https://www.faz.net/-gtl-8l2tg

Vuelta : Kontrollverlust für die Kontrollfreaks

  • -Aktualisiert am

Da war es noch ein Duell: Christopher Froome ist in den vergangenen Tagen immer am Hinterrad seines großen Rivalen Nairo Quintana geblieben – bis zum Sonntag. Bild: AFP

Froome scheint im Duell mit Vuelta- Spitzenreiter Quintana gerade wieder auf Augenhöhe, da bringt ihn ein Überraschungscoup in höchste Not. Der Sieg ist in weite Ferne gerückt.

          3 Min.

          Panik machte sich breit im Gesicht von Chris Froome. So etwas hatte er noch nie erlebt, seitdem er zum Rundfahrer geworden war. Mit einem massiven Angriff nach nicht einmal 20 Kilometern der 15. Etappe der Vuelta a España setzte sich sein Rivale Nairo Quintana mit gleich dreien seiner Helfer vom Briten ab. Die Männer um Quintana profitierten dabei von einem genialen Schachzug Alberto Contadors.

          Ganz vom Geiste von Fuente Dé inspiriert – jener inzwischen legendären 50-Kilometer-Solofahrt, die ihm 2012 den Vuelta-Sieg bescherte –, trat der Spanier zu einem Zeitpunkt an, als sich die meisten Profis im Peloton noch nicht einmal warm gefahren hatten. Schnell holte die gut kooperierende Gruppe zweieinhalb Minuten Vorsprung auf den Briten heraus, der den Anschluss verpasst hatte.

          Isolierter Froome auf Schadensbegrenzung aus

          Dessen Probleme verschärften sich durch eine weitere clevere Aktion von Movistar. In der Verfolgergruppe erhöhten sie derart das Tempo, dass auch das Gros der Froome-Helfer abgehängt wurde. Der Sky-Kapitän war isoliert und konnte nur noch versuchen, Schadensbegrenzung zu betreiben – totaler Kontrollverlust. Eine denkwürdige Etappe für Froome, der mit gut zweieinhalb Minuten Rückstand auf Quintana ins Ziel kam und jetzt in der Gesamtwertung schon 3:37 Minuten hinter dem Kolumbianer auf Rang zwei liegt. Quintana überließ den Tagessieg generös dem Italiener Gianluca Brambilla, und Contador arbeitete sich dank seiner mutigen Attacke auf Rang vier (4:02 Minuten) im Klassement vor.

          Muss die Vorfahrt seines Rivalen Quintana beachten: Christopher Froome

          Die Ereignisse kamen umso überraschender, als Froome gerade wieder eine aufsteigende Formkurve nachwies. Am Samstag, auf der vom Profil her wesentlich schwereren Pyrenäen-Etappe zum Col d’Aubisque, hatte er erstmals Quintanas Attacken relativ mühelos parieren können. Der Kolumbianer hatte ihn zwar im Zielsprint knapp bezwungen. Aber vor allen Dingen hatte Froome aber fünf, sechs Attacken Quintanas mit leichtem Tritt abwehren können.

          Die Stimmung war deshalb optimistisch im improvisierten Sky-Lager auf dem Col d’Aubisque. Die Helfer auf dem Rad, Leo König und David Lopez, umarmten sich. Mit zufriedenem Gesichtsausdruck schlüpfte auch der Chef selbst in seine Jacke und ließ sich den Weg bergab zum Teambus bahnen. Keine Energie durch Reden vergeuden, schnell zum Bus ins Tal und umgehend das Regenerationsprogramm beginnen, lautete die Devise jetzt. Froome glaubte wieder an den Sieg bei dieser so unvorhersehbaren Rundfahrt durch spanische Lande. Und auch sein in der ersten Woche nachdenklich gewordenes Umfeld fand den Glauben an seinen Spitzenmann wieder. Deshalb wurden die eingespielten Routinen der Etappenvor- und nachbereitung jetzt wieder kompromissloser umgesetzt.

          Tagessieger von Quintanas Gnaden: Gianluca Brambilla

          Selbstbewusst meinte da noch Sky-Helfer Leo König, während er sich kurz hinter der Ziellinie auf dem Col d’Aubisque trockene Sachen überstreifte: „Froomey hat einen guten Job gemacht. Ich sehe ihn von Tag zu Tag stärker werden. Wenn die Tendenz anhält, holt er sich beim Zeitfahren Platz eins, und ich komme auch noch aufs Podium.“

          Quintana hat die Vuelta noch nicht gewonnen

          24 Stunden später waren diese Träume jäh zerstoben. Quintana ließ sich von dem kleinen Rückschlag am Samstag nicht irritieren. Schon da hatte Movistar einen brillanten Plan entwickelt. In der gigantischen Fluchtgruppe von 41 Mann waren gleich drei Helfer des Kolumbianers positioniert. Sie sollten im Finale als Relaisstationen dienen. „Die besten Pläne funktionieren aber nicht, wenn man nicht die Beine hat. Es war Pech für uns, dass Alejandro Valverde schon am Fuß des Anstiegs ausfiel und es deshalb zum Kampf Mann gegen Mann zwischen Froome und Quintana kam. Da zeigte Froome, „dass er wieder gleichauf mit Nairo ist“, sagte Movistars Teamchef Eusebio.

          Für den Folgetag organisierte es seine Mannschaft aber geschickt, dass es gar nicht zum Eins-zu-eins-Duell kam. Froome wurde kurzerhand schachmatt gesetzt. Seine Anteile daran hatte auch der am Vortag noch schwache Alejandro Valverde. Seine Initiative riss die Verfolgergruppe auseinander. Quintana hat mit diesem denkwürdigen Tag die Vuelta noch nicht gewonnen. Froome gilt als der stärkere Zeitfahrer. Die Aufgabe für ihn nimmt nun aber heroische Ausmaße an. Movistar hingegen hat die Radsportgeschichte um eine besondere Episode bereichert. Und die Vuelta macht ihrem Ruf als völlig verrückte Rundfahrt abermals alle Ehre. Die Protagonisten sollten aber gewarnt sein. Im vergangenen Jahr holte sich Fabio Aru erst einen Tag vor Ende der Rundfahrt, den Gesamtsieg. „Manchmal ist es im Radsport so, dass an den Tagen, an denen man die größten Veränderungen erwartet, nichts passiert. dann aber, wenn man nichts erwartet, ändert sich alles“, sagte der Cheftaktiker von Movistar, Eusebio Unzue. Und dem sonst so dominanten Team Sky war die Ratlosigkeit förmlich ins Gesicht geschrieben.

          Weitere Themen

          Tränen in Tokio

          Emotionen bei Rugby-WM : Tränen in Tokio

          Die Nationalhymne als emotionale Härteprüfung: Das Rugby-Fieber der Japaner erreicht im Viertelfinale ungeahnte Höhen. Doch dann schalten die „Springboks“ den WM-Gastgeber aus. Die Trauer ist schier grenzenlos.

          FC Bayern trifft auf Olympiakos Video-Seite öffnen

          Champions League : FC Bayern trifft auf Olympiakos

          Am dritten Spieltag müssen die Bayern nach Griechenland zu Olympiakos Piräus, dem Tabellen-Dritten in der Gruppe B. Trainer Niko Kovac warnte auf der letzten Pressekonferenz vor der Partie und vor dem Gegner.

          Topmeldungen

          Borussia Dortmund : Favre und die Anzeichen der Entfremdung

          Lucien Favre ist in eine hochkomplizierte Lage hineingeraten. Obwohl keiner der Verantwortlichen den Trainer öffentlich kritisiert, dürfte er keine große Zukunft bei Borussia Dortmund haben. Wie konnte das nur passieren?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.