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Unser täglich Buch (3) : Tennis ist wie Mathematik

Sein Essay über Roger Federer gehört zu den besten Arbeiten von David Foster Wallace. Bild: dpa

Wer sich heutzutage literarisches Tenniswissen aneignen möchte, muss meist auf englische Werke zurückgreifen. Vor allem bei zwei Autoren findet sich alles, was das Tennisherz begehrt. Die FAZ.NET-Serie zur Buchmesse.

          Wie reizvoll wäre es gewesen, an dieser Stelle ein besonderes Stück deutscher Tennisliteratur zu besprechen! So wie in den guten alten Zeiten, als Intellektuelle und Schriftsteller wie Martin Walser nicht nur mit den deutschen Tennishelden Becker, Stich und Graf fieberten, sondern sich auch mit Lust und Sachkenntnis an ihnen abarbeiteten. Dazu kamen damals noch all die Bildbände und Biographien über die drei Champions, die zwar literarisch anspruchslos waren, aber dem Tennisfreund immerhin dabei halfen, über den turnierfreien Winter zu kommen.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und heute? Leere Regale. Obwohl es nicht an gutem Stoff mangelt. Allein Tommy Haas bietet genug davon: Schon in jungen Jahren gefeiert und von privaten Geldgebern gefördert, musste er jahrelang gegen den Vergleich mit seinen erfolgreichen Vorgängern kämpfen. Haas’ Karriere ist so voller Verheißungen, Verletzungen und allerlei Turbulenzen, dass allein deren bloße Nacherzählung packenden Stoff für viele Seiten böte.

          Oder Angelique Kerber. Wie die Kielerin, die schon mit Anfang zwanzig ans Aufhören dachte, weil sie monatelang bei jedem Turnier in der ersten Runde scheiterte, ihre Selbstzweifel dann doch überwand, die Kurve kriegte und zur besten Tennisspielerin der Welt aufstieg - das wäre eine tolle Story samt Happy End 2016. Auch sie bleibt bis auf weiteres ungeschrieben.

          Leidenschaftlich und fachkundig

          Also muss sich der geneigte Leser an englischsprachige Titel halten. Vor allem bei David Foster Wallace findet er alles, was das Tennisherz begehrt. Die fünf Essays des 2008 gestorbenen Schriftstellers sind zwar schon zu seinen Lebzeiten in verschiedenen Zeitschriften erschienen und einem speziellen Leserkreis bekannt. Nun aber sind sie erstmals in dem hübsch gestalteten Band „String Theory“ gemeinsam veröffentlicht.

          Foster Wallace, in seiner Jugend einer der besten Tennis-Junioren im Mittleren Westen Amerikas, nähert sich dem Spiel von verschiedenen Seiten. Er beschreibt seine eigenen Werdegang, wie er scheinbar übermächtige Gegner bezwang, indem er sich auf sein geometrisches Denken verließ.

          Denn Tennis, so schreibt Foster Wallace, beruhe im Grunde auf Mathematik. Es erfordere die Fähigkeit, „nicht nur die Winkel der eigenen Schläge zu berechnen, sondern sogleich auch die Winkel der Rückschläge“. Wenn sich ein Spieler darüber hinaus noch den unberechenbaren Wind zunutze zu machen versteht, kann er mehr erreichen, als sein sportliches Talent eigentlich hergibt.

          Der amerikanische Autor David Foster Wallace in San Francisco

          Ebenso leidenschaftlich und fachkundig wie seine eigene Karriere nimmt Foster Wallace eine Autobiographie von Tracy Austin auseinander, kritisiert die fortschreitende Kommerzialisierung bei den US Open und analysiert auf ebenso anschauliche wie literarisch anspruchsvolle Weise zwei Profis, die verschiedener nicht sein können.

          Hodgkinson setzt dort an, wo Wallace aufhört

          Zum einen beobachtet er den damals vielversprechenden Grundlinienspieler Michael Joyce, dessen größter Erfolg es allerdings blieb, Maria Scharapowa als Trainingspartner zu dienen.

          Zum anderen gehört seine essayistische Eloge auf Roger Federer zum Großartigsten, was über den Schweizer je geschrieben wurde. Der Autor bekennt sich dazu, vor dem Fernseher zu jauchzen und zu jubeln, wenn dem Maestro wieder mal ein Schlag gelungen ist, der bis dahin unmöglich schien.

          Diese „Federer-Momente“, wie Foster Wallace sie nennt, mögen allzu affirmativ anmuten, sind aber wohlbegründet. Die Ästhetik in Federers Spiel könnte man „als eine Schönheit der Bewegung“ bezeichnen, gar als „religiöse Erfahrung“.

          Der Brite Mark Hodgkinson setzt dort an, wo Foster Wallace aufgehört hat. Sein aufwendig gestaltetes Buch „Fedegraphica“ über den Schweizer ist gleichermaßen eine Augenweide und ein Lesegenuss. Federers spektakuläres Spiel und seine Fähigkeit, Gegner unmerklich zu manipulieren, werden in vielen Grafiken und Texten analysiert. Doch eigentlich, schreibt Hodgkinson, ist „Federers Spiel wie für Youtube gemacht“. Als perfekte Ergänzung zu den Videoschnipseln werden diese Bücher bleiben.

          Besprochene Bücher

          String Theory: David Foster Wallace on Tennis, Library of America 2016, 158 Seiten, 14,95 Euro.

          Mark Hodgkinson: Fedegraphica: A Graphic Biography of the Genius of Roger Federer, Aurum Press 2016, 272 Seiten, etwa 22 Euro.

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