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Berliner Volleyball-Künstler : Das vielschichtige Wesen von Benjamin Patch

Berliner Künstler: Benjamin Patch Bild: nordphoto GmbH

Der Star der Berliner Volleys konnte schon immer mehr als Bälle auf den Boden schmettern. Nun will sich Benjamin Patch Kunstprojekten widmen – und sich persönlich weiterentwickeln.

          2 Min.

          Hochbegabte haben es auch nicht leicht. Vor allem wenn ihr Können sich nicht nur auf eine Profession beschränkt. Was tun? Was lassen? Mit welcher Intensität? Und warum eigentlich? Das sind so die Fragen, mit denen sich rumschlägt, der ein besonderes Maß an Kreativität in sich trägt.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Benjamin Patch ist so jemand. Sportler, Künstler, Aktivist. Wer den Wahl-Berliner – vor 27 Jahren in Utah geboren, seit 2018 in der deutschen Hauptstadt aktiv – bislang als Volleyball-Profi beschrieb, machte erst mal nichts falsch. Aber er traf den Kern des Kerls nicht. Denn Patch konnte schon immer mehr, als Bälle auf den Boden zu schmettern – und vor allem wollte er mehr. Vielseitig seine Interessen, vielschichtig sein Wesen.

          Der 2,05 Meter große Amerikaner war in seinen vier Spielzeiten als Diagonalangreifer bei den Berlin Volleys dreimal deutscher Meister – der vierte Titel blieb vakant, weil die Saison 2020 wegen Corona abgebrochen wurde. Patch war regelmäßig der beste Angreifer, spektakulär und mitreißend sein Spiel, aber nicht als Selbstzweck, sondern zielführend und effektiv – was sich dadurch manifestiert, dass er sowohl bei den reinen Punktzahlen als auch bei den Umfragen als bester Angreifer reüssierte.

          Es reicht ihm nicht mehr. „Ich habe mich entschieden, eine Pause vom Volleyball einzulegen“, kündigt er in einem offenen Brief an „Fans, Freunde und Familie“ der BR Volleys an. Er habe „ein wenig den Spaß am Spiel verloren“, schreibt er darin. Bei aller Liebe zum Volleyball sehe er deshalb nichts Falsches darin, sich in eine andere Richtung zu bewegen. Patch möchte sich stärker als bisher seinen Kunst- und Modeprojekten widmen, in „meine persönliche Entwicklung investieren“.

          Benjamin Patch hatte den Volleys nicht nur durch seine Präsenz auf dem Feld Kontur gegeben, sondern auch darüber hinaus. Er outete sich als queer und öffnete damit die häufig so verschlossen wirkende Sportwelt für ein gesellschaftspolitisches Thema. Es sei nicht üblich, dass jemand wie er sich so wohlfühle in einem Team, hat er einmal gesagt, sich seiner Sonderstellung durchaus bewusst.

          Er nutzte auch sein fotografisches Talent und seine Fähigkeit, auf Personen zuzugehen, sie zu öffnen – und gestaltete vor der vergangenen Saison den offiziellen Teamkalender der Volleys. Mit Bildern, die versuchten, Teamkollegen als individuelle Wesen abzubilden. Die standardmäßige Darstellung hatte den Ästheten im Athleten schon immer gestört, das Nummerierte und Uniformierte des Sports passte nicht zu seinem Menschenbild. Die Erlöse des Kalenders kamen der Berliner Stadtmission zugute. Denn Patch wollte auch der Stadt, die seiner Entwicklung Per­spektiven eröffnete, etwas zurückgeben.

          Im Jahr zuvor ließ er den Verein etliche Vasen versteigern, die er in seinem Atelier getöpfert hatte. Nun will er sich verstärkt seinen Modeentwürfen widmen. Bei Benjamin Patch drängt sich der Eindruck auf, er wisse gar nicht, wohin mit seiner kreativen Energie. Dass er ein begnadeter Tänzer ist, muss kaum noch erwähnt werden.

          Obwohl Patch einen Vertrag bis Mitte 2024 unterschrieben hat, lässt Volleys-Geschäftsführer Kaweh Niroomand seinen Star ziehen, wohl wissend, dass er ihn ohnehin nicht hätte zwingen können, zu spielen. „Mit ihm geht unserem Team in der kommenden Saison leider eine Persönlichkeit verloren, die unseren Klub und die Stadt Berlin geprägt und verkörpert hat“, sagte Niroomand im Duktus eines Nachrufs. Ob Patch noch mal zurückkehren wird, lässt er offen. Versprechen wollte er nur, dass er für keinen anderen Verein außer den Volleys antreten werde. Berlin oder gar nichts.

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