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Volleyball : Blaue Stunde beim VfB Friedrichshafen

  • -Aktualisiert am

Unkonventioneller Trainer Vital Heynen: Freibier für alle Bild: dpa

Kaum deutscher Pokalsieger geworden, müssen die Volleyballer des VfB Friedrichshafen in der Champions League nach Kasan reisen. Trainer Heynen lässt seinen jungen Spieler freien Lauf und wird belohnt.

          3 Min.

          „Ich hoffe, meine Spieler haben richtig gefeiert und hatten eine schöne Zeit“, sagte Vital Heynen am Vormittag zwischen dem Pokalsieg des VfB Friedrichshafen im deutschen Volleyball-Finale gegen Berlin und der Champions-League-Reise nach Kasan. Die erste Bilanz stimmte ihn positiv: „Alle waren heute morgen im Bus, das ist schon mal das Wichtigste“. Jetzt könnten sie nur noch am Frankfurter Flughafen verloren gehen, doch der Trainer gab sich zuversichtlich, dass alle das richtige Gate finden.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Nach dem hart umkämpften 3:1-Sieg seiner Mannschaft in vier engen und langen Sätzen (33:31, 25:21, 25:27, 30:28) gegen den nationalen Dauerrivalen Berlin Recycling Volleys habe er Siegerehrung und Feier in der Mannheimer Arena genossen, aber „die Jungs gegen Mitternacht noch mal in die Stadt geschickt“, erzählte Heynen im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er selbst habe der Party-Verlängerung freilich nicht mehr beigewohnt. „Dafür bin ich zu alt“, sagte der 47 Jahre alte Erfolgstrainer. Und vor allem sollten die Spieler am Abend ihres Erfolges ohne Aufsicht einen trinken können. „Da muss sich der Trainer auch mal zurückziehen.“ Der Belgier im Dienste des neuen deutschen Pokalsiegers bleibt seinen unkonventionellen Ansichten treu, auch und gerade in der Stunde des Erfolgs.

          Aus dem Coup im nationalen Cup wollte Heynen freilich keinerlei Erkenntnisse für das Gruppenspiel am Dienstag in der Königsklasse ziehen: „Ich wüsste nicht, welche Mannschaft in Kasan in den vergangenen fünf Jahren auch nur einen Satz geholt hätte.“ Mit anderen Worten: „Es ist unmöglich, dort zu gewinnen.“ Dementsprechend nahm er die vierstündige Reise plus zwei Stunden Zeitunterschied ab Frankfurt mit Flug SU 2705 via Aeroflot in die Hauptstadt der Republik Tatarstan eher als notwendiges Übel, denn als große Herausforderung.

          „Kasan ist wie FC Barcelona und Real Madrid zusammen“, sagte der Mann, der keineswegs unter zu geringem Selbstbewusstsein leidet. „Wir können dort nicht um den Sieg spielen“. Und er behielt recht. Vor 2850 Zuschauern in der St. Petersburg-Halle gab es ein 0:3 (18:25, 38:40, 17:25). Vor allem im zweiten Satz wehrte sich der VfB aber lange. „Das war schade, dass wir den zweiten Satz nicht gewinnen“, sagte Heynen. „Wir haben besser angenommen und auch angegriffen als im Hinspiel. Das war definitiv eine Leistungssteigerung.“

          Heynen: „Wir spielen gerne lange“

          Im Hinspiel gegen den viermaligen Champions-League-Gewinner und Titelverteidiger, der dazu mit dem Privatjet angereist war, hatte Heynen vor 14 Tagen schon mit einer populären Aktion für Aufsehen gesorgt. Er versprach jedem in der Halle ein Freibier, sofern sein Team auch nur einen Satz gewänne. Es kamen 2355 Zuschauer. Das Spiel endete 1:3. Heynen verteilte und zahlte, ohne sich zu grämen. „Manchmal muss man auch was riskieren“, sagte er danach. 570 Liter Bier gingen in 45 Minuten über die Theke. Alle waren zufrieden. Und auch die Nicht-Biertrinker bekamen einen Drink.

          Blaue Stunde in Mannheim: Hauptsache, alle sind pünktlich am Bus.
          Blaue Stunde in Mannheim: Hauptsache, alle sind pünktlich am Bus. : Bild: dpa

          Zu Heynens großen Stärken zählt es, Leute begeistern und unkonventionelle Wege gehen zu können. „Ich liebe das Chaos“, sagt er über sich, legt es aber positiv aus: „Ich mache nie zweimal dasselbe.“ Um in der Champions League sicher die Playoffs der besten zwölf zu erreichen, muss sein VfB Friedrichshafen in der Gruppenphase Zweiter werden. Möglicherweise reicht auch der dritte Rang, das hängt aber von den Konstellationen in den anderen Pools ab. Die finalen Gruppenspiele am 15. Februar bei Arkas Izmir und am 1. März gegen Paris Volley werden den Ausschlag geben, ob die europäische Reise für das Bodensee-Team weitergeht.

          In der Bundesliga hat sich die unter Heynen neu formierte Mannschaft bislang nur einen 0:3-Ausrutscher bei Düren geleistet, ansonsten 13 der 14 Spiele gewonnen. Besonders wichtig war der 3:0-Erfolg in Berlin – bei dem Friedrichshafen alle drei Sätze in der „Verlängerung“ (32:30, 27:25, 29:27) gewann. Eine bemerkenswerte Nervenstärke, die sich nun auch wieder im Pokalendspiel zeigte. „Ich schlage vor, dass wir die Sätze zukünftig immer bis 30 Punkte spielen“, spottete Heynen danach, „da sind wir gut, wir spielen gerne lange.“

          Junges Erfolgsteam: VfB Friedrichshafen ist neuer Pokalsieger
          Junges Erfolgsteam: VfB Friedrichshafen ist neuer Pokalsieger : Bild: dpa

          Als Erklärung für die souveräne Leistung seiner jungen Spieler vor den gut 10.000 lärmenden Zuschauern in der Mannheimer Arena sagte der ehemalige Bundestrainer: „Die Mannschaft, die besser mit dem Druck am Ende umgehen konnte, hat heute gewonnen.“ Generell seien das oft seine Mannschaften, „weil sie nicht anfangen, plötzlich etwas Besonderes zu machen.“

          Heynens Devise lautet stets: Haltet den Ball im Spiel. Dann besteht die Chance, dass der Gegner Fehler macht. Umgekehrt wurden seine Spieler selbst dann nicht nervös, als die Berliner sieben Matchbälle abwehrten. Schließlich verwandelte Diagonalangreifer Michael Finger, der nicht nur deshalb zum „wertvollsten Spieler“ gewählt wurde, den achten. Damit hatte nicht nur Friedrichshafen, sondern die komplette „Südallianz“ den Pokaltag für sich entschieden. Denn schon am Nachmittag hatten die Frauen des MTV Stuttgart 3:2 gegen Schwerin gewonnen. Danach war die blaue Stunde herangebrochen. Und das lag nicht nur an den übereinstimmenden Trikotfarben.

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