https://www.faz.net/-gtl-9qmd8
Bildbeschreibung einblenden

Volleyballerin Jenny Geerties : Punktemaschine mit Ballgefühl

Frau mit Ballgefühl: Jennifer Geerties Bild: Picture-Alliance

Sie wirkt zartbesaitet, kann aber auch kraftvoll schmettern. Jennifer Geerties spielt bei der Volleyball-EM mit durchschlagendem Erfolg. Dabei schien ihre Karriere in jungen Jahren schon beendet.

          3 Min.

          Jennifer Geerties wirkt auf den ersten Blick zartbesaitet, fast zerbrechlich. Doch der Eindruck täuscht. Die 25 Jahre alte Außenangreiferin des deutschen Volleyball-Nationalteams verfügt über viel Power und einen mächtigen Armzug, den sie bei der Europameisterschaft dieser Tage schon häufig und äußerst effektiv einsetzte. „Punktemaschine“ nannte sie Nationaltrainer Felix Koslowski nach dem Schlüsselspiel gegen EM-Gastgeber Slowakei – einem mit 3:1 Sätzen gewonnen Kraftakt, zu dem 21 Punkte beisteuerte.

          Durch den Sieg gegen die Slowaken bestätigten die „Schmetterlinge“, wie sich die deutschen Volleyball-Frauen nennen, ihren Überraschungscoup gegen Rekord-Europameister Russland vom Tag zuvor. Ein 3:0 gegen Weißrussland rundete die makellose Vorrunde mit fünf Siegen in fünf Spielen an sechs Tagen ab. „Wir sind in einem kleinen Flow“, sagte Jennifer Geerties über den Durchmarsch ihres Teams in Gruppe D. „Den wollen wir uns noch eine Weile erhalten.“

          Was aber gar nicht so einfach war. Denn danach hatten die zuvor dauerbeschäftigten Spielerinnen erst mal drei freie Tage zu überbrücken, ehe sie an diesem Sonntag (18 Uhr / live bei Sport1) zum Achtelfinale antreten dürfen. Als Gruppensieger treffen sie auf den Vierten der Gruppe B, Slowenien. Eine machbare Aufgabe, so viel steht fest.

          In der Ruhe liegt die Kraft: die 25-Jährige weiß auf ihren Körper zu achten

          Doch bis Abschluss aller Vorrundenspiele am späten Donnerstagabend war nicht klar, an welchem Ort das Spiel ausgetragen werden wird. Die Hängepartie lag an den komplizierten Regularien des in vier Ländern ausgetragenen Kontinentalturniers. Eigentlich hätte der Vorrunden-Erste an seinem Spielort Bratislava verweilen dürfen. Doch da die Gastgebernationen des Turniers, darunter Polen und die Slowakei, ebenfalls Heimrecht in der ersten K.o.-Runde zugesichert bekamen – unabhängig von ihrer Gruppen-Plazierung – musste nach Abschluss aller Vorrundenspiele der Schlüssel für das Achtelfinale geändert werden. Die Slowakei, obwohl nur Dritter der „deutschen Gruppe“, darf weiter zu Hause in Bratislava spielen, trifft aber nicht auf den Zweiten der Gruppe B, Polen, sondern auf Gruppensieger Italien.

          Nebeneffekt der Spielplan-Verschiebung war ein Reiseaufruf für das deutsche Team Richtung Lodz. „Fair ist das nicht“, meint Geerties über dieses Organisationsmodell, lässt sich davon aber nicht die Laune verderben. Die beiden Spielorte sind knapp 600 Kilometer voneinander entfernt, und Trainer Koslowski hätte seinem Team die strapaziöse Busreise gerne erspart, ging das Problem aber pragmatisch an. „Am Freitag steht Krafttraining auf dem Programm“, kündigte er an. Einerlei an welchem Ort.

          Frau mit Auge: Geerties erkennt die Lücken im gegnerischen Block

          Den Donnerstag genossen seine Spielerinnen noch am bekannten Ort in aller Ruhe und „vor allem zum Regenerieren“, was nach Aussage von Jennifer Geerties nach den harten Spielen auch dringend nötig gewesen sei: „Den Tag brauchten wir zum Runterkommen.“ Viel „Action“, so die BWL-Studentin, „macht man da nicht.“ Maximal ins Schwimmbad gehen, ansonsten stand Körperpflege und Physiotherapie auf dem Plan.

          Die 1,86 Meter große Geerties hat gelernt, mit ihrem Körper sehr behutsam umzugehen. Schon mit 18 erlitt sie einen Bandscheibenvorfall, und nachdem die konservative Behandlung nicht anschlug, drohte ihr bereits das Karriere-Aus, bevor ihre Volleyball-Laufbahn richtig angefangen hatte. Sie konnte damals weder schmerzfrei liegen noch sitzen, geschweige denn schmettern oder baggern. Ihre Abiturarbeiten schrieb sie im Stehen. Und dann entschied sie sich schweren Herzens für eine Operation.

          Sehr her, ich habe gepunktet:

          Die Notlösung entpuppte sich als Erlösung. Seitdem plagen sie keine Schmerzen mehr. Und ihre Karriere nahm richtig Fahrt auf: Schon ein Jahr danach wurde Geerties als „Küken“ für den EM-Kader nominiert, hatte ihren Anteil am Silbermedaillengewinn 2013 im eigenen Land. „Damals haben sie sehr auf mich aufgepasst“, dankt Jennifer Geerties noch immer dem behutsamen Aufbauprogramm des Trainerteams, zu dem auch Koslowski als Assistent des damaligen Bundestrainers Giovanni Guidetti gehörte.

          Guidetti schwärmte schon 2013 von der jungen Annahme- und Außenspielerin: „Jenny hat eine super Technik und sehr viel Ballgefühl. Jetzt muss sie noch eine Athletin werden.“ Sie konzentrierte sich zunächst auf ihre Defensivaufgaben, war vor allem als Annahmespielerin eine sichere Bank. Doch mittlerweile zeigt sie unübersehbare Stärken im Angriff, wie ihre Bilanz von 68 Punkten bei dieser EM unterstreicht. Im deutschen Team punktete nur Louisa Lippmann (77) häufiger. „Es entwickelt sich gut“, sagt Geerties über ihre zunehmende Gefährlichkeit. Das von Koslowski propagierte und von den deutschen Frauen bislang nahezu perfekt umgesetzte „schnelle“ Spiel kommt der Rechtshänderin zugute. Dadurch öffnen sich ihr häufiger Lücken im gegnerischen Block, die sie auszunutzen weiß.

          Um dies Entwicklung weiter voran zu treiben, wagt sie nach der Europameisterschaft den Wechsel vom Schweriner SC zum Champions-League-Finalteilnehmer Imoco Volley Conegliano nach Italien. Auch Heim- und Nationaltrainer Koslowski hat ihr dazu geraten, denn er weiß, dass er seine besten Spielerinnen loslassen muss, um sie auf noch höherem Leistungsniveau zurück zu bekommen.

          Weitere Themen

          Klopp kann nur noch staunen

          Champions League : Klopp kann nur noch staunen

          Beim deutlichen Sieg des FC Liverpool trifft ein Profi der „Reds“ gleich doppelt – das zweite Tor ist dabei besonders spektakulär. Barcelona wendet derweil eine Blamage ab, Salzburg verliert knapp.

          Enttäuschende Vorstellung des BVB

          Pleite in Champions League : Enttäuschende Vorstellung des BVB

          Beim 0:2 gegen Inter Mailand bleiben die Dortmunder vieles schuldig: Es fehlt weiter an Tempo und Überraschungsmomenten. Besonders eine Situation dürfte die Borussia deshalb besonders ärgern.

          Topmeldungen

          Will nicht weichen: Baschar al Assad am Mittwoch in Idlib

          Syrien-Konflikt : Wer Schutz verspricht, muss schützen

          Seit Jahren wird über sichere Zonen in Syrien diskutiert, doch nie waren die Umstände widriger. Nato-Mitglieder zweifeln an Deutschlands Motiven – derweil spielen russische und türkische Einsatzkräfte vor Ort ihre Macht aus.
          Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow im September bei der Kartoffelernte in Heichelheim.

          Linkspartei in Thüringen : Ganz anders als gedacht

          In Thüringen führt Bodo Ramelow seit fünf Jahren die erste rot-rot-grüne Regierung. Am Sonntag will er wiedergewählt werden. Selbst ohne eigene Mehrheit könnte er im Amt bleiben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.