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Volleyball-Bundesliga : Die Reifeprüfung

  • -Aktualisiert am

Strippenzieherin zeigt Emotionen: Zuspielerin Morgan Berggren (M.) Bild: Picture-Alliance

Keine einzige Volleyball-Spielerin des VC Wiesbaden hat einen Vertrag für die kommende Saison. Trotzdem zeigen sie ihr bestes Saisonspiel. Doch nach dem Flow folgen die Hausaufgaben.

          Dutzende von aufmunternden Plakaten stimmten auf den großen Tag ein: „Los geht’s. Mach die Punkte rein“ oder „Du schaffst das! Noch mal die Schlagzahl erhöhen“ stand auf den bemalten Tüchern, die am Portal der Elly-Heuss-Schule hingen. Derzeit laufen die Abiturprüfungen in Hessen, auch an der Volleyball-Partnerschule des VC Wiesbaden (VCW) vis-à-vis der großen Sporthalle am Platz der Deutschen Einheit. Öffentliches Mitfiebern gehört ja mittlerweile dazu. Und der Abi-Stress auf der einen Seite des Platzes ähnelt dem Leistungs-Stress auf der anderen.

          Die Bundesliga-Frauen des VCW müssen in der aktuellen Saison deutlich mehr kämpfen, als ihnen lieb ist, um ihr Klassenziel zu erreichen. Die Qualifikation zu den Play-offs gilt als eine Art Reifeprüfung für den aktuellen Jahrgang – und noch nie seit der Aufstiegssaison 2004/05 war es so knapp und der Glaube daran so gering. Nur ein Plakat verkündete am Mittwochabend gegen den Dresdner SC noch den Rückhalt der Fans: „Wir drücken euch die Daumen“ stand darauf geschrieben.

          Doch dann zeigte sich der Charakter des sonst so wankelmütigen Teams. „Wir standen mit dem Rücken zur Wand“, analysierte Mittelblockerin Selma Hetmann nach dem Match strahlend. „Mit uns hat niemand mehr gerechnet.“ Eine Position aus der Tiefe der Tabelle, die dem VCW offenbar gut bekam. In gerade mal 81 Minuten entzauberte das Heimteam den Tabellendritten 3:0 (25:20, 25:22, 25:18) und begeisterte die 1632 Zuschauer. „Das hat Spaß gemacht“, sagte Hetmann, der man ihre mitreißende Spielfreude auch auf dem Feld in jeder Szene ansah. Während sich die überraschten Dresdnerinnen bisweilen gegenseitig umrannten, zeigten die Wiesbadenerinnen eine Glanzleistung, die selbst ihrem Trainerteam nicht ganz geheuer war. „Frag mich nicht, was heute los war“, sagte Ko-Trainer Christian Sossenheimer mit verblüffender Ehrlichkeit. „Wir haben noch nie so geblockt wie heute. Manchmal läuft es, und dann kommt man in das, was man einen Flow nennt.“

          Trainer Dirk Groß sah die Verwandlung seines eben noch so unsicheren Teams vor allem als Lohn der Arbeit. „Wir haben gut trainiert, die Atmosphäre ist sehr gut trotz der schwierigen Lage, und diesmal haben alle Zahnräder ineinandergegriffen.“ Die wichtigsten „Zahnräder“ hörten an diesem Abend auf die Namen Morgan, Jennifer, Selma, Nathalie, Tanja, Sina und Lisa. Die Start-Sieben, die Groß durchspielen ließ, weil es keinerlei Grund zum Wechseln gab. Zuspielerin Morgan Berggren, in den vergangenen Wochen ohne viele Spielanteile, zog cool die Fäden und bediente vor allem die 2,01 Meter große Jennifer Hamson mit hohen Anspielen vorzüglich. Die Diagonalangreiferin spielte ihre Längenvorteile aus, sammelte 17 Punkte und wurde zur wertvollsten Spielerin gekürt. Ihr Gegenpol, die nur 1,68 Meter große Lisa Stock, fegte als Libera alles vom Boden, was kam. Und dazu stand der Mittelblock wie eine Wand, agierten die beiden Außen ohne Makel.

          Dass seine Spielerinnen auch deshalb so stark aufspielten, weil keine einzige von ihnen einen Vertrag für die kommende Saison hat, wollte der Trainer so nicht stehenlassen. „Als Erstes zählt der aktuelle Wettkampf. Dann kommen die Gespräche über die Zukunft“, sagte Groß: „Wir lassen uns Zeit.“ Die Verhandlungen laufen, sie gehören elementar zu der aktuellen Stressphase, sozusagen als mündliche Prüfung nach dem praktischen Test. Wie es weitergeht? Nicht alle Akteure des aktuellen Kaders werden bleiben können, erfahrungsgemäß zieht die Hälfte des Teams weiter. „Es ist alles noch in Arbeit“, sagt selbst Tanja Großer, seit sieben Jahren im Team und mit Abstand die Dienstälteste.

          Aus der zweiten Mannschaft, die als Aufsteiger in der zweiten Liga das Klassenziel Nichtabstieg erreichen wird, macht eine wichtige Spielerin derzeit ihr Abi an der Elly-Heuss-Schule. Doch ein Aufstieg aus der Zweiten ins Bundesligateam ist nicht zu erwarten. Dafür ist die Leistungslücke zu groß. Deshalb müssen die Trainer weiterhin auswärts casten. So lehrt das Leben: Auch nach den Prüfungen folgen Hausaufgaben. „Aber heute feiern wir“, verkündete Groß. Auch das gehört zu einer gelungenen Reifeprüfung.

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