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Volleyball : Ein paar starke Sätze reichen nicht für Peking

Der Traum von Peking endete gegen Russland Bild: dpa

Erstmals seit 1992 haben die deutschen Volleyballerinnen die Qualifikation für Olympia verpasst. Die Auswahl scheiterte an Weltmeister Russland – und auch an sich selbst. „Es fehlte das Feuer“, sagte Italien-Profi Christiane Fürst.

          Giovanni Guidetti tat das, was er sonst nie tut: Er saß auf seinem Trainerstuhl. Reglos, sprachlos, restlos bedient. Wie versteinert wirkte der Italiener, wie erstarrt, der leere Blick verlor sich im Nirgendwo. Giovanni Guidetti schien weit weg zu sein in diesem Moment, dem Moment des Scheiterns, der verpassten Olympia-Teilnahme.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          0:3 (15:25, 23:25, 17:25) war die deutsche Volleyball-Nationalmannschaft zuvor im Halbfinale des Qualifikationsturniers in Halle (Westfalen) dem Team aus Russland unterlegen. Es war ihre dritte Niederlage im vierten Spiel in Halle, und sie beendete abrupt die olympischen Träume der Volleyballerinnen. Und auch die des Bundestrainers. Grund genug, eine Zeitlang in sich selbst zu versinken.

          „Keine Schande, gegen den Weltmeister zu verlieren“

          Es war keine große Überraschung, dass Guidettis Team dieses Spiel verlor. Ein Sieg gegen Russland, das wäre tatsächlich jenes Wunder von Halle gewesen, das nach den erfolgreichen Qualifikationen 1996, 2000 und 2004 in Bremen und Baku so intensiv beschworen worden war. Doch Wunder mag es ja vielleicht immer wieder geben, immer aber gibt es sie nicht. „Es ist keine Schande, gegen den Weltmeister zu verlieren“, versuchte Werner von Moltke, der Präsident des Deutschen Volleyball-Verbands (DVV), die Dinge ins rechte Maß zu bringen. Und auch der Trainer der Russinnen, der Italiener Giovanni Caprara, sprach den Deutschen nach Kräften Trost zu: „Wenn meine Mannschaft mit so viel Willen und Herz spielt, wird es für jedes Team der Welt schwer, uns zu schlagen.“

          Trainer Giovanni Guidetti (M.) bleibt, doch das Gesicht des Nationalteams wird sich ändern

          Als viel zu schwer erwies es sich jedenfalls für die deutsche Mannschaft. „Wir müssen uns gegen Russland alle steigern, um eine Siegchance zu haben“, hatte Mittelblockerin Christiane Fürst nach dem 1:3 am Freitagabend im letzten Gruppenspiel gegen die Niederlande noch gesagt, durch das die DVV-Frauen den Sprung ins Halbfinale geschafft hatten.

          Körperlich überlegen und humorlos

          Dort aber ließen die nahezu fehlerfrei spielenden Russinnen das deutsche Team gar nicht erst in Fahrt kommen. Nur am Ende des zweiten Satzes keimte bei den 5300 Zuschauern in Halle kurzzeitig Hoffnung auf: Beim Stand von 23:24 hatte Guidettis Team die Punktchance zum Ausgleich – nutzte sie aber nicht. Russland meisterte die Situation, gewann 25:23 – und bremste in Durchgang vier den zarten Schwung der Deutschen kühl durch einen 7:1-Blitzstart aus. „Wir haben nicht das umgesetzt, was wir uns vorgenommen haben“, sagte Guidetti zerknirscht. „Es fehlte ein bisschen das Feuer“, fand Italien-Profi Christiane Fürst, „wir haben es nicht geschafft, den nötigen Druck aufzubauen“.

          So kam der Weltmeister das ganze Spiel über zu leichten Punkten. Ließ sich das gegen die körperlich überlegenen Russinnen, die im Zweifelsfall eben humorlos über den Block hinwegschlugen, kaum vermeiden, so war es doch nicht unbedingt zu erwarten, dass der Favorit sich nicht nur in Block, Annahme und Angriff, sondern auch in der Defensive als überlegen erweisen sollte. „Wenn die Russinnen schon anfangen, abzuwehren, ist das ein Zeichen, dass sie wirklich gut drauf sind“, sagte Spielführerin Angelina Grün. „Wir haben uns dagegen in der Abwehr sehr schwer getan, und das, obwohl es eigentlich unsere Stärke ist.“

          „Immer wieder Hänger“

          Der sichtbare Klassenunterschied jedenfalls verbot jegliches Hadern mit der Tatsache, erstmals seit 1992 die Qualifikation für Olympia verpasst zu haben. Es habe schlicht die Qualität gefehlt, konstatierte Guidetti. Tatsächlich fiel die Turnierbilanz ernüchternd aus: Einem Sieg gegen die Türkei stehen drei Niederlagen gegen Polen, die Niederlande und Russland gegenüber – der Anschluss an die Weltspitze beschränkte sich auf einige starke Sätze, in denen die Mannschaft ihr Potential andeutete.

          „Wir haben phasenweise super gespielt, hatten dazwischen aber immer wieder unsere Hänger“, sagte Angelina Grün. Die mangelnde Konstanz habe nicht zuletzt damit zu tun, dass dem Team in der Formation, die in Halle auflief, die gemeinsamen Erfolgserlebnisse gegen starke Teams fehlten. „Diese Erfahrung, zusammen zu spielen und zusammen zu gewinnen, haben uns andere voraus“, sagte sie. Um diese Sicherheit auf hohem Niveau zu erlangen, die Gewissheit, unter Druck gegen einen hochklassigen Gegner bestehen und siegen zu können, sei vor allem eines nötig: „Wir müssen häufiger gegen so starke Gegner wie die Russinnen spielen“, sagte Angelina Grün. „Irgendwann gewinnt man dann auch mal so ein Spiel.“

          Hoffen auf die Männer

          Gelegenheit dazu bietet nun der Grand Prix 2008, nach der verpassten Olympia-Teilnahme das nächste große Ziel der Volleyball-Frauen. Bis dahin wird die Mannschaft ein anderes Gesicht haben: Die reaktivierte Zuspielerin Tanja Hart wird wohl nicht mehr zur Verfügung stehen, die Zukunft Hanka Pachales im Nationalteam ist fraglich. Und auch Angelina Grün, seit zehn Jahren Führungsfigur der Mannschaft, denkt über eine vorübergehende Auszeit nach.

          Trainer Guidetti dagegen soll und will auf jeden Fall weitermachen, mit einem neuen Team einen neuen Anlauf nehmen für Olympia 2012 in London. In Sachen Peking dagegen muss der DVV nun ganz auf die Männer-Abteilung setzen: Die spielt vom 23. bis 25. Mai in Düsseldorf um die letzte Chance, bei Olympia dabei zu sein. Angelina Grün wird es gespannt verfolgen: Ihr Lebensgefährte Stefan Hübner ist Mittelblocker im Männerteam. „Eine Hoffnung auf Peking“, sagte sie nach dem Aus in Halle, „haben wir ja noch in der Familie“.

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