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Volleyball-Weltliga : Eine Reise voller Überraschungen

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In Unterzahl: Der deutsche Angreifer Christian Fromm bekommt es mit gleich drei iranischen Blockspielern zu tun Bild: FIVB

Die deutschen Volleyball-Männer verpassen bei ihren Weltliga-Spielen in Iran die Finalrunde - erleben aber ein Land, in dem ihr Sport viel Begeisterung entfacht.

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          Willi Lemke hat im Sport schon viel erlebt. Aber was der frühere Manager des Fußball-Bundesligaklubs SV Werder Bremen und heutige UN-Sonderberater für Frieden und Sport in Teheran sah, kannte er noch nicht. Da saßen deutsche und iranische Volleyball-Nationalspieler nur wenige Tische voneinander getrennt im Speisesaal des Olympic-Hotels und frühstückten zur selben Zeit. „Das gibt es im Fußball nie, wir wären nicht mal ins selbe Hotel gezogen.“ Und Lemke wunderte sich weiter, während ihm Deutschlands Volleyball-Nationaltrainer Vital Heynen erklärte: „Im Volleyball ist das normal.“ Lemke wertete es als passendes Symbol für seine missionarische Aufgabe, „den Sport als Kommunikationsmedium zu nutzen“. Sein Freund Thomas Krohne, Präsident des Deutschen Volleyball-Verbands, hatte ihn vor der Iran-Reise um Hilfe gebeten, weil die Weltliga-Partien der Deutschen erst am Wochenende der Präsidentschaftswahlen angesetzt waren, ein heikler Termin angesichts der Demonstrationen, Verhaftungen und der Gewalt nach den Wahlen 2009. Letztlich wurden die Spiele aber auch auf Wunsch des iranischen Volleyball-Verbandes neu angesetzt. Und Lemke konnte mitkommen.

          Ungewöhnlich an dem Bild im Frühstücksraum war aber noch mehr: Die Iraner aßen und tranken, und das im Fastenmonat Ramadan, der in dieser Woche begonnen hat und die Zunahme von Speisen erst am Abend erlaubt. Hierfür gab Julio Velasco, Trainer aus Argentinien und seit anderthalb Jahren verantwortlich für die iranische Auswahl, die Antwort: „Für Sportler gelten Ausnahmeregeln, weil sie für das Volk hart arbeiten. Die Hotelbediensteten dürfen das nicht.“ Velasco ist einer der erfolgreichsten Volleyballtrainer, und er war überrascht, als er schon nach kurzer Zeit in Iran merkte: „Es ist vieles anders, als es unseren Klischees entspricht.“ Seine größte Hürde war es, die Menschen zu verstehen. „Ich dachte, unter dem iranischen Regime haben die Leute viele Ängste, so wie es jeder Ausländer vermutet. Aber als erstes haben sie mir erklärt, wir sind nicht Araber, wir sind Perser. Darauf sind sie stolz, und sie treten sehr freundlich auf.“ Es überraschte ihn, dass ihm bei Pressekonferenzen auch viele Journalistinnen Fragen stellen.

          Natürlich gibt es Einflüsse religiöser Fundamentalisten. „Bei den Weltliga-Qualifikationsspielen gegen Japan 2012 waren beim ersten Spiel Frauen in der Halle und wurden auf Pressefotos und im Fernsehen gezeigt. Am nächsten Tag durften sie nicht mehr in die Halle.“ Irgendeine Führungsgröße hatte sich verletzt gefühlt durch den Anblick von Frauen. Gegen die Deutschen waren unter den 15.000 Fans auch Frauen in der Azadi Hall, „aber das sind VIPs“, glaubt eine Botschaftsmitarbeiterin. Sport, insbesondere Volleyball, spielt eine große Rolle im Leben der Iraner.

          Alireza Salimi Avansar hat zwischen 2002 und 2008 in München studiert und beim VC Augsburg im Trainerstab gearbeitet. Heute entwickelt er im Sportministerium Konzepte für alle Verbände, und er weiß, „dass Volleyball bald an Fußball vorbeiziehen kann“. Bislang waren Ringer und Gewichtheber die Zugnummern, die olympische Medaillen einfuhren. Seit gut zehn Jahren verschieben sich die Machtverhältnisse, unter Mohammed Reza Davarzani als Präsident der Volleyball-Föderation der Islamischen Republik Iran wurde ein Aufwärtstrend eingeleitet. Iranische Teams gewinnen bei Nachwuchsweltmeisterschaften Medaillen, und Deutschlands Mannschaftsführer Jochen Schöps glaubt, „dass der Verband tolle Arbeit leistet und sie in den nächsten Jahren weltweit richtig was reißen können“.

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