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Abstieg des VfL Gummersbach : „Man sieht nur weinende Männer“

  • -Aktualisiert am

Abstieg eines Traditionsvereins: Ivan Martinovic vom VfL Gummersbach möchte gar nicht hinsehen. Bild: dpa

Seit der Gründung der Handball-Bundesliga 1966 spielte Gummersbach stets im Oberhaus. Das Entsetzen nach dem dramatischen Abstieg ist groß. Wie konnte das nur passieren?

          Tiefer Schmerz, Fassungslosigkeit und ein Hauch Ungläubigkeit sprach im Moment der Katastrophe aus den Gesichtern, aus den von Tränen geröteten Augen vieler Spieler und Anhänger des VfL Gummersbach. Natürlich hatten sie sich vorstellen können, dass sie im bereits dritten Jahr tief unten in der Tabelle der Handball-Bundesliga irgendwann einmal absteigen könnten, aber solch ein Drama hatte sich wohl niemand vorstellen können. Die Gummersbacher sind nun nicht nur der Klub, der am längsten ununterbrochen in der Bundesliga spielte, nun sind sie auch noch der große Verlierer im spektakulärsten Abstiegskampf, den es in der Liga je gegeben hat. „Dass das jetzt so kommt, ist irgendwo bezeichnend, das tut allen weh heute“, sagte Trainer Torge Greve, „man sieht hier nur weinende Männer.“

          Nach einem nervenaufreibenden 25:25 am Sonntagabend bei der SG Bietigheim-Bissingen im Duell des Vorletzten gegen den Drittletzten, in dem dem Traditionsverein aus dem Oberbergischen ein Unentschieden reichte, um die Bietigheimer hinter sich zu lassen, waren tatsächlich beide Klubs abgestiegen. „Wir haben den Klassenerhalt nicht in Bietigheim verspielt, das haben wir in den Spielen davor schon getan“, erklärte Kapitän Drago Vukovic.

          Aber das war nur die halbe Wahrheit. In den letzten zehn Sekunden des Spiels hätten die Gummersbacher bei eigenem Ballbesitz sogar noch auf einen Siegtreffer drängen können, aber sie glaubten, der eine Punkt würde irgendwie reichen – woraufhin in Ludwigshafen beim zum letzten Spieltag Tabellenletzten ein geradezu magischer Klassenverbleib gefeiert werden konnte. Dort lief das Spiel gegen Minden noch eine Minute, als die Partie in Bietigheim abgepfiffen war. 28 Sekunden vor dem Ende gelang den Eulen noch das 31:30. Ludwigshafen hat damit drei der insgesamt fünf Saisonsiege in den letzten fünf Partien erspielt, war nun plötzlich punktgleich mit Gummersbach und Bietigheim. Die Tordifferenz der Pfälzer war jedoch um einen Treffer besser als die des VfL. Knapper geht es kaum bei über 800 Toren, die selbst die schwächsten Teams in Verlauf einer Handball-Saison erzielen.

          Nun wird nach 53 Jahren erstmals eine Bundesligasaison ohne den ruhmreichen VfL Gummersbach ausgetragen, der in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren die beste Mannschaft der Welt war. Der zwölf deutsche Meisterschaften, fünf Pokalsiege und elf Europacup-Triumphe holte. Der einige der größten deutschen Spieler wie den legendären Joachim Deckarm, wie Hansi Schmid oder Heiner Brand hervorbrachte, und der nun vor den Trümmern eines schleichenden Niedergangs steht. „Es ist so gekommen, wie ich befürchtet habe, für Handball-Deutschland ist das ein Verlust“, sagte der heutige TV-Experte Brand, der seine gesamte Spielerkarriere sowie insgesamt sechs Jahre als Trainer beim VfL verbrachte.

          Während einer ganzen Ära waren die Gummersbacher eine Art FC Bayern des deutschen Handballs, in der jüngeren Vergangenheit ähneln sie nun auf frappierende Art und Weise dem Hamburger SV. Der alte Ruhm war oft eine Bürde, spieltaktische Entwicklungen wurden verpasst, und wirtschaftlich lebte der Klub oft über die eigenen Verhältnisse. Man habe „in der Vergangenheit viele Fehler gemacht und mit Geld aus der Zukunft gelebt“, hat Geschäftsführer Christoph Schindler vor einiger Zeit eingeräumt, diese Altlasten sind immer noch ein Problem. Schon als der VfL 2011 zum letzten Mal einen Europapokal gewann, wurden Gehälter zu spät bezahlt, Nationalspieler wie Simon Ernst oder Julius Kühn wechselten den Verein, weil sie anderswo mehr verdienen konnten. Und schon vor dem Abstieg stand fest, dass auch Torhüter Carsten Lichtlein den Klub verlässt und sich dem HC Erlangen anschließt.

          Das derzeitige Konzept von Geschäftsführer Schindler sieht vor, solider zu wirtschaften, den Klub zu konsolidieren. In dieser Saison wurde eine halbe Million Euro an Kaderkosten eingespart, nur mit Mühe und einiger Verspätung haben sie eine Lizenz für die bevorstehende Zweitligasaison erhalten. Brand sprach in der dunklen Stunde des Abstieges schon von einem „Neuanfang“ und forderte ein „vernünftiges Konzept“, um möglichst rasch „die sportlichen und organisatorischen Voraussetzungen“ für eine sofortige Bundesliga-Rückkehr zu schaffen. Aber es ist keinesfalls sicher, dass die Gummersbacher sich schnell von diesem Pfingst-Schock erholen. Der TV Großwallstadt, einstmals der größte Rivale des VfL, hat eine ähnliche Geschichte hinter sich und spielt inzwischen nur noch drittklassig.

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