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Wahl des neuen DHB-Präsidenten : Zwischen Hähnchen und Handball

In sicheren Händen? Der DHB braucht eine neue Führung Bild: dpa

Der Deutsche Handball-Bund hat unruhige Zeiten hinter sich. Nun soll der Oberbürgermeister von Aschersleben den Verband in die Zukunft führen. Zuvor beschäftigt sich Andreas Michelmann noch mit gebratenem Geflügel.

          In Aschersleben tut sich was, sehr zur Freude von Andreas Michelmann. Eine Hähnchengrill GmbH hat in der Stadt gerade eine neue Betriebsstätte errichtet, ein Millionenprojekt. Die Brutzler schaffen Beschäftigung - und sind ziemlich angetan von Michelmanns Unterstützung: „Die Willkommenskultur hat uns beeindruckt.“ Der Oberbürgermeister Michelmann wird aber auch anderswo gern gesehen, zum Beispiel beim Deutschen Handball-Bund (DHB), der mit dem Kommunalpolitiker aus Sachsen-Anhalt jetzt seine Zukunft gestalten möchte. Michelmann soll beim außerordentlichen DHB-Bundestag an diesem Samstag in Hannover zum neuen DHB-Präsidenten gewählt werden. Er würde die Nachfolge des zurückgetretenen Schwaben Bernhard Bauer antreten.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Michelmann muss den größten Handballverband der Welt konsolidieren, der DHB hat schließlich äußerst unruhige Zeiten hinter sich. Mit Zwistigkeiten zwischen Bauer und Bob Hanning, dem umtriebigen Vizepräsidenten für Leistungssport. Mit geharnischten Auseinandersetzungen zwischen Heiner Brand, der Ikone des deutschen Handballs, und Hanning. „Die Leute“, sagt Hanning angesichts der Kontroversen, „haben über uns gelacht. Der Imageschaden war groß.“

          „Der Knoten ist geplatzt“

          Der Germanist Michelmann, bisher Vizepräsident für Amateur- und Breitensport und maßgeblich an der Entwicklung des Beachhandballs beteiligt, war nach einem Machtgezerre im DHB von einer Findungskommission zum alleinigen Kandidaten für Hannover bestimmt worden. „Vor allem freue ich mich, dass, nachdem wir lange nur übereinander geredet haben, offenbar der Knoten geplatzt ist und wir miteinander ins Gespräch kommen“, sagt Michelmann, der schon mal hatte antreten wollen, dann aber zugunsten Bauers zurückzog.

          Der DHB will mit ihm an der Spitze Strukturreformen umsetzen und seine Professionalisierung vorantreiben. So fordert auch Frank Bohmann, Geschäftsführer der Handball-Bundesliga, dass im deutschen Handball „viel mehr Verantwortung“ an Profis übertragen werden müsse. Es gibt somit eine Menge zu erledigen, auch wegen der Frauen-Weltmeisterschaft 2017 in Deutschland und der Männer-Weltmeisterschaft 2019, die Deutschland gemeinsam mit Dänemark ausrichtet.

          Andreas Michelmann soll neuer DHB-Präsident werden

          Michelmann, der Deutschland wieder zu einer der führenden Handball-Nationen machen möchte, muss mit Hanning auskommen, dem vorgeworfen wird, häufig eigene Wege zu gehen. Und Michelmann will mit Hanning kooperieren. Er lobt dessen Kompetenz und dessen großen Wert für den deutschen Handball. Und Hanning, auch Geschäftsführer der Füchse Berlin, preist Michelmann als einen Funktionär, der in der Vergangenheit „sehr pragmatisch“ gehandelt habe, „der Führungsstärke auch in der Krise gezeigt hat“. Er ist von einem gedeihlichen Miteinander überzeugt, zumal Michelmann ihm versichert habe, ihm „auf Augenhöhe“ begegnen zu wollen.

          In erster Linie Brand hatte Hanning heftig attackiert wegen seines angeblichen Hangs zur Selbstdarstellung. Der Berliner nennt die Angriffe des früheren Bundestrainers selbst entlarvend - und kündigt an, im Fall des Falles ein unbequemer Mann bleiben zu wollen. „Ich werde nicht versuchen, mir Freunde zu machen“, sagt Hanning. Er spricht im Zusammenhang mit seinem Wirken im Handball von „Ehrlichkeit, Geradlinigkeit, Transparenz“. Und hält es für notwendig, „von hintenraus zu denken“, um Prozesse anzuschieben. „Ich lasse mich gerne an dem Erreichten messen.“ Hanning hat allerdings auch festgestellt, dass „Verbandsarbeit und Vereinsarbeit nicht unbedingt kompatibel sind“. Ein Klub, sagt der Berliner Manager, sei einfacher zu führen. Er betont, sich künftig darauf einstellen zu wollen.

          Die Bundesliga steht zu Michelmann, aber auch zu Hanning. Bohmann glaubt, dass Michelmann sich ohne weiteres ein Handball-Netzwerk aufbauen könne, wie dies zuvor auch Bauer gelungen sei. „Man sollte ihm erst mal volles Vertrauen schenken. Er muss seine Chance bekommen.“ Und auch mit Hanning ist die Liga offenbar zufrieden. Bohmann zumindest behauptet, dass der Berliner nie mit gezinkten Karten gespielt habe, dass er sich sogar mehr Hanning als weniger Hanning im deutschen Handball wünschen würde.

          Hannover - ein harmonischer Neustart für den deutschen Handball? Womöglich wird es nicht unbedingt so kommen. Kurt Hochstuhl, Chef des Südbadischen Handballverbandes, möchte in jedem Fall Klartext reden nach den jüngsten Vorkommnissen. Er sagte gegenüber der „Handballwoche“: „Ein bloßes „Weiter so“, ein Umklappen der Seite, darf es ohne offene Diskussion nicht geben.“ Dem DHB sollen dennoch Flügel wachsen - die Materie ist Michelmann ja nicht ganz unbekannt.

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