschieden. „Wir warten eben auf den einen, der das mal durchsteht.“

          Es braucht also einen Boris Becker des Darts, der den „Ally Pally“ so unbeeindruckt von allen Erwartungen der Öffentlichkeit erobert wie einst Becker Wimbledon. Münch, der reichlich desillusioniert den „Ally Pally“ verließ, will sich nun erst einmal eine der begehrten Pro-Tour-Karten erspielen, die ihm die Teilnahme an einem Großteil der Turniere sichert. Der Weg nach oben ist auch dann noch viel weiter als die 2,37 Meter von der Wurflinie zum Dart-Board.

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