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Volleyball-Trainer Heynen : Neues Denken statt alter Denkmäler

Immer große Klappe, meistens was hinter: Vital Heynen Bild: dpa

Aus Prinzip alles anders machen. Vor dem Supercup in Berlin beginnt der ehemalige Volleyball-Bundestrainer Vital Heynen bei Rekordmeister VfB Friedrichshafen ganz bewusst bei null.

          3 Min.

          Nach allem, was er gehört hat, soll es am Bodensee sehr schön sein. Doch Vital Heynen, neuer Trainer beim VfB Friedrichshafen, hatte noch keine Zeit, sich das „Schwäbische Meer“ genauer anzusehen. Damit kokettiert er zumindest. „Viel Arbeit zuletzt“, sagt der Belgier. Und das heißt: Volleyball. Immer nur Volleyball. Gerade erst hat der 47-Jährige seinen Job beim deutschen Rekordmeister begonnen, vorher führte er noch die deutsche Nationalmannschaft zur EM-Qualifikation für 2017. Quasi als Abschiedsgeschenk, nachdem er seinen Job beim WM-Dritten von 2014 längst gekündigt hatte, der deutsche Volleyballverband aber immer noch keinen Nachfolger für ihn gefunden hat. Es wäre Heynen auch zuzutrauen, beide Jobs parallel auszuüben. Dass ein Nationaltrainer zusätzlich einen Verein betreut oder umgekehrt, ist durchaus üblich in dieser Sportart. „Doch diesmal geht das nicht“, sagt Heynen lachend, denn es wäre sein dritter Job. Der vitale Belgier hat schon einen Vertrag beim Verband seines Heimatlandes unterschrieben. Die Laufzeit der Belgien-Bindung beginnt am 1. Januar und führt ihn ebenfalls zur EM nach Polen. „Und zwei Länder bei einer Meisterschaft zu betreuen, erlaubt der internationale Verband nicht.“

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Also stürzt sich Heynen erst mal mit voller Kraft auf die Runderneuerung des VfB Friedrichshafen. „Ich fange immer bei null an“, erläutert er seine Arbeitsweise. Damit will er sich von seinem jeweiligen Vorgänger unterscheiden, unabhängig davon, wer das war und welchen Ruf der genoss. In Friedrichshafen war es zwanzig Jahre lang Stelian Moculescu, „Mister Volleyball“ schlechthin in Deutschland. Erfolgreich als Trainer, außergewöhnlich als Mensch. Genau wie Heynen. „Ich kenne Stelian seit 20 Jahren“, sagt dieser voller Überzeugung: „Er ist ein überdurchschnittlicher Trainer, aber ein völlig anderer Typ als ich.“

          Heynen schränkt sich in seinem Denken nicht durch übermäßigen Respekt vor Denkmälern ein. Im Gegenteil. Etwas komplett anders zu machen ist für ihn eine Art Grundprinzip, dabei aber kein Selbstzweck: Er will Rituale aufbrechen, um die Leute um ihn herum ebenfalls zum Denken anzuregen, gerne auch zum Mitdenken. Widerstand scheut er nicht. Im Gegenteil. Er rechnet sogar damit, gegen Mauern zu rennen, weil er weiß, dass Menschen Gewohnheitstiere sind. Angst vorm Scheitern hat er nicht, dafür vertraut er zu sehr seinem Arbeitsstil.

          „Im Training fange ich vom Menschen aus an“, sagt er. Lebensziele seiner Spieler, familiäre Situation, Kleidungsstil. Interessiert ihn alles. Auch, warum einer der jungen Leute plötzlich Bart trägt, nur weil es Mode ist, ihm aber nicht steht. „Ich will wissen, wie einer tickt.“ Vom Charakter eines Spielers kann er sogar auf dessen Lieblingsposition schließen: Wer sich als Libero für die Mannschaft aufreibe, könne keiner sein, der gerne glänzen wolle, so spricht der Hobby-Psychologe. Vital Heynen war in seiner aktiven Zeit Zuspieler. Der Mann, der die Fäden in der Hand hielt.

          Der Freizeitwert ist nicht zu unterschätzen: Bodensee vor Friedrichshafen
          Der Freizeitwert ist nicht zu unterschätzen: Bodensee vor Friedrichshafen : Bild: dpa

          Beim VfB Friedrichshafen wussten sie, auf wen sie sich einlassen, haben ihm seine Wünsche erfüllt. Die Mannschaft ist jünger geworden, auch deutscher. Immerhin acht Einheimische stehen im Team. Heynen mag die Mischung aus zuverlässigen, netten Deutschen und etwas verrückten Ausländern, wie er sagt. Bei allem Tempo, das er persönlich vorlebt, lässt er seine Mannschaften geduldig spielen. Er will, dass sie sich auf lange Ballwechsel einlassen. Spannung aushalten. Auch das sei eine Form von Selbstvertrauen. Bislang, so sein Zwischenfazit vor dem Supercup am Sonntag (15.30 Uhr) gegen die Berlin Volleys, laufe alles sehr gut, „eigentlich zu gut“. Keine Verletzungen, kein Stress, alle ziehen mit. „Wir haben eine sehr dynamische Truppe“, lobt Heynen: „Ich freue mich jeden Tag, zum Training zu kommen.“

          „Nicht mehr so sicher, dass wir verlieren“

          Das Duell gegen den Doublesieger von 2016 geht er gelassen an. „Ich sagte vorher, der Supercup kommt zu früh für uns. Wir können nicht gegen Berlin gewinnen“, so Heynen: „Mittlerweile bin ich mir nicht mehr so sicher, dass wir verlieren.“ Zu verlieren hat er ohnehin wenig. Friedrichshafen ist zwar Rekordmeister, gewann in den vergangenen fünf Jahren aber gerade mal einen Meisteritel. Und Heynen ist angetreten, Titel zu gewinnen.

          Wie es in der Innenstadt von Friedrichshafen aussieht, das weiß er bislang allerdings nur von seiner Frau. Die hatte ihn am Wochenende besucht und sich ein bisschen umgeguckt - während ihr Mann mal wieder in der Halle war.

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