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Volleyball in Rottenburg : Der „Hexer“ als Dreh- und Angelpunkt

  • -Aktualisiert am

Nicht alle lieben ihn: Rottenburgs Trainer Hans Peter Müller-Angstenberger Bild: TV Rottenburg

Als Aufsteiger mischt der TV Rottenburg die Volleyball-Bundesliga auf. Der Erfolg spricht für sich, doch am Trainer scheiden sich die Geister. Die einen lieben Hans Peter Müller-Angstenberger, die anderen sehen ihn als Selbstdarsteller.

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          In Stelian Moculescu muss es gebrodelt haben. 90 Minuten lang hatte der Volleyball-Trainer das Bundesligaspiel seines VfB Friedrichshafen stoisch verfolgt. Dann hämmerte Außenangreifer Georg Grozer im vierten Satz den Ball zum 22:10 ins Feld des TV Rottenburg. Ein bedeutungsloser Punkt auf dem Weg zum 3:1-Auswärtssieg des Tabellenführers im württembergischen Derby, doch Moculescu veranlasste es zu einem Tänzchen: Er trippelte auf der Stelle, schüttelte seine Hüften und legte die Hände hinter die Ohren. Eine Provokation. Moculescu machte den Rottenburger Trainer Hans Peter Müller-Angstenberger nach, der das ganze Spiel lang an der Seitenlinie herumgehüpft war. Fast alle der 3100 Zuschauer in der Tübinger Paul-Horn-Arena pfiffen.

          Müller-Angstenberger verweigerte Moculescu nach dem Spiel den Handschlag. Er lasse sich nicht beleidigen, sagte der Rottenburger Trainer. „Moculescu hat schon beim Spiel vor zwei Jahren zu mir gesagt, ich solle mir ein Cheerleader-Röckchen anziehen, ich hätte in der Bundesliga nichts zu suchen. Das hat er dieses Mal wiederholt.“ Er sage doch auch nicht, dass Moculescu arrogant an der Linie steht. „Obwohl er das definitiv tut.“

          „Auf dem Feld verwandelt er sich. Er ist nicht mehr einzufangen“

          Aufsteiger Rottenburg liegt nach der Vorrunde in der Volleyball-Bundesliga auf Platz sechs - und fällt als besonderer Klub auf, mit dem Trainer als Dreh- und Angelpunkt. Abseits des Volleyballs ist Müller-Angstenberger Lehrer für Deutsch und katholische Theologie. Der 36 Jahre alte Trainer wirkt ruhig und besonnen. „Nur auf dem Feld verwandelt er sich“, sagt der Rottenburger Klubmanager Jörg Papenheim, „dann ist er nicht mehr einzufangen.“

          Nach wichtigen Punkten fällt Müller-Angstenberger Fäuste schüttelnd auf die Knie oder rennt durch die halbe Halle zu seinem Lieblingsblock und klatscht die Zuschauer ab. Bei Fehlern schlägt er entsetzt die Hände über dem roten Kopf zusammen, knetet seine Glatze und reißt die Augen weit auf. Die Fans lieben ihn, andere halten Müller-Angstenberger für einen Selbstdarsteller. In der Volleyball-Zeitschrift hat er seine eigene Rubrik mit dem Titel „Neues vom Hexer“.

          Timing, Technik, Taktik - fast alles fehlte Stefan Schneider

          Doch wenn der Adrenalinschub abgeebbt ist, arbeitet Müller-Angstenberger akribisch und weitsichtig. Nach der Vorrunde liegen die Rottenburger mit zwölf Punkten auf Play-off-Kurs. In ihrer ersten Bundesliga-Saison vor zwei Jahren holten sie in der gesamten Saison nur halb so viele Zähler und stiegen wieder ab. Jetzt scheint sich der TVR etablieren zu können. Und Müller-Angstenberger wird für seine Hartnäckigkeit belohnt: Den Diagonalangreifer Stefan Schneider entdeckte der Rottenburger Trainer beispielsweise vor fünf Jahren in der Landesliga und baute ihn direkt ins Zweitliga-Team ein.

          Timing, Technik, Taktik - fast alles fehlte dem heute 28 Jahre alten Schneider. Doch der Trainer glaubte an dessen Potential; heute ist Schneider der beste Angreifer der Rottenburger. Müller-Angstenberger hatte immer ein Faible für besondere Typen: Im Kader standen auch schon mal ein ehemaliger deutscher Schülermeister im Skispringen oder ein Gefängnisfreigänger.

          „Unser Umfeld ist perfekt für langfristiges Spitzenvolleyball“

          Nach Schneider ist der zweitälteste Spieler im Rottenburger Kader erst 24 Jahre alt. In der Bundesliga hat nur das Juniorennationalteam VCO Berlin einen geringeren Altersdurchschnitt. „Wir wollen junge Leute, die bei uns verankert sind“, sagt Manager Papenheim. Einige Spieler geben Jugendtraining, mehr als die Hälfte studiert im zehn Kilometer entfernten Tübingen, wo die Rottenburger ihre Heimspiele austragen.

          Die Begeisterung um die Volleyballspieler ist hier riesengroß. Bei Auswärtsspielen gibt es ein gutbesuchtes Public Viewing im Klubheim. Gegen Friedrichshafen war die Halle 70 Minuten vor Spielbeginn ausverkauft. Den Rottenburger Zuschauerschnitt toppt nicht einmal Friedrichshafen. 2100 Zuschauer - so lautet beim TVR der Minusrekord. „Unser Umfeld ist perfekt, um langfristig Spitzenvolleyball zu bieten“, sagt Diagonalangreifer Schneider.

          „Vielleicht habe ich die Gesten nicht so schön gemacht wie er“

          Doch Manager Papenheim will sich zu keinen großen Sprüngen verleiten lassen. „Wir werden weiter auf unsere Jungen bauen und sie nur möglichst besser bezahlen.“ Die Rottenburger haben zwei Jugendnationalspieler in der Hinterhand, und Müller-Angstenberger träumt davon, irgendwann Eigengewächse wie Sebastian Schwarz und Jaromir Zachrich zurückzuholen, die zu Zweitliga-Zeiten abgewandert sind und heute bei den Spitzenmannschaften Unterhaching und SCC Berlin spielen.

          Stelian Moculescu wollte nach der Partie eigentlich lieber über seinen neuen Nebenjob als rumänischer Nationaltrainer sprechen: „Was ich in Deutschland für meine zweite Heimat gemacht habe, will ich jetzt auch für meine erste Heimat machen.“ Und Rottenburg? „Ach, alles wunderbar.“ Und das Tänzchen? Das habe er nur aufgeführt, um mal zu sehen, wie sich das so anfühle. „Und wenn die Zuschauer es bei Müller-Angstenberger goutieren, kann ich nicht verstehen, dass ich Pfiffe bekomme“, sagte Moculescu. „Aber vielleicht habe ich die Gesten nicht so schön gemacht wie er.“

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