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Vor der Leichtathletik-WM : Zurück auf der Bühne ihres Lebens

Nur der Himmel schien ihr Grenzen zu setzen Bild: ddp

Stabhochspringerin Jelena Isinbajewa produzierte jahrelang Goldmedaillen und Weltrekorde. Dann brauchte die Maschine eine Wartung. Nun ist die Russin rechtzeitig zu Leichtathletik-WM in Daegu wieder da.

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          Jelena Isinbajewa hat eine schöne Zeit hinter sich. Sie ging mit Freunden auf Partys, sooft und solange sie wollte, sie konnte essen, worauf sie Appetit hatte, und sie ließ drei Monate lang das Training komplett sausen. Doch dann machte sich plötzlich ein Gefühl in ihr breit, das sie so intensiv nicht erwartet hatte. Das schwerreiche Hobby-Model aus Wolgograd mit Zweitwohnsitz Monte Carlo wurde eifersüchtig. Und zwar auf einfache Athleten, die müde, aber glücklich vom Training kamen. Ihre innere Stimme schrie auf: Das Leben ohne Sport ist zwar schön, aber langweilig.

          Jelena Gadschijewna Isinbajewa, russische Stabhochspringerin, weltweit erfolgreichste Leichtathletin des 21. Jahrhunderts, hatte ihre selbstauferlegte Prüfung überstanden. Das Feuer brannte wieder, sie beendete ihre Auszeit und begann, sich auf den nächsten großen Höhepunkt vorzubereiten, die WM, die kommenden Samstag in der südkoreanischen Stadt Daegu beginnt. Drei Tage später werden die Medaillen im Stabhochsprung vergeben.

          Seit 2004 hat Isinbajewa fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gab: Sie wurde Olympiasiegerin 2004 und 2008, Weltmeisterin 2005 und 2007, zudem Europameisterin 2006. Sie ist die einzige Frau, die über fünf Meter sprang, und stellte bislang 27 Weltrekorde auf. Damit wurde sie nicht nur berühmt, sondern auch sehr reich - denn die clevere Russin übernahm die ertragreiche Angewohnheit des Ukrainers Sergej Bubka, die Weltrekorde in der Halle und im Freien immer nur zentimeterweise zu steigern. Dank dieser Taktik kassierte sie immer neue Weltrekordprämien von Verband und Sponsoren. Und nur der Himmel schien der Überfliegerin Grenzen zu setzen.

          Elegante Geschäftsfrau: Weltrekorde scheibchenweise

          Doch nach ihrem bislang letzten großen Doppelschlag, dem Olympiasieg in Peking mit Weltrekordhöhe (5,05 Meter), schlich sich zum ersten Mal eine gewisse Mattigkeit in die Psyche der sonst so disziplinierten ehemalige Kunstturnerin. Alles erreicht, alles überwunden, was sollte jetzt noch kommen - außer Mann und Kindern?

          Ein Angebot, das sie nicht ablehnen konnte

          Li Ning kam, einer der erfolgreichsten Turner der Olympiageschichte, heute der größte Sportartikelhersteller Chinas. Allerdings nicht als Lebenspartner, sondern als Sponsor. In Peking war der sportliche Unternehmer Schlussläufer des Fackellaufs, und seine Entzündung des Feuers war noch spektakulärer als Isinbajewas Stabhochsprung-Sieg. Li Ning war dennoch geblendet von der russischen Sprungkönigin und unterbreitete ihr ein Angebot, von dem sie sagte: „Ablehnen war unmöglich.“ 7,5 Millionen Dollar soll sie dafür bekommen, fünf Jahre lang die chinesische Ware zu tragen, und die modebewusste Frau darf sich angeblich auch beim Design der Sportbekleidung einbringen.

          Der materielle Mehrwert half ihr aber nicht weiter, als sie bei der WM in Berlin 2009 die volle Härte des Sprichworts „Hochmut kommt vor dem Fall“ zu spüren bekam. Wie so oft hatte sie den Wettkampf desinteressiert dösend an sich vorüberziehen lassen, war erst eingestiegen, als alle anderen schon am Ende ihrer Möglichkeiten angekommen waren. Doch diesmal klappte es nicht. Sie spürte eine unbekannte Leere - „es war mir alles egal“ - riss 4,75 Meter im ersten Versuch, stieg um auf 4,80 Meter und scheiterte noch zwei Mal. Sie hatte einen „Salto nullo“ produziert, bei einer WM, unfassbar. Gold ging mit 4,75 Metern an die Polin Anna Rogowska, eine Höhe, die Isinbajewa normalerweise zum Warmmachen springt. „Ich bin eben keine Maschine“, sagte die Sieggewohnte kleinlaut.

          „Schmerzen sind Teil meines Lebens“

          Dass sie es noch konnte, zeigte sie kaum 14 Tage später in Zürich, wo sie 5,06 Meter überflog - mal wieder Weltrekord. Doch dann kam die Hallen-WM in Doha im März 2010. Die Favoritin schien gelernt zu haben und stieg schon bei 4,60 Metern ein - doch wieder scheiterte sie an 4,75 Metern: nur Platz vier. Da wusste sie: „Ich brauche eine Auszeit.“ Oder auch: Die Maschine brauchte eine Wartung. Mit knapp 30 Jahren spürte sie die Dauerbelastung ihrer komplizierten Disziplin: Probleme an den Knien, der Achillessehne, an Rücken und Schultern plagten sie. „Schmerzen sind Teil meines Lebens“, hatte sie schon häufiger gesagt, aber diesmal war es zu viel.

          Nun ist sie also wieder da auf der Bühne ihres Lebens: mit neuem, altem Trainer, tieferem Bewusstsein und hohen Zielen. Sie vertraut wieder ihrem langjährigen Coach Jewgeni Trowimow, der weniger hart trainiert als Witali Petrow, und sie gewinnt auch wieder - allerdings lassen die Höhen noch zu wünschen übrig. Im belgischen Heusden reichte es nur zu 4,60 Metern, beim Diamond-League-Meeting in Stockholm gewann sie mit 4,76 Metern. An Selbstbewusstsein hat sie aber nicht eingebüßt. „Ich möchte eine Legende werden“, sagt sie über ihre Ziele. Und sie will weiterhin alles gewinnen, was auf dem Plan steht. Kommende Woche in Daegu ebenso wie 2012 bei Olympia in London und schließlich bei der WM 2013 in Moskau. Es soll das krönende Finale ihrer Karriere werden. Es heißt, Ministerpräsident Putin habe sie aufgefordert, so lange durchzuhalten.

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