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Volleyballspielerin Lenka Dürr : Zweite Heimat Baku

Baggern in Baku: Lenka Dürr spielt für Deutschland Bild: Picture-Alliance

Sie will nur Volleyball spielen: Nationalspielerin Lenka Dürr hat sich auf das Abenteuer am Kaspischen Meer eingelassen und gehört seit zwei Jahren zum Unterhaltungs-Programm in Aserbaidschan.

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          Lenka Dürr ist es gewohnt, dass sie in den Straßen von Baku angesprochen wird. Ob sie nicht Volleyball-Spielerin sei, fragen die Leute dann in gebrochenem Englisch und nehmen auch mal Hände und Füße zur Hilfe. Es ist der optische Dreiklang aus junger Frau, sportlicher Figur und Ausländerin, der bei Aserbaidschanern im Alltag die Assoziation weckt: Das muss eine Volleyball-Spielerin sein. Denn Frauen-Volleyball ist eine angesagte Sportart in der kaukasischen Republik, selbst wenn dort nicht gerade die Europa-Spiele stattfinden. Und Lenka Dürr, 24 Jahre alte Sportlerin aus Memmingen, ist tatsächlich Volleyball-Profi, spielt als Libera bei Azeryol Baku.

          Azerrail Baku, Baki Baku, Igtisadchi Baku, Lokomotiv Baku und Rabita Baku heißen die anderen Klubs der aserbaidschanischen Superliga. Sie alle wurden im Laufe des vergangenen Jahrzehnts gegründet, sie alle sind in der Hauptstadt am Kaspischen Meer beheimatet. Volleyball gehört zum Entertainment-Programm in der Metropole des Reichs von Ilham Alijew, dem autokratischen Staatschef des Landes.

          Sämtliche Partien werden im Fernsehen übertragen, und das sportliche Niveau ist vor allem dank der zahlreichen Gastspielerinnen aus dem Ausland beachtlich. Rabita gewann 2011 die Klub-WM und erreichte mehrmals das Finale der europäischen Champions League, auch Lokalrivale Azeryol gehört zu den Topteams des Kontinents. Und mittlerweile mischen sogar Einheimische in Bakus Mannschaften mit. Auf knapp die Hälfte schätzt Lenka Dürr die Zahl der Aserbaidschaner in der Liga. Wobei sie nicht alle aus der plötzlich entdeckten Jugendarbeit hervorgehen - viele aserbaidschanische Spielerinnen stammen ursprünglich aus anderen ehemaligen Sowjetrepubliken und wurden eingebürgert, um das Niveau des Nationalteams anzuheben.

          Deutsches Team noch in der Kennenlernphase

          Offenbar mit Erfolg: Bei den derzeit laufenden Europa-Spielen hat sich das Heim-Team problemlos fürs Viertelfinale qualifiziert. Lenka Dürr und die deutschen Damen hatten dagegen einige Probleme, schlugen zwar Holland und Bulgarien, verloren aber gegen Serbien und Russland. Nach einem überzeugenden 3:0-Sieg gegen Kroatien kamen sie schließlich aber als Gruppendritter weiter und treffen in die Runde der besten acht an diesem Dienstag (10 Uhr) auf Polen.

          Unter dem neuen Bundestrainer Luciano Pedullà ist das Team noch in der Probephase. Deshalb findet Libera Lenka Dürr die Drucksituation des Turniers gut: „Wettkämpfe helfen. Man lernt sich besser kennen, weiß, wie der andere reagiert.“ Wichtiger als das Abschneiden in Baku sind aber ohnehin die kommenden Turniere: „Die Europaspiele sind nur ein Zwischenziel auf dem Weg zur EM und zur Olympiaqualifikation.“

          Als Kulturvermittlerin gefragt: Lenka Dürr über den Mikrokosmos Baku

          Viel Zeit, ihren Teamkolleginnen aus der Nationalmannschaft die Stadt zu zeigen, die derzeit ihre zweite Heimat ist, hat die 24-Jährige dennoch nicht. „Wir waren im Media Club Baku 2015 im Hotel Boulevard eingeladen. Ansonsten kommen wir nicht so viel raus“, sagt sie. Spielen, trainieren, spielen - so lautet der Tagesablauf. In ihrem Liga-Alltag in Baku ist das anders. „Da habe ich definitiv mehr Zeit“, sagt sie: „Ich gehe viel raus, kenne die Altstadt, gehe essen.“ Die Bayerin lebt alleine in Baku, ihre Mutter und ihre beste Freundin kamen schon zu Besuch.

          Lenka Dürrs Karriere begann 3100 Kilometer weiter westlich, in Niederbayern. Sie spielte sieben Jahre lang in Vilsbiburg, einer 10.000-Seelen-Gemeinde mit Bundesliga-Ambitionen. Mit 16 kam sie ins Spitzenteam „Rote Raben“, mit 17 wurde sie deutscher Meister, mit 18 Pokalsieger und mit 19 Libera des Jahres. Es war eine erfolgreiche Zeit, keine Frage, doch ein bisschen Fernweh verspürte die junge Frau schon damals.

          Aus Vilsbiburg in die Welt

          Mit 22 kam der Break. Beim Länder-Turnier in Montreux wurde die 1,70 Meter große Abwehrspezialistin, die längst auch deutsche Nationalspielerin war, von einer Spielervermittlerin angesprochen. Ob sie nicht nach Aserbaidschan kommen wolle? Sie hatte „keine Vorstellung“, was sie erwartete, aber sie reizte das Abenteuer. „Ich hatte gemischte Gefühle vor der Abreise, aber es ist besser als gedacht.“

          Sie spielte eine Saison für Igtisadchi, danach eine für Azeryol. Auch ihre Nationalmannschaftskolleginnen Lisa Thomsen (erst Azerrail, dann Lokomotiv) und Margareta Kozuch (Azerrail) wechselten 2013 nach Baku, Corina Ssuschke-Voigt war vorher schon da und gab nützliche Tipps. Zum Beispiel, wie man Taxi fährt, ohne Umwege zu fahren und demnach zu viel Geld auszugeben.

          Mittlerweile weiß sie sich problemlos in der großen Stadt zu bewegen. Wobei ihr vieles abgenommen wird. Sie und ihre Mitspielerinnen werden in Kleinbussen abgeholt, zum Training gebracht, wieder abgeholt. Es ist ein Mikrokosmos, in dem sich die Sportprofis in Baku bewegen. Vom Land weiß sie wenig. Da alle Volleyballteams in der Hauptstadt beheimatet sind, kommt sie nicht groß raus. Ihre Alltags-Begegnungen verdichtet sie in dem Schluss: „Die Leute machen einen zufriedenen Eindruck.“ Vom politischen System bekomme sie als Sportlerin nichts mit. Die Flaggen und die vielen Statuen von Alijew nimmt sie zur Kenntnis. Ansonsten konzentriert sie sich auf Training, Wettkampf, das nächste Spiel - und auf die kleinen Momente im Alltag, wenn sie den Leuten sagen kann: „Ja, ich spiele Volleyball.“

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