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Volleyballspielerin Jana Poll : Die Spätzünderin

Die Frau vom Sicherheitsdienst: Jana Poll in der Feldabwehr Bild: Picture-Alliance

Bei der Volleyball-EM spielt Außenangreiferin Jana Poll eine tragende Rolle im deutschen Team. Dabei hat sie eine Karriere absolviert, die so gar nicht dem typischen Modell entspricht.

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          In dem ziemlich jungen deutschen Frauenteam, das derzeit bei der Volleyball-Europameisterschaft für Aufsehen sorgt und an diesem Mittwoch in Lodz gegen Gastgeber Polen (20.30 Uhr) um den Einzug ins Halbfinale spielt, ragt Jana Franziska Poll ein bisschen heraus. Denn sie ist schon 31 – bei einem Altersschnitt von 23,7 Jahren im Team. Als tonangebende Anführerin sieht sich die 1,86 Meter große Blonde trotz ihrer Lebenserfahrung aber deswegen noch lange nicht. „Man muss das anderes herum sehen“, stellt sie eine Gegenrechnung auf: „Ich hab ja erst mit 25 angefangen, Nationalmannschaft zu spielen. Die Jungen sind viel erfahrener als ich.“

          Das derzeitige Turnier ist tatsächlich das erste, bei dem Jana Poll als Außenangreiferin in der Start-Formation gesetzt ist und auch erst ihr drittes, an dem sie überhaupt teilnimmt. Dennoch erweckt sie angesichts ihres souveränen, nahezu fehlerfreien Spiels den Eindruck, schon viel länger in maßgeblicher Position dabei zu sein. „Überragend“, nennt Bundestrainer Felix Koslowski die Art und Weise, wie die Spielerin mit der Nummer 5 auftritt, „ruhig und gelassen“ – sowohl auf als auch außerhalb des Feldes.

          Dass Alter dennoch nicht mit Erfahrung gleichzusetzen ist, erklärt sich aus dem Lebenslauf von Jana Franziska Poll, der so gar nicht dem typischen Ablauf einer Leistungssport-Karriere entspricht. Als achtjähriges Kind hatte sie in Meppen nur deshalb angefangen, Volleyball zu spielen, weil sie ihr Asthma bekämpfen sollte. „Es war eigentlich nicht der Plan, sportlich Karriere zu machen“, sagt sie noch heute. Bevor sie dennoch mit Alemannia Aachen den Einstieg in die Volleyball-Bundesliga schaffte, hatte sie eine Ausbildung absolviert und schon zwei Jahre Vollzeit gearbeitet, als Heilerziehungspflegerin bei der Lebenshilfe.

          Jana Poll beim Aufschlag: Nationalspielerin mit unwahrscheinlicher Karriere
          Jana Poll beim Aufschlag: Nationalspielerin mit unwahrscheinlicher Karriere : Bild: Imago

          Nach einer gewissen Zeit unter Doppelbelastung ließ sich Jana Poll dann vom Job beurlauben, um konsequenter Volleyball spielen zu können. Und gerade als sie dachte, jetzt reiche es auch mal wieder mit der Spielerei – „ich gehe zurück zur Lebenshilfe“ – ereilte sie 2013 der Ruf der Nationalmannschaft. Der heutige Bundestrainer Koslowski war damals noch Assistent und hatte den richtigen Blick für ihr Können. „Jetzt kann ich nicht aufhören“, dachte Jana Poll, beriet sich mit dem Betriebsrat der Lebenshilfe und bekam den Rücken gestärkt: „Arbeiten kannst du noch lange genug.“

          Und so nahm eine unwahrscheinliche Karriere noch mal richtig Fahrt auf. Denn nachdem sie 2016 Topscorerin der Bundesliga wurde, ihr damaliger Verein Aurubis Hamburg sich mangels Sponsor aber vom Spielbetrieb abmeldete, wagte Jana Poll den nächsten großen Schritt und ging ins Ausland. Mit Olympiakos Piräus gewann sie prompt das griechische Double und sogar einen internationalen Titel. Zurück in Deutschland wurde Jana Poll mit dem MTV Stuttgart zum ersten Mal auch deutsche Meisterin.

          „Wenn ich einen guten Tag habe, versuche ich mehr anzugreifen.“
          „Wenn ich einen guten Tag habe, versuche ich mehr anzugreifen.“ : Bild: EPA

          Doch das Abenteuer Volleyball hatte für sie noch immer nicht seinen Höhepunkt erreicht. Eigentlich wollte sie wieder zurück nach Aachen, auch ihrem Ehemann zuliebe, „weil Fernbeziehungen auf Dauer nicht so schön sind“. Doch weil der Verein finanzielle Probleme bekam und sie bat, den Vertrag auszulösen, änderte ihr Lebensweg wieder einmal abrupt die Richtung – nach der EM wechselt Jana Poll nach Neapel in die italienische Liga: „Der Traum jeder Volleyball-Spielerin“. Selbst wenn sie von sich „nie gedacht hätte, das jemals zu schaffen“.

          Zu ihrer eher defensiven Selbsteinschätzung passt, dass sich Jana Poll auf dem Feld eher als „Sicherheitsperson“ einstuft. Sie kann sich auf eine stabile Annahme verlassen, schlägt solide auf, macht relativ wenige Fehler, empfindet ihr Spiel aber als nicht besonders spektakulär. „Wenn ich einen guten Tag habe, versuche ich mehr anzugreifen.“ Bei der EM hatte sie bislang viele davon. Gegen Polen treten die deutschen Frauen nun mit der Bilanz von sechs Siegen in sechs EM-Spielen an, aber dennoch als Außenseiter gegen ein physisch starkes Heimteam mit 12.000 Zuschauern im Rücken. „Polen zu schlagen wäre ein Riesending“, meint Jana Poll. Doch auszuschließen ist es keineswegs. Das hat sie aus ihrem eigenen Lebensweg gelernt.

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