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Volleyball ohne Moculescu : Die Bodensee-Bayern und das Unvorstellbare

40 Jahre Volleyball-Trainer, davon 20 in Friedrichshafen: Stelian Moculescu Bild: dpa

Das Halbfinal-Hinspiel an diesem Mittwoch könnte schon sein letztes Heimspiel sein: Meistertrainer Moculescu hört in Friedrichshafen auf. Natürlich nicht ohne Anspruch.

          3 Min.

          Wer in knapp zwanzig Jahren 13 Meisterschaften und ebenso viele Pokalendspiele gewonnen hat, der wird auch kurz vor der Ziellinie nicht unnötig bescheiden. „Einen 14. Meistertitel würde ich gerne mitnehmen“, sagte Stelian Moculescu vor seinem angekündigten Rücktritt als Trainer des VfB Friedrichshafen. Und auch die Vereinsführung sieht keinen Grund, vorschnelle Abschiedsreden zu verfassen. „Wir sind davon überzeugt, dass es nicht unser letztes Heimspiel mit ihm ist“, sagt Sebastian Schmidt, Geschäftsführer des Volleyball-Meisters, vor dem Play-off-Halbfinale an diesem Mittwoch (20 Uhr) in der Arena am Bodensee gegen die United Volleys Rhein-Main.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Volleyball ohne Moculescu? „Geht das überhaupt“ haben sich viele gefragt, als der Erfolgstrainer Mitte März ankündigte, dass nach der Saison für ihn Schluss sei. Sein Bauchgefühl habe ihm dazu geraten, gab er als Begründung an. „Von Seiten des Vereins gab es kein Drängen“, versichert Schmidt. Der Entschluss sei lange bei ihm gereift im Laufe der vergangenen Saison. Und nun, mit fast 66, könne er sich ja auch mal seiner Familie widmen, seiner Frau, seinen Kindern, seinen Enkeln. Und seinem Hobby, das nicht etwa Volleyball heißt, sondern Golf. Aber natürlich werde er auch nicht aufhören, „über Volleyball nachzudenken“ schob der Meistertrainer sicherheitshalber nach. Und wer weiß, ob er nicht doch eines Tages wieder an einer Seitenlinie in irgendeiner Halle dieser Republik stehen wird?

          Seine Bilanz bei den Bodensee-Bayern ist beeindruckend: 13x Meister, 13x Pokalsieger und dazu Champions-League-Sieger.
          Seine Bilanz bei den Bodensee-Bayern ist beeindruckend: 13x Meister, 13x Pokalsieger und dazu Champions-League-Sieger. : Bild: dpa

          Stelian Moculescu, genannt „Stelu“, kam 1950 in der rumänischen Stadt Brasov (Kronstadt) zur Welt und hat sein Leben weitgehend dem Volleyball gewidmet. Bei den Olympischen Spielen 1972 setzte sich der Nationalspieler von seiner Mannschaft ab und blieb in München. Dort begann er auch seine Trainerlaufbahn, zunächst noch als Spielertrainer beim TSV 1860 München, und sofort mit Erfolg. Die Volleyball-Löwen gewannen unter seiner Anleitung zwei Mal das Double. Später führte er auch den TSV Milbertshofen und den ASV Dachau an die deutsche Spitze. Nur eines hat er in München nicht geschafft: eine Verbindung zwischen dem FC Bayern und seinem geliebten Sport herzustellen. Das wäre wohl die einzige Möglichkeit gewesen, Volleyball in Deutschland richtig groß zu machen, sagte er einmal.

          Stattdessen gründete er 1997 eine Art „Bayern München am Bodensee“, denn die Verbindung zwischen ihm und dem VfB Friedrichshafen kann ohne Übertreibung als perfekte Symbiose bezeichnet werden. Ihren absoluten Gipfel erreichte die Erfolgsgeschichte mit dem Gewinn der Champions League 2007. Nebenbei oder zusätzlich betreute er auch knapp zehn Jahre lang die deutsche Nationalmannschaft, die er immerhin zu den Olympischen Spielen 2008 führte. Eine schöne Pointe der kleinen Volleyballwelt bewirkt nun, dass in Friedrichshafen ein Mann sein Lebenswerk erbt, der auch beim Nationalteam sein Nachfolger war, wenn auch nicht sein unmittelbarer.

          Der nächste Charismatiker beim VfB: Vital Heynen
          Der nächste Charismatiker beim VfB: Vital Heynen : Bild: dpa

          Der Belgier Vital Heynen, seit 2012 und noch bis Ende der Saison Bundestrainer, wird Coach beim VfB. „Er war unser Wunschkandidat“, sagt Schmidt über den hochgeschätzten und eloquenten Fachmann, der ebenso wie Mosulescu als „Volleyballverrückter“ gilt, seine Leidenschaft allerdings mit völlig unterschiedlichem Temperament vermittelt. Während Mittsechziger Moculescu oft etwas grummelig auftritt, und mit seiner Attitüde, nicht Jedermanns Freund sein zu wollen, den ein oder anderen vor den Kopf stieß, ist der knapp zwanzig Jahre jüngere Heynen ein stetig sprudelnder Quell guter Laune. Mit oft unkonventionellen Ideen wie der „Höllenwoche“, bei der er seine Spieler dank Handy-Verzicht, Schweige-Gelübde und Übernachtung im Freien mit neuen Reizen konfrontierte, machte sich Heynen auch über die Volleyball-Community hinaus einen Namen. Derzeit betreut der Belgier noch Frankreichs Meister Tours VB, doch mit den „Häflern“ steht er bereits in intensivem Kontakt. Noch hat dort allerdings der alte Zampano das Sagen.

          Nur wenn es schlecht läuft, und der VfB beide Spiele gegen die United Volleys verliert, könnte schon am Samstag nicht nur die Saison, sondern die ganze Ära enden. Doch nach Friedrichshafener Zeitrechnung läuft Moculescus Spieluhr noch bis Anfang Mai. „Offizielle Verabschiedung ist am 9. Mai“, heißt es auf der Geschäftsstelle. Das passt prima: Am 6. Mai wird „Stelu“ 66 Jahre alt. Und für den 7. Mai ist das mögliche fünfte und letzte Endspiel der Playoff-Serie um die deutsche Meisterschaft terminiert.

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