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TV Rottenburg zieht zurück : Aus fürs Tollhaus der Liga

Hände hoch: die Vereine der Volleyball-Bundesliga sind von der Corona-Krise bedroht. Bild: EPA

Der TV Rottenburg sieht sich vom Corona-K.o. niedergestreckt, die Volleyball-Bundesliga fürchtet eine „negative Signalwirkung“. Das Aus schien nicht absehbar, war aber offenbar unvermeidlich.

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          „Ich bin tatsächlich sehr überrascht worden.“ Und: „Es kann eine äußerst negative Signalwirkung für die Liga haben.“ Aus jedem einzelnen Wort von Klaus-Peter Jung war die persönliche Enttäuschung herauszuhören, die über seine professionelle Sorge zur Zukunft des Profisports in Deutschland hinausging. Der Geschäftsführer der Volleyball-Bundesliga wurde vom Rückzug des TV Rottenburg kalt erwischt.

          Erst am Donnerstagabend war Jung von den Rottenburgern über ihre Entscheidung informiert worden, und dann wurde ihm diese als unumstößlich dargestellt. Dabei hatte die Liga, die wegen der Corona-Krise schon am 12. März ihren Betrieb eingestellt hatte, noch in der vergangenen Woche bei allen Vereinsvertretern in einer Videokonferenz nachgefragt, ob bei ihnen die wirtschaftliche Lage einigermaßen okay sei. „Keiner hat gesagt, dass ihn solch existenzielle Probleme belasten“, sagt Jung, und ärgert sich, dass Hilfsangebote nicht genutzt wurden. „Warum ruft ihr nicht an?“, fragte er Philipp Vollmer, den Geschäftsführer der TVR Volleyball GmbH, dann im persönlichen Gespräch.

          Vollmer erklärte nun auch der Öffentlichkeit in einer Mitteilung, es sei schon vor der Krise nicht einfach gewesen, die Mittel für Bundesliga-Volleyball aufzutreiben. „Jetzt und in den nächsten Monaten sehen die Perspektiven noch viel schlechter aus.“ Allein in den vergangenen Tagen hätten sich Sponsoren-Absagen auf einen sechsstelligen Betrag summiert. Vollmers Schlussfolgerung: „Unter den gegebenen Voraussetzungen“ sei es nicht zu verantworten, in der nächsten Saison die Lizenz in der Bundesliga zu beantragen.

          Schon vor der Corona-Krise hatte der Tabellenletzte Volleys Eltmann einen Insolvenzantrag gestellt. Am 1. April wurde dort plangemäß das Insolvenzverfahren eröffnet. Eine Rettung scheint ausgeschlossen. Spieler, Trainer und Mitarbeiter erhielten bereits die Kündigung.

          Dass sich nun aber ausgerechnet der TV Rottenburg als erstes Team wegen der Pandemie zurückziehen würde und damit womöglich ein bitteres Dominospiel einleitet, hätte in Volleyballkreisen kaum jemand für möglich gehalten. Der Verein vom Neckar hatte in seinen fast zwanzig Jahren Erstklassigkeit zwar keine Titel oder Pokale gewonnen, dafür aber große Sympathien, weil er stets familiär und ohne Schulden agierte. Bei seinen in Tübingen ausgetragenen Heimspielen hatte der TVR zuletzt sogar den zweitbesten Zuschauerschnitt in Deutschland ausgewiesen. Das „Tollhaus der Liga“ galt als Institution.

          Dass die Bundesliga angesichts der Krise die Fristen für die Lizenzerteilung um sechs Wochen nach hinten geschoben hatte, gab den Teamverantwortlichen keine Hoffnung. Jung will nun in den kommenden Tagen abermals mit allen anderen Vereinsvertretern in den Dialog treten, um weitere Probleme rechtzeitig erkennen und womöglich lösen zu können. In Rottenburg bilanzierte Norbert Vollmer, Geschäftsführer des Gesamtvereins, mit einer bitteren Metapher: „Es fühlt sich an, wie wenn wir in einem Boxkampf zwölf Runden tapfer gekämpft haben und dann der Corona-K.o. zuschlägt.“

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