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Volleyball : Rückkehr einer Abtrünnigen

Endlich wieder: Pachale für Deutschland am Ball Bild: picture-alliance / dpa

Mit Hanka Pachale als Stabilitätsfaktor hat das deutsche Volleyballteam zum Auftakt der Olympia-Qualifikation 3:0 gegen die Türkei gewonnen. Das Nationaltrikot hatte Italien-Profi Pachale zuletzt nur bei der Fußball-WM als Fan getragen.

          Der Schock kam im letzten Training. Am Tag vor dem Auftakt des Qualifikationsturniers für die Olympischen Spiele in Peking erlebte Hanka Pachale den Schrecken aller Volleyballspieler - sie knickte um, ohne fremde Einwirkung. Mehr als sechs Jahre waren vergangen, seit sie zuletzt in der Volleyball-Nationalmannschaft angetreten war, nun hatte sie am Dienstag in der Auftaktpartie des Turniers in Halle (Westfalen) gegen die Türkei endlich wieder in die Auswahl des Deutschen Volleyball-Verbands (DVV) zurückkehren sollen. Und dann dieses Malheur.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Erst kurz vor dem Spiel kam dann die endgültige Entwarnung: Die genauere Untersuchung hatte keinen Schaden am Knochen des Fußes ergeben, einem Einsatz Pachales mit stabilisierendem Tapeverband stand somit nichts entgegen.

          3:0-Sieg gegen dezimierte Türkei

          Das Aufatmen im deutschen Team war groß - schließlich wäre es für die Mannschaft von Bundestrainer Giovanni Guidetti der zweite Rückschlag innerhalb kurzer Zeit gewesen. Wenige Tage zuvor hatte Stammlibero Kerstin Tzscherlich, laut Guidetti eine der besten Spielerinnen weltweit auf ihrer Position, absagen müssen. Sie war nach einer Knieoperation im Dezember nicht mehr rechtzeitig fit geworden.

          An ihrer Stelle übernahm die etatmäßige Außenangreiferin Heike Beier in Halle die Rolle der Annahme- und Abwehrspezialistin - letztlich mit Erfolg: Zum Turniereinstieg landeten die deutschen Frauen vor 2500 Zuschauern einen 3:0-Sieg (25:20, 26:24, 25:19) gegen die Türkei. Die war freilich ihrerseits dezimiert angetreten: Ihre Topangreiferin Neslihan Demir, punktbeste Spielerin der WM 2006 in Japan, war nicht mit von der Partie - sie erwartet ihr erstes Kind.

          Italienische Wanderjahre

          So erwies sich das deutsche Team trotz deutlicher Abstimmungsschwierigkeiten als überlegen. Hanka Pachale wirkte dabei, obwohl im Angriff noch leicht angeschlagen, als wichtiger Stabilitätsfaktor in Annahme, Abwehr und Aufschlag - ein Resultat der Erfahrung auf höchstem Niveau, die sich die 31 Jahre alte Außenangreiferin in der italienischen Profiliga erworben hat. Die letzten Jahre hatte sie sich voll auf den Vereinsvolleyball konzentriert. 1998 war die gebürtige Schwerinerin ins gelobte Land der Volleyballer gezogen, zunächst nach Vicenza. Prompt wurde sie dort zur „Aufsteigerin des Jahres“ gewählt.

          In ihrer zweiten Saison schloss sie sich dem Spitzenklub Omnitel Modena an, mit dem sie ein Jahr später den italienischen Meistertitel und 2001 die Champions League gewann. Es folgte ein Jahr in Florenz, bevor sie wieder zurück nach Modena wechselte, wo sie 2002 den Supercupsieg feierte - ein Erfolg, den sie nun 2007 nach einer Reihe von Wanderjahren mit Perugia wiederholte. Mittlerweile ist die 1,89 Meter große Hanka Pachale auf ihrer Italien-Tournee beim achten Klub angekommen. Und hat sich als eine der besten ausländischen Profispielerinnen in Italien etabliert.

          Giovanni Guidetti holte sie zurück

          Trotz dieser Bilderbuchlaufbahn in der stärksten Liga der Welt, vielleicht auch deswegen, ist Hanka Pachale in all den Jahren in der deutschen Nationalmannschaft nie so recht heimisch geworden. Nachdem es schon 1999 wegen Äußerungen Pachales über die DVV-Auswahl, die manche als freimütig, andere als despektierlich bezeichnen würden, zu verlustreichen Reibereien mit dem Verband und dem damaligen Bundestrainer Hee Wan Lee gekommen war, zog sie sich nach dem neunten Platz bei der EM 2001 in Bulgarien endgültig aus dem Nationalteam zurück.

          „Am Anfang war es eine Auszeit wegen physischer Probleme nach einer Knie-Arthroskopie im Sommer 2002, dann eine persönliche Entscheidung, privat einen anderen Weg einzuschlagen“, sagt sie heute. So blieb es bis dato bei vergleichsweise bescheidenen 114 Länderspielen. Das deutsche Nationaltrikot trug sie seither nur bei der Fußball-WM.

          „Mich interessiert nicht die Vergangenheit“

          Dass die so lange außerhalb Deutschlands brillierende Ausnahmeangreiferin nun zurück ist, hat viel mit einem Mann zu tun: Bundestrainer Giovanni Guidetti. Er hatte vor zwei Jahren als Vereinstrainer in Chieri mit Hanka Pachale gearbeitet und schon bei der Übernahme seines Postens als Bundestrainer im Mai 2006 angekündigt, sich für eine Rückkehr der Olympia-Sechsten 2000 in Sydney einzusetzen. Nun, vor der Olympia-Qualifikation in Halle, hat es geklappt. „Ich wollte dieses Turnier mit dem bestmöglichen Team spielen“, sagt Guidetti. „Mich interessiert nicht die Vergangenheit, mich interessiert, wer jetzt am besten ist.“

          Pachale selbst begründet ihre Rückkehr schlicht damit, dass „im Moment einfach alles passt“. Wobei die Vertrautheit mit Guidetti, mit seiner Art und seinem Arbeitsstil, bei ihrer Entscheidung sicher eine Rolle gespielt habe. Doch sie warnt auch davor, nun quasi über Nacht Wunderdinge vom deutschen Team zu erwarten: „Hanka Pachale ist nicht automatisch das Ticket nach Peking.“ Ein Grund zur Hoffnung auf Olympia aber ist sie für die deutschen Volleyballerinnen allemal. Wie das Auftaktspiel gegen die Türkei zeigte, ein guter Grund. An diesem Mittwoch geht es gegen den ehemaligen Europameister Polen.

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