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Giro d’Italia : Der Hai schlägt zurück

  • -Aktualisiert am

Sieger in Rosa: Vincenzo Nibali gewinnt nach einer starken Aufholjagd den Giro Bild: AFP

„Dieser Giro war anders“: Der Sizilianer Vincenzo Nibali holt sich mit einem bemerkenswerten Comeback doch noch den zweiten Sieg bei der Italien-Rundfahrt.

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           „Oh Gott, nein, das habe ich nicht gewollt“, sagte Vincenzo Nibali zu Füßen der Wallfahrtskapelle von Sant’Anna di Vinadio. Die Frage an ihn lautete: Wollte er bewusst Spannungsmomente für diesen 99. Giro d’Italia erzeugen? Denn in der zweiten Woche hatte der große Favorit stark abgebaut. Er fuhr in den Dolomiten der Konkurrenz hinterher und schien den Platz frei zu machen für zwei Außenseiter. In den Alpen aber schlug der Sizilianer, Kampfname „Hai von Messina“, zurück. Auf nur 206 Kilometern, aufgeteilt auf zwei Etappen mit insgesamt sechs Bergen, machte er mehr als vier Minuten auf den zuvor in Rosa fahrenden Steven Kruijswijk gut und immer noch mehr als zwei Minuten auf den Kolumbianer Esteban Chaves und den Spanier Alejandro Valverde. Alle drei überholte er auch im Gesamtklassement. Vom vierten Platz schoss er binnen zweier Tage ganz an die Spitze vor.

          Solch eine Aufholjagd, dann auch noch einen Tag vor Ende der Rundfahrt, ereignet sich selbst im an Geschichten reichen Radsport selten. Lieber aber wäre Nibali diesen Giro so gefahren, wie er für gewöhnlich Rundfahrten gestaltet: Immer vorn dabei, am besten von allen Favoriten plaziert. Dann in der ersten großen Bergsequenz nach vorn kommen und in der zweiten, je nach Gefährlichkeit der Widersacher, den Vorsprung noch ausbauen oder den Vorteil Kräfte schonend verwalten.

          „Dieser Giro war anders. Sehr anstrengend, sehr zehrend. Und in den Tagen, in denen ich nicht meine Leistung bringen konnte, habe ich auch niemals daran geglaubt, dass so eine Wende noch möglich ist“, sagte Nibali. Was den Astana-Kapitän von vielen anderen Radprofis unterscheidet, auch von solchen, die um Rundfahrtsiege mitfahren, ist, dass er selbst niemals aufgibt. Es mag gut laufen oder schlecht, Fans und Medien ihm zujubeln oder ihn verurteilen – der Fahrer aus Messina hält sich nie für einen Mann, der über allen steht; er verliert aber auch nie den Glauben an sich selbst. Also blieb er bei diesem Giro im Rennen, selbst wenn ein Ausstieg mit einer Krankheit, einem medizinischen Problem gut zu erklären gewesen wäre.

          Sieg verpasst:  Steven Kruijswijk

          Mit einem – für ihn – beschämenden vierten Platz vor Augen, mit der bitteren Erfahrung, dass die anderen stärker in den Bergen waren, machte Nibali weiter. Und erlebte dann, wie das Kräftependel in die andere Richtung schwang. „Ich habe schon am Colle dell’Agnello gemerkt, dass die anderen müde wurden. Ich aber fühlte mich auf 2000 Meter Höhe wieder wohler und merkte, wie die Beine besser wurden“, erzählte er. Der Colle dell’Agnello, 2744 Meter hoch, war der höchste Gipfel des Giro. An diesem Berg attackierte Nibali und distanzierte damit zunächst Valverde. Bergab konnte der begnadete Abfahrer zwar nicht den Kolumbianer Chaves abschütteln. In seinem Schatten aber stürzte der Mann im Rosa Trikot, der Niederländer Steven Kruijswijk. Der Kapitän von Lotto Jumbo überschlug sich im aufgetürmten Schnee am Straßenrand. Er verlor Rosa. Chaves, der am Ende auch nicht mehr Nibalis Hinterrad halten konnte, übernahm an diesem Abend das Führungsleibchen.

          „Der schönste Rundfahrtsieg“

          Tags darauf nahm Nibali, der seine kasachische Equipe wohl verlassen wird, es ihm aber ab, mit einem Angriff am vorletzten Berg der gesamten Rundfahrt. Wirklich glauben, dass ihm der Coup geglückt war, mochte Nibali erst, als ihm Chaves’ Eltern – extra von der anderen Seite des Atlantiks angereist und schon in Rosa gewandet – gratulierten. Dann erst brachen sich die Emotionen Bahn. Tränen flossen. Küsse hier, Autogramme da. Selbst Rennstallchef Alexander Winokurow war bewegt. Der Kasache hatte in der Vergangenheit den Sizilianer oft kritisiert. Jetzt sagte er: „Das ist unser schönster Rundfahrtsieg.“ Und er fügte noch eine Banalität hinzu: „Ein Rennen endet erst am letzten Tag.“

          Natürlich wirken solche Ereignisse bei dem an Auffälligkeiten reichen Team Astana stets verdächtig. Nibalis Performance wies große Schwankungen auf. Allerdings blieb er an seinen schlechten Tagen weit unter seinem Normalniveau. Und an seinen beiden guten Tagen fuhr er einen Vorsprung heraus, der sich im Rahmen des Möglichen zu bewegen schien. In jedem Fall endete dieser Giro am Sonntag mit einer bemerkenswerten Schlusspointe – dem zweiten Erfolg Nibalis bei dieser Rundfahrt, die er bereits 2013 für sich entschieden hatte.

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