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Ärger bei Springreitern : Doppel-Verweigerung im deutschen Reitsport

Christian Ahlmann ist einer der besten deutschen Springreiter. Bild: Picture-Alliance

Daniel Deußer und Christian Ahlmann, die aktuell erfolgreichsten deutschen Springreiter, starten nicht mehr für die National-Equipe. Ein Wechsel nach Belgien droht. Wie konnte das nur passieren?

          Deutsche Springreiter sind eigentlich immer für Medaillen gut. Erst vergangenes Jahr gewannen sie WM-Gold und Bronze. Ein Blick auf den Championatskader lässt allerdings zweifeln, ob das so weitergehen wird. Nur drei Reiter sind derzeit dort aufgeführt, Weltmeisterin Simone Blum mit Alice, der bewährte Marcus Ehning mit vier und Nachwuchsmann Maurice Tebbel mit zwei Pferden. Drei Leute auf dem Weg zu den Olympischen Spielen nach Tokio 2020 – das dürfte nicht reichen für ein schlagkräftiges Team. Dabei verfügt Deutschland neben diesem Trio über zwei der derzeit stärksten Reiter der Welt: Daniel Deußer und Christian Ahlmann.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Der 38 Jahre alte Deußer steht an der Spitze der westeuropäischen Weltcup-Qualifikation, der 44 Jahre alte Ahlmann an zweiter Stelle gleich dahinter. Beim Finale Anfang April in Göteborg gehören sie zu den Favoriten. Und das Beste daran: Beide haben gleich mehrere junge Pferde zur Auswahl. Nicht nur die Konkurrenz wundert sich, warum sie trotzdem seit zwei Jahren bei keinem einzigen Nationenpreis – den klassischen Länderkämpfen – mehr für Deutschland geritten sind.

          Der Grund: Die beiden Reiter und ihr Verband, die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN), haben sich total auseinandergelebt. Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro trugen Deußer und Ahlmann zum vorerst letzten Mal den Roten Rock. Die deutsche Equipe holte Bronze. Seitdem weigern sie sich, die Athletenvereinbarung – den Vertrag zwischen Kadersportlern und Verband – zu unterschreiben. Die Verhandlungen ziehen sich hin. Zuletzt, am Rande des Weltcupturniers im Januar in Leipzig, sei man sich näher gekommen, heißt es vage. Zur Zeit reiten beide in Doha. Aber nächste Woche besucht eine Abordnung aus Warendorf mit dem Präsidenten Breido Graf zu Rantzau an der Spitze die beiden Reiter jeweils zuhause, um sie umzustimmen. Die Lage ist inzwischen so heikel geworden, dass sich die Beteiligten – auch Bundestrainer Otto Becker und Sportchef Dennis Peiler – nicht mehr zu Inhalten äußern wollen. Wenn alles schief geht, sind die beiden nämlich weg. Deußer sagt nur soviel: „Die Gäste von der FN sind mir willkommen. Aber dazu, wie das Gespräch ausgehen wird, kann ich keine Prognose abgeben.“

          Bei den Olympischen Spielen 2016: Daniel Deußer (Zweiter von links) und Christian Ahlmann (rechts) gemeinsam mit ihren damaligen Teamkollegen Ludger Beerbaum und Meredith Michaels-Beerbaum

          Deußer, der Offensivere der beiden, hat bei einer Pressekonferenz im Februar, nach seinem Weltcupsieg in Bordeaux, die Auseinandersetzung angeheizt, indem er ankündigte, die Nationalität zu wechseln, sollten die Verhandlungen mit der FN scheitern. Der F.A.Z. bestätigte er, dass dies keine leere Drohung war: „Ich habe mich informiert.“ Der gebürtige Wiesbadener lebt schon seit zwölf Jahren in Belgien, hat in Stephan Conter einen belgischen Arbeitgeber und Pferdebesitzer, ist mit einer Belgierin verheiratet und hat ein Kind mit belgischem Pass. „Weh täte es schon“, sagt Deußer, wenn er nicht mehr für Deutschland starten würde. Aber sein Chef scheint langsam die Geduld zu verlieren. „Er hat zwei Jahre lang gewartet. Natürlich fragt er: Wie sieht es mit einem Championat aus?“

          Ahlmann, der schon 2004 zur deutschen Olympia-Equipe gehörte, hat zwar seinen Lebensmittelpunkt in Marl im Ruhrgebiet, aber auch starke Beziehungen zu Belgien. Die Mutter seines Kindes ist Belgierin und Besitzerin des Zucht-Imperiums Zangersheide in Lanaken. Er reitet seit langem die Pferde seiner Hamburger Mäzenin Marion Jauß, stellt aber auch mit großem Erfolg die jungen Zuchthengste von Zangersheide auf dem Turnier vor. Er möchte die Diskussion nicht mit knackigen Aussagen befeuern, sondern sagt der F.A.Z. vorsichtig: „Ich möchte Spaß haben an dem, was ich mache und mich einbringen, so gut ich kann. Aber wenn ich denke, das hat keinen Sinn, dann mache ich es eben nicht.“

          Die Athletenvereinbarung verpflichtet die Reiter auf die Teilnahme am Anti-Doping-Programm für Mensch und Tier. Dazu kommt die von vielen kritisierte und von Claudia Pechstein vergeblich angefochtene Schiedsvereinbarung. Damit verzichtet der Sportler im Fall einer Auseinandersetzung darauf, ein ordentliches Gericht anzurufen. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung kann sich rühmen, der einzige Verband weltweit zu sein, der auch Trainingskontrollen bei Pferden vornehmen lässt, zu denen sich die Reiter im Vertrag bereit erklären müssen.

          Nicht einverstanden mit der Athletenvereinbarung

          Warum aber die Doppel-Verweigerung von Deußer und Ahlmann? Sie sind an mehreren Stellen nicht mit dem Inhalt einverstanden. Das Doping-Testprogramm für Pferde befürworten sie beide uneingeschränkt, darauf legen sie Wert. Schließlich wissen sie, dass dieses im lukrativen Profi-Geschäft unverzichtbar ist. Das Testprogramm für Reiter allerdings halten nicht nur sie für übertrieben. Im belgischen Sportsystem etwa gilt die Überzeugung, dass die Pferde als Athleten angesehen werden müssen und nicht die Menschen. In Deutschland unterliegen sie den gleichen Bestimmungen wie etwa die Gewichtheber.

          Deußer und Ahlmann kritisieren aber vor allem, dass im Rahmen der Trainingstests Dinge von ihnen verlangt werden, die sie nicht wirklich kontrollieren können. Etwa der uneingeschränkte Zugang zu den Pferden, die sie zwar reiten, die aber anderen Leuten gehören und womöglich in deren Stall stehen. Oder die Androhung einer Strafe, sollte im von der FN verlangten Stallbuch eine Medikation falsch oder gar nicht eingetragen sein – wobei im Pferdesport zwischen Medikation (zu Therapiezwecken) und Doping (zur puren Leistungssteigerung) unterscheiden wird. Aus Pannen, Fehlleistungen von Tierärzten oder Pferdepflegern könnte ihnen so großer Schaden entstehen. Unter diesen Umständen wollen sie schon gar nicht auf den ordentlichen Rechtsweg verzichten. Bis 2016 haben die beiden trotzdem unterschrieben, wenn auch mit einem unguten Gefühl und immer erst kurz vor dem Championat. Als sie plötzlich ultimativ schon zum Saisonbeginn dazu aufgefordert wurden, machten sie dicht.

          Auf Wohlwollen des Verbandes hoffen in Zweifelsfällen beide nicht. „Wenn ich spüren würde, dass die Föderation hinter mir steht, könnte ich darüber nachdenken, die Vereinbarung zu unterschreiben. Aber ich habe das Vertrauen verloren“, sagt Deußer. Und Ahlmann betont: „Ganz wichtig ist für mich, dass man das Gefühl hat, zusammenzuarbeiten. Dass man Vertrauen hat.“ Wo aber ist dieses Vertrauen hin? Beide haben schlechte Erfahrungen mit der FN gemacht, als sie in Schwierigkeiten waren. Bei Christian Ahlmanns Pferd Cöster wurde 2008 beim Olympischen Turnier in Hongkong – ebenso wie bei vier anderen Reitern – die Substanz Capsaicin nachgewiesen. Alle fünf Reiter wurden vom Weltverband zu vier Monaten Sperre verurteilt. Man nahm zu ihren Gunsten an, dass die Substanz zur Entspannung des Rückens, und nicht zur Hypersensibilisierung der Beine angewendet worden war – was „Doping“ wäre.

          Die deutsche FN allerdings brachte Ahlmanns Fall vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas, der seine Sperre – jetzt wegen Dopings – verdoppelte. Außerdem schloss ihn die FN, auch unter dem Druck damaliger Fernseh-Verhandlungen, für zwei Jahre aus dem Kader aus. Er wurde also für das identische Vergehen auf Betreiben des eigenen Verbandes erheblich schärfer bestraft als seine vier internationalen Kollegen. FN-Präsident Graf Rantzau bezeichnete dies später als schwersten Fehler seiner Amtszeit.

          Alleine gelassen vom eigenen Verband?

          Bei Deußers Stute Pristanna wurde 2007, als er noch für den niederländischen Pferdehändler Jan Tops ritt, in den Vereinigten Staaten ein Beruhigungsmittel gefunden. Er erhielt vom amerikanischen Verband eine dreimonatige Sperre. Die FN verweigerte ihm daraufhin zusätzlich die Turnierlizenz für 2008. Ein Rechtsstreit um Schadenersatz wegen entgangener Preisgelder endete erst im November 2017 vor dem Landgericht Dortmund mit einem Vergleich – über die Summe wurde Stillschweigen vereinbart.

          Beide Fälle wären heute nicht mehr möglich: Inzwischen sieht die FN davon ab, abgeschlossene Verfahren noch einmal national aufzurollen. Doch das Gefühl, vom eigenen Verband nicht nur allein gelassen, sondern unangemessen verfolgt zu werden, ist bei beiden geblieben. Die Solidarität der FN mit der Vielseitigkeitsreiterin Julia Krajewski im Jahr 2017 verstärkte noch das Gefühl der Ungerechtigkeit. Bei ihrem Pferd Samourai du Thot wurde bei der EM im Sommer eine verbotene Medikation nachgewiesen. Der Verband unterstützte sie nach Kräften beim Versuch, ihre Unschuld zu beweisen, feuerte den Tierarzt und stellte ihre Stelle als Bundestrainerin der Junioren nie in Frage.

          2016 noch im Roten Rock: Christian Ahlmann war in Rio De Janeiro Teil des Olympia-Teams.

          Die Enttäuschung und Verletzung der Springreiter führt zu der Frage, ob das Abändern von Paragraphen in der Athletenvereinbarung das tiefe Zerwürfnis überhaupt reparieren könnte. „Meine Traumvorstellung wäre, dass man von beiden Seiten ein bisschen mehr Respekt hat“, sagt Ahlmann. Auch Deußer macht die Tür nicht zu. „Ich wünsche mir ein Signal: Wir machen das zusammen. Wir entwickeln gemeinsam ein Papier, das alle mit gutem Gewissen unterschreiben können.“ Der Weg zu einer Lösung, so scheint es, steht voller Hindernisse. Und nicht nur das: Beide Seiten müssten auch noch über ihren Schatten springen.

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