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Vor dem Berlin-Marathon : Helden für einen Tag, jeder Einzelne von ihnen

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Im Glück: Der Läufer Schlöndorff nach dem Berliner Halbmarathon 2006 Bild: Imago Sport

Der Filmregisseur und passionierte Hobbyläufer Volker Schlöndorff schreibt vor dem Berlin-Marathon über seine Liebe zum Marathon und die Erfahrung, in den vielen Stunden des Trainings die Gegenwart zu entdecken.

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          Große Momente und unvergessliche Eindrücke zu schaffen, das ist das Metier von Volker Schlöndorff. Mehr als dreißig Filme hat er gedreht, und mit der „Blechtrommel“ ist ihm das offenbar am besten gelungen. Wie er zum großen Sport kam, beschreibt der Oscar-Preisträger in diesem Text, der zum vierzigjährigen Jubiläum des Berlin-Marathons an diesem Wochenende erschienen ist. Schlöndorff kann am Sonntag, wenn es wieder durch die Hauptstadt geht, nicht dabei sein, die Arbeit hält den Vierundsiebzigjährigen in Paris fest. Die zwei Ziele, die er sich nahm, als er mit sechzig zum Marathonläufer wurde, das in 42,195 Kilometer Entfernung und das der körperlichen Verjüngung obendrein, teilt er mit den gut 40.000 Läuferinnen und Läufern, die um 8.45 Uhr auf die Strecke gehen werden. Und auch seine Erfahrung, in Stunden und Aberstunden des Trainings die Gegenwart zu entdecken, anzukommen im Moment.

          Dauerlauf hieß es damals noch, Marathon kam nur im Griechischunterricht vor. Doch das Laufen fing damals schon an, in der Nachkriegszeit, jeden Morgen aus unserer Hütte im Wald zwei Kilometer zur Bushaltestelle, immer im Sprint, um es noch rechtzeitig zu schaffen. Nachmittags dann wieder Laufen, auch durch den Wald, beim Indianerspielen, stundenlang, Kilometer wurden noch nicht gezählt. Jedenfalls muss aus dieser Zeit meine Lust an der Bewegung stammen sowie die Grundkondition des Körpers. Denn erst Jahrzehnte später überredete mich Marius Müller-Westernhagen zum täglichen Jogging: „20 Minuten am Tag reichen.“ So entdeckte ich immerhin an der Isar in München den Wechsel der Jahreszeiten, das Brüten der Enten im Frühjahr, das erste Probeschwimmen der Kleinen, den Abflug im Herbst. Dazu den Wechsel des Laubes und vieles mehr, was jeden Tag zu einem besonderen werden ließ, denn nun wusste ich immer, auch ohne Blick auf den Kalender, wo im Jahr wir gerade angekommen waren.

          Das waren kleine Läufe, die mir heute nur noch ein schwaches Lächeln abverlangen. Zum Marathon kam ich spät, mit 60. Heute hab ich 15 ganze und unzählige halbe hinter mir und bin besonders stolz auf die Goldene Nadel – zehn Jahre hintereinander mindestens einen pro Jahr –, denn ein Jo-Jo-Effekt-Läufer (keine Namen!) wollte ich nie sein. Filme und Kunst und vieles im Leben macht man ja, um anderen etwas zu beweisen. Laufen ist nur für einen selbst. Und Marathon hat mich gerettet.

          Auch Erfolgreiche fallen mal in ein Loch, manchmal sogar in ein besonders tiefes. Plötzlich passierte mir das. Kein Projekt, kein Film vier Jahre lang, mit 60 kann das der Anfang vom Ende sein. Eines Samstags kaufte ich auf dem Webermarkt in Babelsberg ein, meine kleine Tochter auf der Schulter; ein Verkäufer aus dem Spreewald bot ihr eine Gurke an und fragte, ob er dem „Opa“ auch eine geben solle. Als ich begriff, wen er meinte, beschloss ich, etwas zu tun. Ich begann zu laufen. Nach einer ersten Runde um den Griebnitzsee, keine zehn Kilometer, sah ich noch älter aus als zuvor. Bei der Einweihung des Sony-Centers am Potsdamer Platz, im Mai 2000, saß ich neben einer aparten Blondine, und es stellte sich heraus, dass sie Marathonläuferin war. Ich erzählte ihr von meiner New Yorker Zeit und wie ich die erbärmlichen, in knisternde Folien eingewickelten Gestalten, die nach dem Marathon mit der U-Bahn nach Haus fuhren, bewundert hatte. Helden für einen Tag, jeder Einzelne von ihnen.

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