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Volleyball-Nationalmannschaft : Espresso statt belgischer Pralinen

Heimspiel bei der EM: Kapitän Lukas Kampa spielt seit 2014 in der polnischen Liga. Bild: Imago

Nach dem Trainerwechsel von Heynen zu Giani und einer neuen Philosophie ist auch der personelle Umbruch im deutschen Volleyballteam in vollem Gange. Zur EM in Polen fahren sieben Debütanten.

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          Der Unterschied in den Philosophien der Bundestrainer ist nach dem Wechsel von Vital Heynen zu Andrea Giani bei den deutschen Volleyball-Nationalspielern endlich angekommen: „Wir trinken jetzt immer alle einen Espresso nach dem Essen“, scherzt Kapitän Lukas Kampa: „Die belgischen Pralinen sind dagegen tabu.“ Wenn es mit den Genuss-Fragen klappt, kann es mit den Spielsystemen auch nicht mehr so schwer sein. Und immerhin: Die letzten beiden Vorbereitungsspiele nach intensivem Trainingslager gegen das mittlerweile vom Belgier Heynen betreute belgische Nationalteam gewann die deutsche Mannschaft unter Gianis italienischer Führung jeweils mit 3:1 Sätzen.

          Die Stimmung zumindest könnte bei Kampa und Kollegen vor der Europameisterschaft in Polen, die an diesem Donnerstag beginnt, kaum besser sein. Trotz einiger Rückschläge in der jüngeren Vergangenheit: Die WM-Qualifikation für 2018 wurde verpasst, der Aufstieg innerhalb der Weltliga 2017 ebenfalls. Auch Olympia 2016 fand schon ohne Beteiligung der deutschen Volleyball-Männer statt. Nun ist nach dem Trainerwechsel auch der Umbruch bei den Spielern in vollem Gange. Zur EM ins Nachbarland fahren sieben Etablierte und sieben Debütanten. Auf die Frage, ob es schon eine Mannschaft ist oder noch zwei Gruppen, antwortet Kampa: „Weder noch“.

          Die Mannschaft sei sicher im Findungsprozess, und der laufe noch eine Weile. Rollen müssen neu verteilt, Positionen eingenommen, Verantwortung übernommen werden. „Aber die Jungen fühlen sich wohl, sind integriert.“ Auf den alten, in internationalen Ligen gereiften Spielern wie Starangreifer Georg Grozer, 32 Jahre alt, und Zuspieler Kampa, 30, ruht dennoch die größere Last. Doch auch die jungen Aufstrebenden aus der Bundesliga sind gefordert, sich einzubringen. Sie sitzen alle in einem Bus, zumindest sprichwörtlich bei der Anreise vom Trainingslager in Bremen zum Spielort nach Stettin. „Gut für den Mannschaftsgeist“, sagt Kampa über die mehrstündige Bustour: „man kann rumlaufen, Plätze tauschen, mit jedem mal reden, Karten spielen.“

          Noch am Dienstagabend war das erste Training am Zielort angesetzt. Am Freitag (20.30 Uhr) beginnt das EM-Turnier für Deutschland dann gleich mit einer denkbar happigen Aufgabe gegen den Weltranglistenvierten Italien. „Wir wollen dieses Spiel gewinnen“, nennt Kapitän Kampa dennoch selbstbewusst das erste sportliches Ziel. Danach wolle man Schritt für Schritt weitersehen. In der Vorrundengruppe trifft Deutschland noch auf Tschechien und die Slowakei. Der Gruppensieger zieht direkt ins Viertelfinale ein, die Zweit- und Drittplazierten erhalten eine Play-off-Chance.

          Verlieren kann das Team im Grunde nichts: In der fast 70-jährigen EM-Historie hat eine deutsche Männermannschaft noch nie eine Medaille gewonnen. Dagegen könnte der Austragungsort der K.-o-Spiele als gutes Omen dienen: Die Finalrunde wird in Kattowitz gespielt, dem Ort, an dem Kampa mit der deutschen Mannschaft noch unter Heynen bei der WM 2014 die Bronzemedaille gewann – es war der größte Erfolg eines deutschen Volleyball-Teams seit der Olympia-Silbermedaille der DDR-Auswahl 1972.

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          Das Ziel Kattowitz möge dem ganzen Team Rückenwind geben, hofft Kampa, für den die EM zugleich ein Heimspiel ist. Seit 2014 spielt der gebürtige Bochumer in der polnischen Liga, zunächst bei Czarni Radom, später für Jastrzebski Wegiel, wo er gerade erst für zwei weitere Jahre seinen Vertrag verlängert hat. Volleyball genießt in Polen einen deutlich höheren Stellenwert als in Deutschland, entsprechend besser bezahlt sind die Spieler. Übermäßigen Leistungsdruck empfindet er deshalb nicht: „Ich weiß, dass ich besonders beobachtet werde“, sagt er und schöpft aus derVorfreude zusätzliche Motivation.

          Der Volleyball-Weltenbummler, der aus dem Frankfurter Volleyball-Internat hervorging und vor seiner polnischen Phase schon russischer Pokalsieger und ukrainischer Meister war, spielte auch einige Jahre in Italien, dem zweiten gelobten Land des europäischen Volleyballs. Dank der Spielzeiten in Piacenza und Modena kann sich Kampa mit Bundestrainer Giani in dessen Landessprache unterhalten und für seine Mitspieler übersetzen.

          Ein nicht zu unterschätzender Vorteil, um die Feinheiten in der Ansprache des italienischen Rekord-Nationalspielers herauszufiltern. Die grundsätzliche Spielidee von Giani haben Kampa und Co. mittlerweile verinnerlicht, taktische Änderungen angenommen, das aggressivere Angriffs- und Aufschlagverhalten versucht umzusetzen. Als Zuspieler kommt Kampa entscheidender Einfluss auf die Spielgestaltung zu. Als Kapitän will er „eher vorleben als vorreden“. Und gönnt sich schon mal einen zweiten Kaffee.

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