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Vor 25 Jahren: Erster Wimbledon-Sieg : Die Marke Boris Becker

Zum ersten Mal: Becker gewinnt am 7. Juli 1985 das Finale in Wimbledon Bild: picture-alliance / dpa

Ein Jüngling aus Leimen schuf mit seinem Wimbledon-Erstlingswerk seinen eigenen Mythos. Boris Becker, Weltstar aus der Provinz, gibt seit seinem Karriereende eine zuweilen bemitleidenswerte Figur ab - im Gegensatz zu seinem Sport aber ist die Marke Becker nicht verschwunden.

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          Es war um 17 Uhr 26 Ortszeit in London an jenem 7. Juli 1985, als Boris Becker im Alter von 17 Jahren auf dem Centre Court des All England Lawn Tennis and Croquet Club als – immer noch – jüngster Wimbledonsieger mehr als nur ein Stückchen Sportgeschichte schrieb. Beckers erster Sieg vor 25 Jahren, dem in Wimbledon zwei weitere Triumphe und vier Endspielniederlagen innerhalb von zehn Jahren folgten, war der Beginn einer Ära, die nicht nur den Tennissport komplett veränderte.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Ob ein singulärer Erfolg beim prestigeträchtigsten Turnier der Welt dafür allein ausgereicht hätte, darf man im Nachhinein stark bezweifeln. Der Jüngling von damals aber etablierte sich in der Weltspitze und erschuf schon mit dem Erstlingswerk seinen eigenen Mythos. 11,2 Millionen Westdeutsche schauten damals am Fernsehgerät zu, und die Übertragung gehört zu jenen legendären Sportereignissen, bei denen sich jeder erinnert, wo er sie mitverfolgt hat.

          Mit einem Schlag weltberühmt wurde damals nicht nur der noch unbekümmerte Sieger, dessen strahlende Augen nach dem Matchball für immer in Erinnerung blieben. Auch das kleine Städtchen Leimen in der Nähe von Heidelberg war fortan überall auf dem Globus bekannt – und der 17-jährige Leimener das Synonym für einen deutschen Weltstar aus der Provinz.

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          Denn der wurde Boris Becker. Den Generationenwechsel weg von den dominierenden Figuren Jimmy Connors, John McEnroe und Ivan Lendl und hin zu Becker, Edberg und wenig später Sampras und Agassi leitete er an diesem 7. Juli ein. Deutschland feierte seine Rückkehr aus London erstmals wieder so wie die Ankunft der Fußball-Weltmeister von 1954, die Jubelparade im offenen Wagen durch Leimen und der Eintrag ins Goldene Buch seiner Heimatstadt waren ein – damals noch äußerst ungewöhnlicher – Fall für das Fernsehen.

          Jahre, in denen Milch und Honig fließen

          Anders als gut drei Jahrzehnte zuvor bei den Fußballern hatte nach seinem Wimbledontriumph die Vermarktungsmaschinerie sofort ihre Arbeit begonnen. Deutschland hatte Tennis entdeckt, und nicht nur Becker partizipierte ordentlich daran, sondern mit und durch ihn verdienten auch viele andere. Tennishallen in Deutschland schossen aus dem Boden, die Vereine mussten trotz horrender Gebühren Aufnahmestopps verhängen, die Sportartikelhersteller Sonderschichten fahren – erst recht, da sich dank Steffi Graf der Tennisboom in Deutschland noch verstärkte.

          Als Beckers Manager Ion Tiriac in der Folge noch die Vermarktung der deutschen Davis-Cup-Heimspiele übernahm, begann auch für den Deutschen Tennis-Bund die Zeit, in der Milch und Honig flossen. Als Segen erwies sich die gleichzeitige Etablierung der Privatsender, die einen Wettbewerb um die Übertragungsrechte entfachten, und die Konkurrenz sorgte dafür, dass die Preise durch die Decke schossen. Die damals spektakuläre neue Präsentation der Daviscup-Partien durch Tiriac war der Startschuss zur Veränderung – weg vom Sportereignis, hin zum Sportevent, und alles immer mit Boris Becker als Zugpferd. Deutschland mutierte zum Tennisland, in dem sogar leise an der Vormachtstellung des Fußballs gerüttelt wurde – vergleicht man die aktuellen Verhältnisse, wirkt das geradezu grotesk.

          Triumphe und Fehltritte

          Alle liebten Boris Becker, feierten oder litten mit dem Star, der Deutschland ungekannte Tennis-Sternstunden schenkte, und dessen Partien übertragen wurden, wo immer er auch spielte. Mit seiner Leidenschaft auf dem Platz eroberte er die Herzen und wurde im Vergleich zu seinem späteren Konkurrenten Michael Stich geradezu heldenhaft verehrt, dank seiner Unverwechselbarkeit war er jedoch auch ein dankbarer Fall für Parodisten.

          Gleichzeitig war er über Nacht mit diesem Matchball vom 7. Juli 1985 zum Mann für das Boulevard geworden – eine Verbindung, die ihn geprägt und nicht mehr losgelassen hat. Jeder – auch verständliche – Fehltritt auf dem Weg vom Jüngling zum Mann wurde genau so genüsslich ausgebreitet wie seine Triumphe, als erste völlig öffentliche Sportfigur wurde Becker omnipräsent auf den Titelseiten der Klatschpresse bis hin zu jener besonders einprägsamen Schlagzeile „Es war Samenraub!“ als Höhepunkt der Berichterstattung über eine Affäre während seines letzten Wimbledonturniers 1999.

          Sein Name ist und bleibt eine Marke

          Das Tennisbusiness in Deutschland war schon überhitzt, mit Beckers Karriereende kurz danach platzte die Blase. Tennishallen erwiesen sich plötzlich als Geldvernichtungsanlagen, in den Vereinen gab es zu viele Plätze für zu wenig Mitglieder, die Fernsehpräsenz verschwand ins Nirgendwo. Nur Becker blieb, der sich auf vielfältigen Gebieten versucht, oft auch eine bemitleidenswerte Figur abgibt und stets das öffentliche Interesse beklagt, ohne das er vermutlich aber gar nicht sein könnte.

          Um sein Leben so zu zeigen, wie es wirklich sein soll, präsentiert er mittlerweile Filmchen im Internet, die auch als Satire durchgehen könnten und in denen die Grenzen zwischen Charity- und Werbepartnern zur Unkenntlichkeit verschwimmen. Sein Name Boris Becker aber ist und bleibt eine Marke – und jener 7. Juli 1985 bildet dabei den Markenkern.

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