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Sebastian Vollmer : Deutscher Gladiator im Super Bowl

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Auf geht’s ins Gefecht: Sebastian Vollmer will den Super Bowl gewinnen Bild: Imago

Sebastian Vollmer greift zum zweiten Mal nach dem Super-Bowl-Titel. In der Nacht zu Montag (0.30 Uhr) will der Deutsche endlich gewinnen. New England setzt auf Weltklasse-Spieler Vollmer – obwohl der nie den Ball berührt.

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          Die Ausgangssituation ist immer die gleiche. Erst baut er sich in einer Reihe mit seinen Nebenleuten auf. Dann lehnt er sich ein wenig nach vorne und wartet. Denn sobald der Ball ins Spiel gebracht wird, muss alles ganz schnell gehen. Dann richtet sich Sebastian Vollmer zu voller Größe auf, weicht in kleinen Schritten zurück und drängt einen der heranstürmenden Defensivspieler der gegnerischen Mannschaft mit ausgestreckten Armen ab.

          Was hinter ihm, neben ihm und vor allem vor ihm passiert, ist nicht sein Problem. Dafür sind zehn andere zuständig, die in diesem Moment den durchchoreographierten Spielzug zu Ende bringen und den Ball ein paar Yards nach vorne tragen. Vollmers Rolle ist vergleichsweise schlicht: Er soll verhindern, dass jemand seinen Quarterback in der Entfaltung stört oder ihn gar zu Boden reißt.

          Es mag nach wenig aussehen: nach Schwergewichtskämpfen im Ringen mit Helm und Schulterpanzer, Stilkategorie Griechisch-Römisch. Tatsächlich ist das, was der Mann mit der Nummer 76 leistet, Weltklasse. Kaum ein anderer Offensive Lineman in der National Football League versteht es so gut wie Sebastian Vollmer, aus seinen 2,03 Meter Länge und einem Gewicht von 145 Kilo die Hebelkräfte eines Bulldozers herauszuholen. Das Resultat: An ihm kommt so gut wie nie jemand vorbei.

          Seinen Cheftrainer Bill Belichick hat das von Anfang an beeindruckt. „Er verfügt über eine Größe, die selten ist“, sagte er vor einer Weile über den 30-Jährigen aus dem niederrheinischen Ort Kaarst, der ursprünglich mal ein ziemlich guter Schwimmer gewesen war. „Pretty special“ nannte der Coach der New England Patriots die Kombination aus Kraft, Schnellfüßigkeit und Balance, die ein wichtiger Faktor dafür ist, dass die Mannschaft in der Nacht zum Montag wieder im Super Bowl steht und auch Titelverteidiger Seattle Seahawks schlagen kann. Es ist Vollmers zweite Chance auf den ganz großen Erfolg. Bei seinem ersten Super-Bowl-Auftritt gegen die New York Giants 2012 hatte das Team knapp verloren.

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          Wer seine Qualitäten während der Fernsehübertragung (von 23:15 Uhr an auf Sat.1, Kick-off um 0.30 Uhr MEZ) erkennen will, muss sich allerdings anstrengen. Die Kameras beschäftigen sich meistens mit ganz anderen Dingen. Denn mit dem Ball hat er in der arbeitsteiligen Welt des Footballs so gut wie nie etwas zu tun. Weshalb er auch zu der Diskussion der letzten Tage über die mutmaßliche Schummelei mit unzulänglich aufgepumpten Ledereiern im Spiel gegen die Indianapolis Colts nichts beitragen konnte. „Ich fasse die Bälle ja nicht an. Also ich habe wirklich keine Ahnung“, sagte er deutschen Journalisten bei einer Telefonpressekonferenz.

          Kein Kontakt zum Ball - das ist auch der Grund, weshalb er normalerweise nicht in den Statistiken auftaucht, in die NFL-Footballspiele zerlegt werden. Das stört Vollmer nicht, der sich selbst als eine Art Schattenmann betrachtet, seit er 2009 von den Patriots gedraftet wurde und sich rasch einen Stammplatz sichern konnte. Auf Lob reagiert er eher verlegen. „Es ist schön zu hören und freut mich“, sagte er neulich. „Aber im Prinzip kommt alles auf das nächste Spiel an. Wenn man das gewinnt, sind individuelle Auszeichnungen auch egal.“

          Garantiegehalt: Vier Millionen Dollar pro Jahr

          Die Zurückhaltung pflegt er seit Jahren. Kritische Fragen nach den Gefahren des Sports blockt er ab („Das muss jeder selber wissen“). Über die vielen Verletzungen an Wirbelsäule, Beinen und Gelenken gibt er keine Auskunft. („Wir beschäftigen uns nicht mit der Vergangenheit. Wir schauen immer nur nach vorne.“) Und wenn auch das nicht hilft, die Neugier von Journalisten zu bremsen, lautet die Standardantwort, die so wirkungsvoll ist wie die ausgestreckten kräftigen Arme auf dem Spielfeld: „Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.“

          Dabei ist die Rolle, die Vollmer auf dem Spielfeld gibt, tatsächlich hollywoodreif. Das konnte man vor ein paar Jahren in dem mit einem Oscar für Sandra Bullock ausgezeichneten Film „Blind Side - Die große Chance“ sehen. Der Stoff basierte auf einem Buch des Wirtschaftsjournalisten Michael Lewis, der eine seifenopernhafte Geschichte ausbuddelte und sie in eine sehr spannende sportliche Analyse einwob. Aggressive, schnellfüßige Verteidiger auf der Line- backer-Position hatten in den vergangenen zwei Jahrzehnten dafür gesorgt, dass Trainer für die Angriffsformationen einen Bodyguard-Typen aus dem Talentereservoir herausgefiltert hatten, der solch einem Ansturm gewachsen war. Was Lewis ebenfalls herauskristallisierte: Solche Linemen werden oft besser bezahlt als die Spieler auf den Glamour-Positionen Wide Receiver und Running Back.

          Dass Vollmer, der inzwischen bei den Patriots ein Garantiegehalt von knapp über vier Millionen Dollar pro Jahr bezieht, ein Mann für diesen Aufgabenbereich sein würde, zeigte sich schon früh. Da wechselte er mit 14 und als durchtrainierter Schwimmer mit schon ziemlich breiten Schultern zu einem der besten Football-Klubs in Deutschland - zu den Düsseldorf Panther. Zwar wurde er manchmal auch in der Deckung eingesetzt, aber als er auf ein College in die Vereinigten Staaten wechselte, gab es eigentlich nur eine Option auf den Erfolg.

          Und so wurde für ihn die University of Houston zum Sprungbrett für die Profilaufbahn als Offensive Tackle. Es war die erste Station, bei der er die Lektionen aus der streng hierarchischen und von den Trainern diktatorisch betriebenen uramerikanischen Sportart zog: Mund halten, keine eigenen Gedanken entwickeln, sich in den Dienst der Sache stellen. Mit anderen Worten: das Gladiatoren-Ethos des 21. Jahrhunderts ausleben, das American Football zur populärsten Sportart in den Vereinigten Staaten gemacht hat. Dazu passt übrigens sein Spitzname: „Sea Bass“ - Seebarsch, was die Amerikaner aus seinem Vornamen abgeleitet haben. Denn auch Fische reden nicht.

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