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Volleyball-Präsident Hecht : Weniger Schlaf, weniger Freizeit

  • -Aktualisiert am

MIttendrin statt nur dabei: Verbandspräsident René Hecht mit Volleyballern. Bild: dpa

René Hecht ist Rekordnationalspieler im Volleyball. Plötzlich wurde er zum Präsidenten des deutschen Verbandes. Nun möchte er die Mitglieder mit einem Innovationsprodukt mit in die Zukunft nehmen.

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          „Das Amt passt eigentlich nicht in meine Lebensplanung“, sagt René Hecht ganz offen. Der deutsche Rekordnationalspieler hat sich gerade selbständig gemacht mit einem Therapiezentrum, Zeit ist für ihn ein knappes Gut. Aber als „Volleyballer aus Leidenschaft“ habe er sich der Verantwortung gestellt, als sie sich ergab. Und so ist der 56-Jährige seit Mitte Juni von einem Tag auf den anderen nicht nur Präsident des Berliner Volleyball-Verbands, den er bereits seit 14 Jahren anführt, sondern auch des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV). Gewählt bis 2021.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Volleyballer aus Leidenschaft passt schon mal super zu „Volleyballpassion“, dem Innovationsprodukt, das der DVV an diesem Mittwoch präsentiert, mit dem er seine Strukturen dem digitalen Wandel anzupassen versucht. Hechts Vorgänger Thomas Krohne, DVV-Chef seit 2012, scheiterte noch vor wenigen Wochen am Veto der Breitensportler bei seinem Bestreben, das Projekt voranzutreiben. Weil zur Finanzierung der Plattform in der Basisversion zwölf Euro Jahresbeitrag pro Mitglied fällig gewesen wären, fürchteten die Landesverbände trotz geplanter Beteiligung am finanziellen Erfolg finanzielle Probleme auf sich zukommen und sahen den Gegenwert der Digitalisierung nicht. Widerstand im eigenen Lager, damit konnte Unternehmer Krohne, der sich zumeist wie der einzige Profi in einem Bereich voller Amateure fühlte und entsprechend auftrat, nichts anfangen. Er warf die Brocken hin.

          Auch Hecht ist ein Verfechter der digitalen Dienstleistungs- und Kommunikationsplattform „Volleyballpassion“, die nun erst mal kostenfrei starten soll. Doch er legt Wert darauf, dass er die etwa 420.000 Mitglieder auf dem Weg in die Zukunft auch mitnimmt. Ansagen von oben sind nicht seine Methode. Der 2,11 Meter große Hecht setzt auf Kommunikation, Information und Vertrauen. „Ich sage den Leuten, was ich vorhabe, und möchte wissen, was sie davon halten.“ Deshalb strebt er auch an, den nächsten Verbandstag im November in Frankfurt auf zwei Tage auszuweiten. Damit genügend Zeit ist, „zusammenzuarbeiten, auch streiten zu können“. Letztlich soll aber nicht nur geredet, sondern sollen auch Entscheidungen getroffen werden. „Wir müssen ein Wir-Gefühl entwickeln“, sagt der bekennende Teamplayer: „Beim Volleyball weißt du, neben dir steht jemand, der hilft.“ So müsse es auch in der Arbeit für den Volleyball sein. Wobei er sich in der Rolle des Zugpferdes sieht, nicht in der des Antreibers vom Feldherrenhügel.

          Rekordnationalspieler René Hecht.
          Rekordnationalspieler René Hecht. : Bild: dpa

          Der ehemalige Außenangreifer hat in seiner aktiven Zeit zwischen 1979 und 1994 nicht weniger als 385 Länderspiele absolviert, 313 davon für die DDR. Nach der Wende nutzte der Mann mit der Rückennummer 5 seine neuen Chancen und wechselte in die italienische Profiliga, ehe er zurück in seine Heimatstadt ging und beim SSC Berlin in der Bundesliga agierte. In der gesamtdeutschen Nationalmannschaft wurde er prompt zum Kapitän bestimmt. Auch dieser Verantwortung stellte er sich unmittelbar, aber nicht so, wie es sich der damalige Präsident Rolf Andresen vorstellte. Hecht schwang sich zum Wortführer eines Teams auf, das in einem legendären Thesenpapier 1993 den Verband zu „professionellem Handeln“ aufforderte. Die Zeit des Strammstehens sei vorbei, erklärte er damals vor der EM in Finnland.

          Es ging um Basisdienste wie medizinische Versorgung der Nationalspieler, ausreichend große Betten im Trainingslager und selbst das Waschen und Trocknen der Trikots. „Wir mussten die Klamotten im Hotelzimmer aufhängen, weil sonst kein Platz war“, erinnert sich Hecht. Der damalige Chef Andresen war kein Mann konkreter Strategien, sondern eher bekannt für salbungsvolle Worte und seine Vorlieben für Auslandsreisen, weshalb er als „Papst des Weltvolleyballs“ bezeichnet wurde. Als damals aber alle Nationalspieler ihren gemeinsamen Rücktritt androhten, lenkte er ein. Die Bedingungen wurden unmittelbar verbessert. Die deutsche Mannschaft belegte noch den vierten Platz bei der EM.

          Ein Vierteljahrhundert später steht es vergleichsweise gut um die Volleyballspieler. Die Männer gewannen 2014 WM-Bronze und 2017 EM-Silber. Die Beachvolleyballfrauen gehören mit mehreren Teams zur Weltspitze, und die eigene Beachvolleyball-Tour floriert. Die Bundesliga boomt zwar nicht gerade, steht aber wirtschaftlich stabil da. Nur an der Basis bröckelt es. Individualisierung der Lebensstile und Flexibilisierung der Arbeitswelt sind gesellschaftliche Herausforderungen, die den Spielbetrieb massiv beeinträchtigen.

          Das Café am Prenzlauer Berg, in dem sich der graumelierte Hecht zu Gesprächen trifft, heißt „Sowohl als auch“, und der Name könnte Programm sein. Für Hecht ist klar, dass er vom Olympiasieger bis zum Breitensportler alle mitnehmen muss, will er insgesamt vorankommen. Eine gute Aufstellung des Verbandes nennt er dabei „den Schlüssel für die Zukunft“. Er setzt darauf, das Hauptamt zu stärken, um handlungsfähiger zu sein. Es erscheint ihm effizienter, wenn Sportdirektoren und Geschäftsführer direkt agieren können und sich nicht bei Ehrenamtlichen rückversichern müssten. Insgesamt will er „jedem den Rucksack mitgeben, den er tragen kann“. Für ihn selbst bedeutet das: „Weniger Schlaf, weniger Freizeit und noch bessere Eigenorganisation“. Ein Projekt, bei dem es tatsächlich Leidenschaft benötigt.

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