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Ärger bei Boxer Feigenbutz : „Was ich bekomme, ist ein Scheißdreck“

Außenseiter in Amerika: Vincent Feigenbutz beim Wiegen vor dem Kampf gegen Caleb Plant. Bild: AP

Im Ring ist Vincent Feigenbutz extrovertiert und explosiv, außerhalb zurückhaltend, fast scheu. Aufregen kann er sich vor dem WM-Kampf in Amerika nur über ein Thema – dafür aber mit deutlichen Worten.

          3 Min.

          Kann das gutgehen? In der Nacht zum Sonntag boxt der Karlsruher Vincent Feigenbutz in Nashville in Tennessee um die Weltmeisterschaft im Supermittelgewicht. Gegner ist der Amerikaner Caleb Plant, und das Problem ist: Plant verteidigt nicht nur den Gürtel nach Version der IBF, einem der großen vier Verbände, er gilt auch als einer der besten Boxer quer durch alle Gewichtsklassen. Der 27-Jährige, der all seine 19 Profikämpfe gewann, elf durch K. o., ist ein Meister seines Fachs. Feigenbutz, drei Jahre jünger, ist das nicht. Der Karlsruher wurde mit 16 Profi, entdeckt im Karlsruher Bulldog Gym von seinem heutigen Manager Rainer Gottwald.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Feigenbutz hat keinen einzigen Amateurkampf bestritten, keinen einzigen Kampf dort, wo man die Feinheiten des Faustkampfes lernt. Ihm fehlen die technischen Qualitäten, die Plant im Übermaß besitzt. Und doch hat er sich in der IBF-Weltrangliste auf den dritten Rang hochgearbeitet, hochgeprügelt. Was ihm an technischer Finesse fehlt, hat er mit Schlagkraft wettgemacht. 28 seiner 31 Kämpfe hat er durch K. o. gewonnen. Feigenbutz, Kampfname „Iron Junior“, ist ein „Puncher“, ein Schläger, der gegen Plants feine Klinge nur eine Chance hat: den Knockout.

          Boxclub Eggenstein. Gewerbegebiet. Hier, in der Nähe von Karlsruhe, hat sich Feigenbutz auf den Kampf in den Vereinigten Staaten vorbereitet. Viel Zeit hatte er nicht. Er sollte erst im Sommer um die WM kämpfen, doch dann fiel der für Plant vorgesehene Gegner aus, und Feigenbutz sprang ein. Sechs Wochen Vorbereitung nur. Startrainer Ulli Wegner sollte das Training übernehmen, brach sich aber den Oberschenkel. Torsten Schmitz, als Ersatz angefragt, sagte ab, und es blieb nur eine Notlösung. Manager Gottwald engagierte zwei Unbekannte im großen Geschäft: den in Bayern lebenden Deutschrussen Eduard Michel als Technik- und Taktiktrainer, und einen alten Freund, den Kickboxer Kosta Patoulidis, als Konditionscoach.

          Feigenbutz steht beim deutschen Promoter Sauerland unter Vertrag. Der traditionsreiche Boxstall hat schon bessere Tage gesehen. Vom Glanz der Weltmeister Maske, Abraham, Huck oder Ottke ist nichts geblieben. Sauerland hat aktuell keinen Champion mehr bei einem der großen Verbände. Auch von den einst hochdotierten Fernsehverträgen ist kaum etwas geblieben, nur ein Verträgchen mit Sport1, das Ende des Jahres ausläuft. Ob es verlängert wird, ob es andere Interessenten gibt?

          Das hängt nicht zuletzt an Feigenbutz. Holt er den Titel gegen Plant, hätte Sauerland wieder etwas zu bieten: einen deutschen Weltmeister. „Das würde uns allen guttun: Vincent, uns und dem deutschen Boxen“, sagt Freddy Ness, Berater der Sauerland GmbH. „Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir auch 2021 einen TV-Partner haben werden oder einen Streamingdienst, das ist ja nicht mehr aufs Fernsehen begrenzt. Dann einen Weltmeister im Portofolio zu haben wäre natürlich toll.“ Den Kampf aus Nashville überträgt Sport1 in der Nacht von Samstag auf Sonntag (3.00 Uhr MEZ).

          Manche Beobachter hat erstaunt, Feigenbutz und sein Team bei der Vorbereitung auf den WM-Kampf in der Provinz zu sehen und nicht in Berlin oder Hamburg, den Box-Hauptstädten der Republik. „Das war so gewünscht“, sagt Ness. „Das Feigenbutz-Lager ist heimatverbunden. Die fühlen sich sauwohl daheim.“ Feigenbutz, ein Mann der einfachen Worte, formuliert das so: „Irgendwo anders allein rumhocken, das ist ein Scheißdreck. Ich war ein paar Tage in Berlin, das ist nichts für mich, zu viel Müll, zu viel Dreck, zu viel Rauch.“

          Auf Augenhöhe vor dem Duell: Caleb Plant (links) und Herausforderer Feigenbutz

          Jetzt also gegen Plant. Kann das gutgehen? „Es wird hart, das ist klar“, sagt Ness. „Aber Vincent hat eine Chance. Er ist gut vorbereitet und hat keine Angst.“ Tatsächlich ist Angst ein Gefühl, das Feigenbutz nicht kennt. „Man muss eher Angst vor mir haben“, sagt er. „Das gilt auch für Plant. Er ist ein Topmann, aber das bin ich auch, und das werde ich ihm zeigen.“ Im Ring extrovertiert und explosiv, wirkt Feigenbutz außerhalb zurückhaltend, fast scheu. Aufregen kann er sich da nur über die Finanzen.

          Über Geld, das fehlt. „Es ist furchtbar, was man kriegt“, sagt er. „Im Schwergewicht ist das anders. Da gibt es auch für einen, der einspringt für einen WM-Kampf, Millionen, und dann sollte ich auch Millionen bekommen im Supermittelgewicht. Aber was ich bekomme, ist ein Scheißdreck.“ Keine 100.000 Euro. „Vor zehn Jahren“, sagt Gottwald, „hätte Vincent nicht unter einer Million um eine WM geboxt. Da waren die öffentlich-rechtlichen Fernsehgelder da. Und jetzt? Da möchte ich gar nicht drüber reden, so wenig ist das. Und wenn du in Amerika aus dem Ring steigst, knöpft dir die Finanzbehörde gleich 30 Prozent ab.“

          Will ein Boxer wie Feigenbutz finanziell über die Runden kommen, muss sein Manager Klinken putzen. „Für uns ist jeder einzelne kleine Sponsor Gold wert“, sagt Gottwald, „1500 Euro im Monat, das ist unser zweitgrößter Sponsor.“ Der größte, das sind die Stadtwerke Karlsruhe, die Feigenbutz nach seiner Ausbildung zum Feinwerkmechaniker freigestellt haben und weiter bezahlen. „300 Euro vom Autohaus, auch da sind wir dankbar dafür“, sagt Gottwald: „Wir sind auch dankbar für jeden Riegel, den wir für 3,50 Euro nicht kaufen müssen.“

          Von Sauerland bekommen sie den Trainer bezahlt, ab und zu einen Sparringspartner, die Reisekosten für sechs Mann nach Nashville. Den Rest müssen sie selbst in die Kasse bringen. Sie kämpfen um jeden Euro, und wenn es gutgeht, steht am Jahresende eine schwarze Null. Mehr nicht. Noch nicht. Ein Sieg über den Weltmeister würde das ändern. Aber hat Feigenbutz wirklich eine Chance? „Natürlich kann er von der boxerischen Qualität her gegen einen Mann wie Plant nicht mithalten“, sagt Gottwald, „aber auch er hat eine Riesenqualität. Seine Schlagkraft macht ihn so gefährlich, auch für Plant. Ein Puncher hat immer eine Chance.“

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