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Bamberg in der Krise : Schiff ohne Kurs

  • -Aktualisiert am

Tyrise Rice spricht während des Spiels gegen Rasta Vechta mit seinem damaligen Trainer Ainars Bagatskis – es war das letzte Spiel als Brose- Coach. Bild: Picture-Alliance

Fast ein Jahrzehnt prägte Bamberg die deutsche Basketball-Landschaft. Doch in letzter Zeit ist der frühere Serienmeister gehörig ins Schlingern geraten. Wer kann das Bamberger Schiff wieder auf Kurs bringen?

          Wenn ein Klub, der zwischen 2010 und 2017 sieben von acht Meistertiteln gewann, einen Neustart ankündigt, wird dieser vermeintliche Paradigmenwechsel von allen Seiten mikroskopisch genau beobachtet und hinterfragt. Aber im Falle von Brose Bamberg bedarf es keiner Lupe, um zu konstatieren, dass die im Sommer 2018 gedrückten Knöpfe die falschen waren. Nach einer turbulenten Saison mit der Trennung von Meistertrainer Andrea Trinchieri und der Halbfinal-Niederlage gegen den neuen Platzhirsch Bayern München wurde vieles auf links gedreht. Michael Stoschek, der Vorsitzende des Aufsichtsrates, kündigte an, dass der Verein aus dem (finanziellen) Wettlauf mit den Münchnern um die Meisterschaft aussteigen wolle. Aber die Veränderungen setzten keine Entwicklung in Gang, weil sie einer Linie entbehren. Bamberg kommt aus den Turbulenzen nicht heraus. Nach der undurchsichtigen Trennung von Geschäftsführer Rolf Beyer im November entließ der Verein am Wochenende Cheftrainer Ainars Bagatskis.

          Der erst vor der Saison verpflichtete Lette musste nach nur 15 Bundesligaspielen seinen Hut nehmen. Die dritte Heimniederlage in Serie gegen Rasta Vechta glich einem Offenbarungseid. Das Team mit dem zweithöchsten Etat der Liga wurde vom Aufsteiger vorgeführt und gedemütigt. Eine Verbesserung in der Spielanlage war in den vergangenen Wochen nicht erkennbar, vor allem in der Verteidigung blieb die Zahl der Baustellen immens. Bagatskis schaffte es nicht, dem Team eine Identität zu verpassen, was angesichts der Zusammenstellung des Kaders ein herausforderndes Projekt gewesen war.

          Seit dem Wechsel von Sportdirektor Daniele Baiesi zum Rivalen München im Sommer 2017 fällt Bamberg mit einer fragwürdigen Verpflichtung nach der nächsten auf. Die Expertise des Italieners fehlt bei der Zusammenstellung des Kaders. Seinem Nachfolger Ginas Rutkauskas mangelt es offensichtlich an einem Konzept. Es käme jedenfalls nicht überraschend, wenn auch er sich bald aus der Domstadt verabschieden müsste.

          Wer kann das Schiff wieder auf Kurs bringen?

          Angesichts der Aussagen und Vorgaben wäre es zu erwarten gewesen, dass Bamberg stark auf die Entwicklung junger Spieler setzt, zumal mit dem Österreicher Stefan Weissenböck ein herausragender Individualtrainer zur Verfügung steht. Doch der von der NBA gedraftete, im deutschen Basketball sozialisierte Arnoldas Kulboka hat erst acht Bundesligaspiele bestritten. Der 21-Jährige setzt in der Regel als siebter Ausländer aus. 2018 war der Litauer nach Italien ausgeliehen worden, wo er die Möglichkeit hatte, über Spielzeit Erfahrungen zu sammeln. Centertalent Leon Kratzer, 2017/18 als Leihgabe in Würzburg unterwegs, wurde ebenso zurückbeordert, aber nach nur vier Spielen und insgesamt 14 Minuten Einsatzzeit wechselte er zu den Fraport Skyliners. Zu diesen beiden Rückkehrern stieß kein weiteres junges Talent hinzu, so dass nur noch Louis Olinde verbleibt, der aktuell aber weit von seinem erhofften Durchbruch entfernt ist.

          Gleichzeitig ist Ricky Hickman im Kader geblieben. Ausgerechnet jener Spieler, dem man die Hauptschuld an der verkorksten Saison 2017/18 zugewiesen hatte. Zweifellos war es unmöglich, für den wohl teuersten Profi der Liga angesichts seiner überschaubaren Leistungen einen neuen Klub zu finden. Aber es wäre konsequent gewesen, auf ihn zu verzichten. Auch der als Euroleague- und Eurocup-Champion sowie mit individuellen Auszeichnungen hochdekorierte Tyrese Rice schafft es nicht, Konstanz in sein Spiel zu bringen. Seine Kritiker werfen dem prominentesten Neuzugang vor, dass er zu eigensinnig spiele, seine Befürworter entgegnen, dass ihm bei der Qualität der Mannschaft kaum eine andere Wahl bleibe.

          Ausgerechnet in dieser vertrackten Situation sollen zwei Neulinge das Schiff wieder auf Kurs bringen. Der 41 Jahre alte Arne Dirks hat seit dem 1. Januar das Amt des Geschäftsführers inne, und der erst 34 Jahre alte Federico Perego, unter Trinchieri noch zweiter Assistent, soll (zunächst) als Cheftrainer arbeiten. Am Mittwoch unterlag er bei seinem Debüt mit 67:84 gegen Litkabelis Panevezys (Litauen). Sollte er am Sonntag im Pokalhalbfinale gegen Bonn (18 Uhr bei MagentaSport) nicht gewinnen, wird der junge Italiener wohl zurück ins zweite Glied rücken müssen. Als erster Kandidat für den Cheftrainerposten gilt der Serbe Sasa Obradovic. Der frühere Berliner genießt den Ruf eines bedingungslosen Schleifers – genau der Typ, den Michael Stoschek in dieser Situation sucht.

          Der Autor war zweimal Trainer des Jahres.

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