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Volleyball-EM : Ruhepole und Emotionsbomben

Eine verschworene Gemeinschaft: Trainer Guidetti und links neben ihm Spielführerin Kozuch feiern mit dem Team den Halbfinaleinzug bei der Volleyball-EM Bild: AP

Aus Volleyballspielerinnen, die in ganz Europa verstreut sind, hat Trainer Guidetti ein EM-Team geformt, das sich auch aus kritischen Situationen befreien kann. Im Halbfinale trifft es an diesem Freitag (20.00 Uhr) auf Belgien.

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          Später Mittwochabend, Giovanni Guidetti steht unten in den Katakomben des Gerry-Weber-Stadions. Er sieht blass aus, müde, was vielleicht mit dem fahlen Kunstlicht zu tun hat, bestimmt aber mit der Kraft, die so ein EM-Turnier im eigenen Land kostet, mit den Aufregungen, deren Spuren dem Volleyball-Bundestrainer der Frauen nach sechs Turniertagen ins Gesicht geschrieben stehen. Guidetti sprudelt trotzdem, sein Team hat gerade den Sprung ins EM-Halbfinale geschafft, mit einem 3:0 gegen Kroatien, vor 6600 Fans in Halle, und nun soll er erläutern, wie das kam, wie seine Mannschaft schon den vierten Sieg im vierten Spiel der Heim-EM geschafft hat.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          „Volleyball“, sagt Guidetti also, „ist ein Mannschaftssport.“ Das ist keine ganz neue Erkenntnis - für Guidetti aber die Basis allen Arbeitens mit dem Nationalteam. Vor dem Kroatien-Spiel, erzählt er, habe er seinen Spielerinnen gesagt: Wenn wir hier als Einzelspielerinnen antreten, haben wir keine Chance; wenn wir als Mannschaft spielen, werden wir gewinnen. „Diese Spielerinnen“, sagt Guidetti, „leben das, was es heißt, eine Mannschaft zu sein.“ Sie lebten es in einem Maße wie kaum eine andere Mannschaft. Da fragt man sich: Warum? Wie schafft man einen solchen Teamgeist? Wie macht man aus einer Auswahl in ganz Europa verstreuter Profispielerinnen eine eng verschworene Gemeinschaft?

          Das feine Gespür für die Bedürfnisse der anderen

          Corina Ssuschke-Voigt ist Mittelblockerin, sie ist 30 Jahre alt, die älteste Spielerin im Nationalteam. Wie alle Stammkräfte ist sie seit Jahren im Ausland aktiv, weil sie sich da sportlich auf einem anderen Niveau bewegen kann als hierzulande und finanziell natürlich auch. In den letzten fünf Jahren hat sie vier Länder kennengelernt, weil sie das gereizt hat, sich immer wieder neu durchsetzen zu müssen, vor allem aber, weil sie immer wieder dem besten Vertrag gefolgt ist. Zuletzt führte der sie nach Aserbaidschan, zu Lokomotiv Baku. Und da hat sie erlebt, wie schwierig das sein kann, eine Mannschaft zu bauen, eine Gemeinschaft zu formen. Es gab viele Neuzugänge, und es gab einen Trainer, „der sehr störrisch war, nicht ins Team reingehört hat, was das Team denkt, das nicht akzeptiert hat“. Mit Guidetti, sagt sie, „kann man immer reden, und wenn er anderer Meinung ist, wird eben diskutiert. Man kann immer zu ihm kommen, wenn was ist, ob was Privates oder was anderes. Das ist das Wichtige, dass man das weiß. Das gibt so eine Art Urvertrauen.“ Corina Ssuschke-Voigt hat viele Vereinstrainer erlebt, und manchmal ist sie deshalb „einfach nur froh, wenn ich wieder zur Nationalmannschaft kommen kann“.

          Auch, weil sich dort mit den Jahren „ein Riesen-Zusammenhalt“ entwickelt hat, so Ssuschke-Voigt, mit dem das Team die Nachteile in Sachen Größe, Kraft oder Technik wettmacht, die es gegenüber vielen Spitzenteams hat. Und mit dem es sich immer wieder aus kritischen Spielsituationen zu befreien vermag, wie auch am Mittwoch gegen Kroatien. „Wir geben uns gegenseitig Kraft, wenn jemand hängt, guckst du ihm in die Augen, fasst ihn an, lässt dich von ihm hoch- oder auch runterbringen, je nachdem, was jeder braucht“, sagt Corina Ssuschke-Voigt. „Das ist das, was uns auszeichnet.“ Dieses feine Gespür für die Bedürfnisse der anderen hat sich über Jahre entwickelt. „Wir kennen die Charaktere, wir wissen, wie wir aufeinander reagieren, welche Punkte man drücken muss, dass was passiert“, sagt Außenangreiferin Maren Brinker.

          Ein Duell auf Augenhöhe

          In diesen Jahren hat sich innerhalb der Mannschaft auch eine natürliche Rollenverteilung ergeben. „Wir haben Ruhepole und Emotionsbomben“, sagt die 27 Jahre alte Maren Brinker, „jeder gibt der Mannschaft das, was er geben kann“. Diese Mischung trägt dazu bei, dass das Team in hitzigen Situationen nicht vor Emotionalität und Intensität durch die Decke geht und sich andersrum nicht in Phasen, in denen gar nichts mehr zu gehen scheint, komplett hängenlässt. „Wir haben ganz verschiedene Akteure, und das bringt eine gute Balance in die Mannschaft“, sagt die gegen Kroatien überragende Christiane Fürst, die als Mittelblockerin punktbeste deutsche Spielerin war.

          Für den Italiener Guidetti ist der besondere Teamgeist, die Nie-Aufgeben-Mentalität, eine speziell „deutsche Qualität“. Das sieht Angelina Hübner, geborene Grün, ähnlich. „Ich habe diesen Teamgeist bei keiner anderen Nation bisher so erlebt“, sagt die neunmalige Volleyballerin des Jahres, die vor diesem Sommer schon früh auf die Nationalmannschafts-Saison verzichtet hatte, nun erst mal eine Babypause einlegt und die Heim-EM als TV-Expertin verfolgt. „Dafür braucht man Kontinuität, dafür muss man sich kennen und gegenseitig schätzen.“ Als Auslandsprofi sei man oft eher Einzelkämpfer, „in der Nationalmannschaft gibt es ein gemeinsames Ziel, da weiß man: Wenn nicht alle versuchen, an ihrem Limit zu kratzen, jeden Tag, hast du gegen die großen Nationen, die Einzelspielerinnen mit anderen Qualitäten haben als wir, keine Chance.“

          An diesem Freitag (20 Uhr/live auf Sport1) spielt das Team gegen Belgien um den Einzug ins EM-Finale. Eine Mannschaft, die sie aus der Europaliga bestens kennt. Dreimal gewonnen und zweimal verloren haben sie zuletzt gegen das Überraschungs-Team der EM. „Wir werden auf eine Mannschaft auf Augenhöhe treffen“, sagt Maren Brinker - besonders in einer Hinsicht. „Belgien ist eine junge Mannschaft, die sehr viel Energie ins Spiel bringt“, sagt Christiane Fürst. Eine Tugend, von der auch das deutsche Team lebt. Christiane Fürst sagt: „Es wird sicher ein schönes Spiel mit vielen Emotionen.“

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