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Gesamtführender der Vuelta : Der andere Yates

  • -Aktualisiert am

Der Vuelta-Führende Simon Yates. Bild: AP

Beim Giro im Mai war er noch eingebrochen, nun hat er gute Chancen auf den Gesamtsieg bei der Vuelta: Der britische Radprofi Simon Yates ist zurück. Ein Kniff soll ihm zum Erfolg verhelfen.

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          Die Straßenfeger blasen noch den Schmutz vor der Rennstrecke. Ein paar Schafe schauen zu. Sie zupfen Gras unter einem der klassischen Pfahlbauten, den Horreos, die einst als Getreidelager dienten. Ansonsten herrscht in Ribera de Arriba, einem Ort mit nicht einmal 2000 Einwohnern, Stille. Auch noch drei Stunden, bevor der Startschuss der 15. Etappe der Spanien-Rundfahrt hier fallen wird.

          Die Vuelta berührt verlassene, spärlich besiedelte Gegenden. Nicht, dass sie diese wirklich zum Leben erwecken würde. Die wenigen Menschen, die hier wohnen, schauen kurz auf, wenn die Vuelta ihre Stippvisite macht. Sie unterbrechen für ein, zwei Stunden ihren gewohnten Ablauf, um dann wieder in ihren Alltag zurückzufallen. Der Vuelta-Tross ist zu klein, zu überschaubar, als dass er tiefere Wirkung hinterlässt.

          Das ist die romantische Seite der Spanien-Rundfahrt. Anders als das Großspektakel Tour de France belässt sie die Orte, wie sie sind. So sind auch nur wenige Banner angebracht, die später weggeräumt werden müssen. Der ökologische Fußabdruck bleibt vergleichsweise klein.

          Sportlich ist dieses Radrennen allerdings hoch attraktiv. Auf den Bergetappen, die von den Organisatoren in die asturische Felsenlandschaft gelegt wurden, halten sich die Favoriten keineswegs zurück. Sie belauern sich, einerseits, aber sie vergessen auch die Attacke nicht. Ein halbes Dutzend Mal trat zum Beispiel am Samstag Nairo Quintana auf dem kurzen, aber enorm steilen Anstieg in Les Praeres de Nava an. Immer wieder riss er eine Lücke, gefolgt nur von seinem kolumbianischen Landsmann Miguel Angel Lopez. Doch Quintana konnte sich nicht entscheidend entfernen. Vor allem, weil die niederländische „Lokomotive“ Steven Kruijswijk den Anschluss jedes Mal wiederherstellte. Kurz vor dem Ziel war es dann Simon Yates, der doch noch davonzog und das Rote Trikot des Führenden zurückeroberte, das zuvor der Spanier Jesus Herrada getragen hatte. Er kam am Samstag mit deutlichem Rückstand ins Ziel.

          Immer auf Angriff

          Yates und Quintana bestimmten mit ihrem Bergsprint-Duell bislang diese Vuelta. Das bessere Ende hatte dabei meist der Brite. Er interpretiert diese Spanien-Rundfahrt so, wie er im Mai auch schon den Giro d’Italia absolviert hatte: immer auf Angriff eingestellt, nie an das Morgen denkend. Die Frage aber war nach dem Samstag: Wie lange kann er diese Strategie durchhalten? Beim Giro war Yates in den letzten Tagen eingebrochen, er hatte aber zuvor den Briten Christopher Froome zu außergewöhnlichen Leistungen angetrieben. „Ich weiß noch, wie es mir damals beim Giro ging. Ich habe aus den Fehlern gelernt. Ich teile jetzt meine Kräfte ökonomischer ein“, sagte Yates.

          Am Samstag hatte er das eindrucksvoll demonstriert. Yates blieb bei Quintanas Vorstößen kühl und setzte erst spät den entscheidenden Schlag. Ob der Lernprozess jedoch für seinen ersten Grand-Tour-Sieg ausreicht, wird die ebenfalls schwere dritte Woche der Vuelta zeigen. Sein Team Mitchelton führt derweil einen neuen Stil in den Radsport ein. Es hält sich partout nicht an die Regel, dass das Team des Spitzenreiters jede Etappe kontrollieren muss. Yates trug bereits mehrere Tage das Leadertrikot, doch es war nicht so, dass seine Teamkollegen deswegen eine bestimmende Rolle übernommen hätten. Ihre Taktik war darauf ausgerichtet, dass andere die Arbeit übernehmen – das Team Movistar etwa mit den Spitzenfahrern Quintana und Alejandro Valverde. Valverde beschwerte sich denn auch bitter über den mangelnden Einsatz der Mitchelton-Profis. „Sie nutzen die anderen immer nur aus, machen kaum selbst die Nachführarbeit“, klagte der Routinier. Mitchelton-Scott, für das auch Yates’ Zwillingsbruder Adam in die Pedale tritt, gibt vor, nicht über die Möglichkeiten zu verfügen, um ein Rennen komplett zu beherrschen. Ein geschickter Zug – auch weil der australische Rennstall damit nicht unbedingt in Gefahr gerät, skeptisch betrachtet zu werden wie das Team Sky, das etwa die Tour in unvergleichlicher Manier dominiert. Ein Vergleich mit den Briten wäre fragwürdig. Das weiß Teamchef Matthew White, einst selbst Profi bei der Equipe US Postal und nach später Doping-Beichte – mit kurzer Suspendierung – schnell wieder zurück bei Australiens rollendem Vorzeigeprojekt, ziemlich genau.

          Für das Rennen ist diese Konstellation in jedem Fall fruchtbar. Schon mehrere Male kamen bei der Vuelta Fluchtgruppen durch, teilweise mit riesigen Vorsprüngen von mehr als elf Minuten. Durch einen solchen Parforceritt der Außenseiter hatte Yates zwischendurch auch Platz eins verloren. Jetzt aber trägt er wieder das Rote Trikot, das er am Sonntag auf der 15. Etappe verteidigte. Und bliebe das bis Madrid so, wäre das der dritte Grand-Tour-Erfolg eines Briten in dieser Saison, nach Froome beim Giro und Geraint Thomas bei der Tour. Und damit eine weitere Besonderheit im Radsport.

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