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Volleyball : "Die schönste Niederlage, die man sich vorstellen kann"

Die Volleyballer des VfB Friedrichshafen haben in der Champions League den Einzug in das Final-Four-Turnier geschafft. Eine Sternstunde für das deutsche Volleyball-Erfolgsmodell.

          3 Min.

          Der Mann hatte keine ruhige Sekunde. Einen halben Meter neben dem Feld stapfte er auf und ab, riß die Arme hoch, fuchtelte, ruderte, gestikulierte. Stelian Moculescu stand unter Strom. Es ging um den Einzug in die Endrunde der Volleyball Champions League, und wie erwartet wurde es knapp. Sehr knapp.

          Bernd Steinle
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          "Es war ein Nervenspiel", sagte Moculescu hinterher. 3:2 hatte der VfB Friedrichshafen das Viertelfinal-Hinspiel gegen die belgische Mannschaft Noliko Maaseik gewonnen, 2:3 verloren sie am Dienstag abend in der heimischen Arena. So entschieden die gespielten Punkte - 213:212 - für den VfB. Für Moculescu war es "die schönste Niederlage, die man sich vorstellen kann". 4.200 Zuschauer standen und feierten das Team minutenlang. Momente ungläubigen Staunens, Gänsehaut-Atmosphäre - und das im deutschen Volleyball.

          Das ewig ehrgeizige Volleyball-Faktotum

          In Friedrichshafen ist in den vergangenen Jahren die Elitestätte des Männer-Volleyballs in Deutschland herangewachsen. Geschaffen hat sie ein umtriebiges Gespann mit zwei Hauptakteuren. Trainer Stelian Moculescu hat seit seinem Wechsel an den Bodensee 1997 zwölf von 15 möglichen nationalen Titeln mit dem VfB gewonnen. Daneben hob Manager Bernd Hummernbrum Präsentation, Außenwirkung, VIP-Betreuung und Ticketverkauf auf ein Niveau, das selbst das ewig ehrgeizige Volleyball-Faktotum Moculescu, in Personalunion Bundestrainer der deutschen Männer, tief beeindruckte. Von so einem Umfeld, sagte der gebürtige Rumäne, der schon mit dem TSV Milbertshofen und dem ASV Dachau deutscher Meister war, habe er dreißig Jahre lang geträumt.

          Das Zentrum der Friedrichshafener Volleyball-Oase ist die neue Arena. Die einstige Messehalle 1 wurde 2003 unter Leitung des Friedrichshafener Architekten Josef Wund, der auch den deutschen Pavillon auf der Expo in Hannover entworfen hatte, zur Volleyball-Halle umgebaut. Fünf Millionen Euro kostete das Projekt, 1,3 Millionen schossen Bund und Land zu, die Kommune half mit einer Stiftung. Herausgekommen ist ein Prunkstück, schlicht und elegant, mit Großleinwänden und indirekter Beleuchtung, Aufwärmhallen und modernen Schulungsräumen, Küche und Internat. Unter dem geschwungenen Dach dinieren in der marineblauen Lounge die knapp 300 Mitglieder des "Freundeskreises", des gesellschaftlichen Treffpunkts von Sport und Politik, Spielern und Zuschauern. Das Entree zum VIP-Klub: 770 Euro im Jahr. "Diese Halle", sagt Moculescu, "sucht in Europa ihresgleichen."

          Die Champions League, finanziell ein fragwürdiges Geschäft

          Diese Halle aber lebt vor allem von Hochglanzabenden wie jenem gegen Maaseik - und die sind rar. Zumal in Deutschland. Die Spitzenklubs der Bundesliga, Friedrichshafen und der deutsche Meister SCC Berlin, sind dem Rest des Felds weit enteilt. "Ein Spiel gegen den Tabellendritten ist im Fußball ein absolutes Highlight", sagt Manager Hummernbrum, "hier geht das mal mit 3:0 über die Bühne". Wegen des Leistungsgefälles fehlt dem Team die regelmäßige sportliche Herausforderung - und den Fans die Spannung. Dank der Arena stieg der Schnitt zwar auf gut 1000 Zuschauer. Die aber in Bewegung zu bringen ist oft ein Kunststück. Davon können die Trommler und Tröter der "Außerhäflerischen", des VfB-Fanklubs, ein Lied singen.

          Bleibt die Champions League. Finanziell ein fragwürdiges Geschäft, erreicht der VfB doch erst jetzt, mit der Endrunde, "die kleine Gewinnzone", wie Hummernbrum es nennt: "Und wenn ich klein sage, meine ich 3000 bis 5000 Euro." Die Kosten für die Reisen, wie die in die russische Stadt Belgorod, sind hoch, die Vermarktung im deutschen Fernsehen ist schwierig. Das Spiel gegen Maaseik lief im Dritten kurz vor Mitternacht. Als dagegen Titelverteidiger Lokomotive Belgorod im Dezember in Friedrichshafen 1:3 unterlag, wurde das Spiel live nach Rußland übertragen - mit, so Hummernbrum, 50 Millionen Zuschauern. Doch der VfB ist nun mal gefangen in dem Zwiespalt, Hauptdarsteller in einer Disziplin zu sein, für die im nationalen Mediensport nur eine Nebenrolle vorgesehen ist.

          Sportlicher Erfolg allein reicht nicht

          Die Auseinandersetzung mit der europäischen Spitze ist daher eine der wenigen Chancen, den Werbewert für Sponsoren zu steigern und international Aufmerksamkeit zu erlangen - mit allen Konsequenzen. Als Hummernbrum nach dem Maaseik-Spiel noch die Gedanken sortierte, stand wenige Meter daneben Jochen Schöps, 21 Jahre alt, eine der Stützen des Teams und eines der größten Talente im deutschen Volleyball. Flankiert von einem italienischen Spielervermittler und dem Manager des Erstligaklubs Daytona Modena, Andrea Gardini. Schöps hat einen Vertrag bis 2006. "Aber warum soll ich einen Spieler mit solchen Perspektiven aufhalten?", sagt Hummerndrum. "In Italien hat er jede Woche so ein Spiel wie gegen Maaseik. Klar, daß das ein Ziel für ihn ist."

          Ebenso klar, daß der VfB da aus Gründen, die meist mit finanziellen Dingen zu tun haben, nicht mithalten kann. Nichts Neues für Stelian Moculescu. 1999 wurde der VfB in der Champions League Dritter, im Jahr darauf Zweiter - "im ,Sport-Studio' war das nicht mal eine Meldung", sagt er. Seither weiß Moculescu: Sportlicher Erfolg allein reicht nicht. Doch "Geht nicht" gibt's nicht bei Moculescu. "Es liegt allein an uns, die richtigen Strukturen zu schaffen", sagt er. Zur nationalen Pokalendrunde kamen vor kurzem 3500 Zuschauer nach Bonn, gegen Maaseik war die Arena zwei Wochen vorher ausverkauft, am 26./27. März steht das Treffen mit den besten drei europäischen Teams in Thessaloniki an. Vor dem Anpfiff gegen Maaseik, als Moculescus Anspannung am größten war, murmelte er trotzig zwei Sätze vor sich hin: "Es geht doch. Auch im Volleyball."

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