https://www.faz.net/-gtl-8csi3

Australian Open : Viktoria, die Glückliche

  • -Aktualisiert am

Griff nach den Sternen? Noch begnügt sich Viktoria Asarenka mit den Autogrammbällen Bild: dpa

Neuer Coach, neuer Trainingspartner, neues Image: Die Weißrussin Asarenka hat sich nach ihrer Leidensgeschichte aufgerappelt. Jetzt trifft sie in der Nacht zu Mittwoch auf Angelique Kerber.

          Wenn sie in ihrer grauen Sweatshirt-Jacke durch den Gang tänzelt, die Kapuze tief in die Stirn gezogen, könnte man sie für Laila Ali halten. Oder - etwas aktueller - für Ronda Rousey. Die eine war Boxweltmeisterin, die andere ist die Frontfrau der Kampfsportabteilung Martial Arts, und der Vergleich dürfte ihr gefallen. Sonst hätte sie nicht dieses Video ersonnen und produziert, in dem sie vor spärlich beleuchteten Graffitimauern in ihrer Heimatstadt Minsk wie eine Boxerin trainiert, unterlegt mit herznahen Basstönen und forderndem Beat. Quietschende Motorradreifen dazu, am Ende klappt sie das Visier des Helmes hoch, und man sieht, was man von Anfang an wusste - die Frau in Leder auf dem heißen Ofen ist sie selbst. Sie habe der Welt eine andere Seite von sich präsentieren wollen, sagt Viktoria Asarenka dazu. „Ich wollte meinen Fans, den Medien und den Leuten zeigen, wer ich bin.“

          Sagen wir mal so: Allzu überraschend wirkt die inszenierte Offenbarung nicht. Asarenka, geboren kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion und in ziemlich bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen in Minsk, gab immer mehr von sich preis als die aus Russland stammende Kollegin Maria Scharapowa.

          Lange an der Spitze

          Unterstützt und finanziert von Eishockeyprofi Nikolai Chabibulin zog Asarenka als Teenager nach Arizona und lebte längere Zeit in der Familie des NHL-Torhüters; in mehr als einem Jahrzehnt in den Vereinigten Staaten ist eine interessante Mixtur entstanden. Wie eine echte Amerikanerin steht sie auf Football - nach ihrem Sieg am Dienstag im Achtelfinale erkundigte sie sich noch auf dem Platz nach dem Ergebnis der Denver Broncos in den Playoffs der NFL -, sie kann laut und offen sein, aber sie sagt, sie werde auch die ganz andere Art der Menschen ihres Heimatlandes Weißrussland immer in sich tragen.

          Vor vier Jahren gewann sie den Titel bei den Australian Open zum ersten Mal, stand danach zunächst 19 und später noch einmal 32 Wochen an der Spitze der Weltrangliste, und ein Jahr danach verteidigte sie den Titel. Doch dann stoppte der Express. Verletzungen, eine schmerzhafte Liebesgeschichte, und im vergangenen Jahr eine Trennung von ihrem Coach, die sie hart traf. Sechs Jahre hatte sie mit dem Franzosen Sam Sumyk gearbeitet, den sie als ihren Lebenslehrer bezeichnete, hatte quasi zu seiner Familie gehört. Aber nach den Australian Open 2015 nahm Sumyk ein Angebot der Kanadierin Eugenie Bouchard an, und Asarenka tat sich sehr schwer, diese Entscheidung hinzunehmen.

          Überragende Spielerin des jungen Jahres: Viktoria Asarenka

          Aber das war nicht das einzige Problem im vergangenen Jahr. Während der gesamten Saison quälte sie sich mit Verletzungen herum. Vor zwei Wochen während des Turniers in Brisbane sagte sie, es habe im ganzen Jahr keinen einzigen Moment gegeben, in dem sie sich gut gefühlt habe. „Ich habe viele Medikamente genommen, und die haben mich manchmal richtig verrückt gemacht, ich hab sie nicht gut vertragen. Es war ein dauernder Kampf mit meinen Schmerzen, auch mit meiner Angst. Schließlich war ich so weit, dass ich dachte: Schluss jetzt, ich muss rausfinden, was los ist.“

          Überragend in 2016

          Ende September spielte sie zum letzten Mal, danach zog sie sich zurück und versuchte, dem Körper Zeit zum Heilen zu geben und sich neu zu sortieren. Und jetzt? „Ich habe rausgefunden, was mich entspannt, was mir Ruhe und Frieden gibt, und ich fühle mich jetzt definitiv wohler. Ich bin glücklich, sehr glücklich.“ Der neue Trainer, der Holländer Wim Fissette, trägt offenbar ebenso zur entspannten Stimmung bei wie ihr Münchner Trainingspartner Sascha Bajin, den sie im vergangenen Jahr übernahm, nachdem der seinen Job bei Serena Williams verloren hatte. Und die ganze Sache funktioniert nun so gut, dass sie bisher die überragende Spielerin 2016 ist.

          Auf dem Weg zum Titel kürzlich in Brisbane gab sie keinen Satz ab, in Melbourne bisher auch nicht, wo ihre Gegnerin am Montag, die Tschechin Barbora Strycova, im zweiten Satz aber immerhin vier Spiele gewann und damit so viele wie noch keine Gegnerin in diesem Jahr. So also sieht die Sache aus für Angelique Kerber, die am Mittwoch im Viertelfinale wie in Brisbane gegen die neue Viktoria Asarenka probieren wird, den Code zu knacken. Im Finale des Turniers in Queensland hatten die beiden im ersten Satz auf einer Höhe gespielt, nach einem schnellen Rückstand im zweiten hatte Kerber den Kopf ein wenig hängenlassen. Beim Sieg am Montag im deutschen Achtelfinale gegen Annika Beck (6:4, 6:0) tat sie sich am Anfang schwer, weil Beck auf sehenswerte Weise Paroli bot, am Ende hatte sie jedoch alles im Griff. Die spannende Frage wird nun sein, ob es im siebten gemeinsamen Spiel mit der glücklichen Gegnerin zum ersten Sieg langt. Asarenkas Beschreibung von Kerbers Spiel hört sich so an: „Sie spielt zuverlässig, beständig“ - Pause - „na ja, sie kommt aus Deutschland.“

          Unbenanntes Dokument

          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

          Die ganze F.A.Z. in völlig neuer Form, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken, optimiert für Smartphone und Tablet. Jetzt gratis testen.

          Für beide geht es auch darum, verlorenes Terrain zurückzuerobern; die Weißrussin stand bei den US Open vor drei Jahren zum letzten Mal im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers, Kerber in Wimbledon 2012. Der Planet Tennis freut sich auf diese siebte Begegnung und hofft, dass das Spiel genauso ein Kracher werden möge wie die Partie in der dritten Runde der US Open im vergangenen Jahr. Keine Frage, so unterschiedlich sie in ihrer Art und Herkunft sein mögen, auf dem Tennisplatz passen sie prima zueinander. Viktoria Asarenka wird wie immer mit Kapuze auf dem Kopf und Musik im Ohr zur Verabredung erscheinen. Ungeduldig, hüpfend, wild entschlossen.

          Weitere Themen

          Die Härteprobe kommt noch Video-Seite öffnen

          Fußball-WM der Frauen : Die Härteprobe kommt noch

          Mit drei Siegen in drei Spielen zieht das deutsche Fußball-Nationalteam der Frauen als Gruppensieger ins Achtelfinale der WM in Frankreich ein. Nach dem Spiel gegen Südafrika sieht F.A.Z.-Sportredakteur Daniel Meuren aber noch Bedarf, an offensiven Abläufen zu arbeiten.

          Topmeldungen

          Trump beginnt Wahlkampf : Eigenlob, Attacken und ein paar Witze

          Beim offiziellen Wahlkampfauftakt in Florida kämpft Donald Trump in gewohnt selbstherrlicher Manier gegen die Negativmeldungen der vergangenen Tage an – und behauptet, eine der wichtigsten Bewegungen der Neuzeit begründet zu haben.

          Amerikanische Staatsanleihen : China verkauft im großen Stil

          China war jahrelang der größte Abnehmer amerikanischer Staatsanleihen. Doch der Bestand ist auf das niedrigste Niveau seit zwei Jahren gesunken. Das löst Befürchtungen über eine neuerliche Eskalation im Handelskonflikt aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.