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Familientag bei Vielseitigkeit : Triumphale 60-Jahr-Feier des Reiterclans Klimke

  • -Aktualisiert am

Sprunggewaltig: Ingrid Klimke auf der Stute Asha P Bild: dpa

Die zweifache Olympiasiegerin Ingrid Klimke gewinnt zum fünften Mal die deutsche Meisterschaft der Vielseitigkeitsreiter. Doch beinahe wäre das Event gar nicht zustande gekommen. Es fehlten 50.000 Euro.

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          Nein, das war keine private Familienfeier am Wochenende in der Westergellerser Heide. Obwohl man leicht auf die Idee hätte kommen können. Es ging ja ziemlich hoch her bei den Vielseitigkeitsreitern in Luhmühlen, zumindest was die Hindernisse anging. Es waren keine Zuschauer zugelassen, so dass der harte Kern der Szene unter sich war. Und nicht nur das. Man konnte sogar leicht Oma, Mutter und Enkelin gleichzeitig begegnen: nämlich Ruth Klimke, der Witwe von Reiner Klimke, des sechsmaligen Olympiasiegers im Dressurreiten, die unermüdlich mit ihrem Hündchen das Gelände durchquerte.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Deren Tochter Ingrid Klimke, zweifache Olympiasiegerin im Vielseitigkeitsreiten, die gleich mit drei Pferden die schwerste Prüfung des Wochenendes bestritt und nach starken Auftritten in Dressur, Geländeritt und Springen mit ihrem Nachwuchspferd, der neunjährigen Stute Asha P, ihren fünften deutschen Meistertitel gewann. Und wiederum deren 18 Jahre alte Tochter Greta Busacker, die in der Juniorenmeisterschaft am Start war – und mit dem Wallach Scrabble den Titel holte.

          Welch ein Triumph. Und das 60 Jahre nachdem Reiner Klimke, der seine Karriere als Vielseitigkeitsreiter begonnen hatte, in seiner Heimatstadt Münster deutscher Meister geworden war. Wenn das kein Grund für eine außerordentliche Familienfeier war! Jedenfalls sobald sich die erste Aufregung gelegt hatte. Auch die erfahrene Reitmeisterin Ingrid Klimke musste sich nämlich zwischendurch ziemlich zusammenreißen: „Das Adrenalin geht so richtig hoch, wenn Greti angaloppiert.“

          Spektakulärer Sport, wenige Zuschauer

          Ohne den Familiensinn der Szene hätte es am Wochenende sowieso nur die Nachwuchsmeisterschaften gegeben. Doch die Top-Reiter taten sich zusammen, aktivierten ihre Sponsoren und Mäzene, um die 50.000 Euro zusammenzubekommen, die der Pferdezucht- und Reitverein Luhmühlen brauchte, um die Vier-Sterne-Prüfung und damit noch ein echtes Saisonziel auf die Beine zu stellen. Ein ungenannter Freund des Vielseitigkeitsreitens spendierte dazu die 15.000 Euro Preisgeld.

          Und tatsächlich gab es spektakulären Sport zu sehen, der mehr Zuschauer verdient hätte als die paar Dutzend Leute und die vielen ehrwürdigen Bäume. Zwar hatten nach der Dressur am Freitag die üblichen Verdächtigen vorne gelegen, doch beim Geländeritt durchs Grüne verhagelte es einigen Cracks die Petersilie. Ingrid Klimke rumpelte mit ihrem eigentlichen Trumpf-Ass, dem Wallach Hale Bob, gegen Hindernis 13, das in Richtung eines Wasserkomplexes wies, so dass mit einem dumpfen Schlag die Sicherheitsvorrichtung auslöste – dafür wurden den beiden 11 Fehlerpunkte angekreidet. Die Reiterin vermutet, dass „Bobby“ sich an einen früheren Ritt erinnerte, wo ein sprühender Fisch im Wasser ihn erschreckt hatte, so dass er auch diesmal nicht wagte, das Hindernis beherzt anzusteuern. So also geht es in Pferdeköpfen zu.

          Den genialen Schwaben Michael Jung ereilte mit seinem für Olympia vorgesehenen Wallach Chipmunk an Hindernis 16 ein Problem: Um den heiklen Absprung vor einer unangenehmen Ecke zu erwischen, musste er eine Volte einbauen und wurde für das Überkreuzen der eigenen Linie mit 20 Punkten bestraft. Mit dem Ausgang des Titelkampfs hatte er danach nichts mehr zu tun und betrachtete das anschließende Spezialspringen nur noch als Trainingsrunde. Ein weiteres Favoritenpaar, die einstige Weltmeisterin Sandra Auffarth und Viamant du Matz, lieferte hingegen eine tadellose Querfeldein-Runde. Platz zwei der deutschen Meisterschaftswertung war am Sonntag nach einem fehlerfreien Springparcours der Lohn, vor Anna-Katharina Vogel auf Quintana.

          Auch Luhmühlen zeigt: Olympia ist zwar verschoben – aber das Reiter-Jahr nicht ganz verloren. Klappt der Plan mit den Springreitern im November in Riesenbeck, hat es in allen drei olympischen Disziplinen nationale Meisterschaften gegeben. Klimke-Spross Greta Busacker, die in diesem Jahr das Abitur mit einem Notenschnitt von 1,5 bestanden hat, konzentriert sich dieses Jahr sogar mehr aufs Reiten als ursprünglich geplant, denn die Pandemie hat ihre Auslandspläne durchkreuzt. Zusätzliche gemeinsame Zeit also für Mutter und Tochter. „Sie ist die beste Trainerin, die man sich wünschen kann“, sagt die Tochter über die Mutter. Deren wichtigster Rat an die nächste Generation, und das bei allem Ehrgeiz, lautet: „Hör auf dein Bauchgefühl.“

          Platz zwei für In Swoop

          Der Deutsches-Derby-Sieger In Swoop hat im wichtigsten Galopprennen Europas, dem mit drei Millionen Euro dotierten Prix de l’Arc de Triomphe, den zweiten Platz belegt. Es war der 14. Starter in dem Pariser Megarennen für die älteste deutsche Privatzuchtstätte Gestüt Schlenderhan und das bislang beste Ergebnis. Trainiert wird der dreijährige Hengst allerdings in Frankreich von Francis-Henri Graffard, im Sattel saß wie beim Derby in Hamburg der Franzose Ronan Thomas. In Swoop wurde nur knapp von dem vierjährigen Hengst Sottsass mit Cristiano Demuro geschlagen. Rang drei in dem Gruppe-I-Rennen über 2400 Meter ging an Persian King. Die sechsjährige Stute Enable, die schon zwei Mal gewonnen hat und im Vorjahr Zweite wurde, konnte in diesem Jahr auf dem weichem Boden nicht um die vorderen Ränge mitmischen.

          Einige Aufregung gab es schon vor dem Rennen: Der irische Startrainer Aidan O’Brien zog seine vier Teilnehmer zurück. Der Grund: Ein Futtermittelhersteller hatte vor verunreinigten Produkten gewarnt. Es bestehe die Gefahr, positiver Doping-Tests. Einen ähnlichen Fall hat es im Deutschen Derby gegeben, damals wurde der Derbydritte Grocer Jack disqualifiziert. Dieses Risiko wollte O’Brien nicht eingehen. Grocer Jack dagegen war am Wochenende aktiv, er trat im Großen Preis von Berlin an, ebenfalls eine Gruppe-I-Prüfung über 2400 Meter. Er wurde Vierter in einem Rennen, in dem die Dreijährigen dominierten. Es siegte der Derbyzweite Torquartor Tasso, trainiert von Marcel Weiß für das Gestüt Auenquelle, vor Dicaprio und Kaspar. Siegreiter war Lukas Delozier. (pmf.)

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