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Volleyball : Der kleine Unterschied: Noch nicht reif für Athen

  • -Aktualisiert am

Christian Pampel schmettert in den polnischen Block Bild: dpa/dpaweb

Seit Jahren versucht Volleyball-Bundestrainer Moculescu, die Lücke zur Weltspitze zu schließen. Doch in den wichtigen Augenblicken ist seine Mannschaft der Aufgabe nicht gewachsen, so auch beim 2:3 gegen Polen.

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          Stelian Moculescu hatte es eilig, er konnte den Augenblick des Scheiterns nicht ertragen. Der Trainer der deutschen Volleyball-Nationalmannschaft verließ fluchtartig die weitläufige Halle der Arena Leipzig. Kaum war die 2:3-Niederlage (25:22, 16:25, 27:25, 24:26, 13:15) gegen Polen besiegelt, stapfte er mit gesenktem Kopf quer über das Spielfeld dem Ausgang entgegen, und vor lauter Enttäuschung spuckte er auf den Boden. Es brauchte eine einsame Viertelstunde, bis sich Moculescu halbwegs von seiner Erschütterung erholt hatte. "Wir haben nicht schlecht gespielt, aber wir haben verloren", sagte er, "und wir haben wieder eine Chance vergeben. Das tut weh."

          Moculescus Analyse der Geschehnisse bei der Olympiaqualifikation in Leipzig war so prägnant wie präzise. Im Grunde genommen beschrieb der Bundestrainer mit den paar dürren Worten das ganze Dilemma, in dem der Männervolleyball in Deutschland steckt. Seit Jahren versucht der Meistertrainer des VfB Friedrichshafen, die Lücke zur Weltspitze zu schließen, die sich in den neunziger Jahren auftat. Doch in den entscheidenden Spielen, den wichtigen Augenblicken, ist seine Mannschaft dieser Aufgabe nicht gewachsen.

          Plötzlich war vom Wunder von Leipzig die Rede

          Wenn nicht alles täuscht, haben sich die Deutschen mit der Niederlage gegen Polen den Weg zu den Olympischen Spielen nach Athen endgültig verbaut. An diesem Donnerstag abend treffen sie im letzten Vorrundenspiel auf die russischen Volleyball-Riesen, da macht sich auch Moculescu keine Illusionen. Er sagte: "Du hast gegen Polen verloren, und du bist draußen. Daß wir die Russen schlagen, ist eher unwahrscheinlich."

          So viele Niederlagen der als erfolgssüchtig geltende Moculescu mit dem Nationalteam schon wegstecken mußte, diese wird er vermutlich nicht so rasch vergessen. Er hatte sich schon weiter gewähnt in seinem Aufbauwerk, auch wenn er mit seinen Äußerungen vorsichtig blieb. Die starke Leistung im Auftaktspiel gegen Bulgarien (3:0) hatte Hoffnungen geweckt. Vielleicht hatte sie manchen auch ins Träumen gebracht, plötzlich war schon vom Wunder von Leipzig die Rede. Doch die deutschen Volleyballmänner sind keine Wunderspieler, sie sind auch keine Überflieger. Sie belegen den 23. Platz der Weltrangliste, und es ist ja auch schon ein Erfolg, daß sie inzwischen mit den Top Ten mithalten können. Wenn alles zusammenpaßt, sind die Deutschen auch in der Lage, einen der ganz Großen des Volleyballs zu schlagen. Aber offenbar sind sie es nicht, wenn es darauf ankommt.

          "In dieser Sportart mußt du Langstreckler sein"

          Nach der Partie gegen Polen, bei der die meisten der 3.600 Zuschauer in Leipzig mit der deutschen Auswahl litten, linderten Moculescus Spieler ihre Enttäuschung, indem sie die Niederlage mit fehlendem Glück erklärten. Selbst Kapitän Wolfgang Kuck, mit 36 Jahren erfahrenste der deutschen Kräfte, widerstand dieser Versuchung nicht. "Es war ein sehr gutes Spiel auf hohem Niveau, wir haben am Schluß einfach ein bißchen Pech gehabt", sagte er. Dabei müßten er und seine Kollegen es besser wissen. Gerade im Volleyball spielt der Zufall, über die gesamte Dauer eines Spiels gesehen, eine verschwindend geringe Rolle. Gewiß war das deutsche Ensemble am Dienstag dem Neunten der Weltrangliste nahezu gleichwertig, und doch kam die Niederlage nicht von ungefähr. Realistisch betrachtet spielten die Polen für ihre Verhältnisse nicht einmal besonders gut. "Wir haben viele Fehler gemacht", sagte ihr Trainer Stanislaw Gosciniak.

          Die vielzitierten kleinen Unterschiede, die die Deutschen (noch) von den etablierten Nationen trennen, sind in so einer komplexen Sportart große Unterschiede. Format definiert sich im Volleyball vor allem darin, daß man in extremen Drucksituationen keine Fehler macht. "In dieser Sportart mußt du Langstreckler sein", sagte Bundestrainer Moculescu mit Blick auf das, was ihm und seinen Spielern in den nächsten Jahren bevorsteht, "das kostet Nerven". Noch am Abend der Niederlage soll der gebürtige Rumäne dem Präsidenten des Deutschen Volleyball-Verbandes, Werner von Moltke, bedeutet haben, daß er keine Lust mehr habe, als Nationalcoach weiterzumachen. Doch das war vermutlich nicht sein letztes Wort.

          Noch vor ein paar Tagen hatte Moculescu gesagt, daß ihm die Arbeit mit der Nationalmannschaft Spaß mache. Sein großes Ziel seien die Olympischen Spiele 2008 in Peking. Wenn die Signale nicht trügen, dürfte seine Mannschaft in ein paar Jahren tatsächlich dieser Aufgabe gewachsen sein. Aber sie ist nicht reif für Athen: Das war die traurige Botschaft des Abends, an dem die deutschen Volleyballspieler ihr blaues Wunder erlebten.

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