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VfB Friedrichshafen : Herausforderer für die Dauersieger gesucht

Der Ball fliegt wieder: An diesem Wochenende beginnt dei Volleyballsaison Bild: picture-alliance/ ITAR-TASS

Berührungsängste mit der Favoritenrolle hat der Volleyballmeister VfB Friedrichshafen zum Saisonstart nicht mehr. Dennoch beobachtet man die Veränderungen in Berlin aufmerksam: Die Absichten, dem Primus Paroli zu bieten, sind dort offensichtlich.

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          Ist das nun Resignation? Oder falsche Bescheidenheit? Oder taktische Cleverness? Jedenfalls hat das „Volleyball-Magazin“ neulich alle Bundesligaklubs nach ihren Zielen für die an diesem Wochenende beginnende Saison 2011/2012 befragt. Und nur einer von ihnen hat sich getraut, den Gewinn der deutschen Meisterschaft anzugeben - der deutsche Meister VfB Friedrichshafen.

          Bernd Steinle
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          In den vergangenen sieben Jahren ging der nationale Titel immer an das Team von Trainer Stelian Moculescu. Offenbar hat das dazu geführt, dass sich keiner in der Liga mehr die Rolle des großen Herausforderers anmaßen will - selbst in Berlin nicht, beim zuletzt schärfsten Rivalen des VfB. Auch dort werden die eigenen Ambitionen oft kunstvoll verklausuliert, und das, obwohl die Absicht, dem Primus Paroli zu bieten, diesmal so offensichtlich ist wie lange nicht mehr. Mit neuem Hauptsponsor tritt der bisherige SCC Berlin nun unter dem Namen Berlin Recycling Volleys an - erstmals an diesem Freitag gegen evivo Düren. Der Verein trägt künftig alle Heimspiele in der großen Max-Schmeling-Halle aus, in die schon bis zu 8000 Zuschauer zu einem Liga-Spiel kamen, und er hat die Mannschaft, dank des neuen Geldgebers, kräftig verstärkt - mit dem Australier Paul Carroll etwa, zuletzt als wertvollster Spieler der Liga ausgezeichnet, der ebenso vom Konkurrenten Generali Haching kam wie Tomas Kmet. Der Slowake hat jüngst mit dem Nationalteam bei der EM viel Aufsehen erregt.

          Der Etat wurde auf mehr als eine Million Euro aufgestockt und ist damit so hoch wie nie zuvor beim SCC. In Friedrichshafen hat man den Angriff aus der Hauptstadt aufmerksam verfolgt. „In Berlin haben sie richtig Geld in die Hand genommen“, sagt Moculescu. „Da will ich dann aber auch nicht mehr hören, wir hätten den größten Etat. Denn das ist nicht mehr aktuell.“

          Lukas Tichacek (hier im tschechischen Nationaltrikot) hat Friedrichshafen gen Polen verlassen
          Lukas Tichacek (hier im tschechischen Nationaltrikot) hat Friedrichshafen gen Polen verlassen : Bild: dpa

          Tatsächlich hat natürlich auch der VfB einige Neue zu bieten - er muss aber auch herbe Verluste wegstecken. Allen voran den von Zuspieler Lukas Tichacek, der nach Polen wechselt, zum Spitzenklub Asseco Resovia Rzeszow, wo deutlich mehr Geld zu verdienen ist als hierzulande. Tichacek war jahrelang die zentrale Schaltstelle beim VfB, er zog das Spiel auf, er setzte die Angreifer ein. Fünfmal war er Meister, zweimal Pokalsieger, einmal Champions-League-Sieger. Nun übernimmt der Slowake Juraj Zatko seinen Part.

          Es werde viel davon abhängen, wie gut der VfB den erstklassigen Dirigenten Tichacek ersetzen könne, sagt Moculescu. „Da kann anfangs schon noch ein bisschen Sand im Getriebe sein.“ Als zweiten Zuspieler hinter Zatko verpflichtete der VfB den 19 Jahre alten Serben Nikola Jovovic - einen von mittlerweile vier serbischen Spielern im Kader des VfB, im Gegensatz zu nur zwei deutschen. Moculescu ist oft in Serbien unterwegs, er hat sich dort viele Spieler angeschaut, und er habe gute Erfahrungen gemacht mit ihnen, begründet er die serbische Welle am Bodensee. Wie zur Bestätigung wurden die Serben vor zwei Wochen Europameister, wobei auch ein Friedrichshafener die Finger im Spiel hatte - Libero Nikola Rosic.

          Marcus Böhme verlängerte trotz internationaler Angebote

          Dennoch stellt sich die Frage, wie sich ein so multinationales Ensemble, dem noch Spieler aus Brasilien, Portugal, Estland, Kanada und den Vereinigten Staaten angehören, im Ernstfall, in heiklen oder hektischen Spielsituationen hinreichend verständigen kann - siehe Nationalmannschaft, in der sich bei der EM schwere Kommunikationsstörungen offenbarten zwischen dem argentinischen Bundestrainer Raul Lozano und den Spielern. Kein Problem, sagt Moculescu zur Lage beim VfB, „die können alle Englisch“, zur Not könne er „ein paar Brocken Serbisch“. Zudem überraschten der portugiesische Kapitän Joao José und der brasilianische Rückkehrer Idi jüngst bei der Saisonvorstellung mit erstaunlichen Deutschkenntnissen. Vor allem dank José, seit sieben Jahren beim VfB, und Idi, von 2007 bis 2010 schon Publikumsliebling am Bodensee, ist dem Trainer nicht bange, dass die Identifikation der Fans mit dem Team unter dem spärlichen einheimischen Kontingent leiden könnte. „Entweder ein Spieler hat Ausstrahlung, oder er hat keine“, sagt Moculescu. „Das ist unabhängig vom Pass.“

          Trotzdem dürfte er heilfroh gewesen sein, dass in Marcus Böhme wenigstens ein aktueller deutscher Nationalspieler weiter beim deutschen Meister aufschlägt. Der 26 Jahre alte, 2,11 Meter große Mittelblocker verlängerte trotz internationaler Angebote um ein Jahr - weil er in Friedrichshafen „noch eine ganze Menge lernen kann“, wie er sagt. Aber: „Wenn er sich weiter so entwickelt, wird es schwierig, ihn zu halten“, sagt Moculescu. Böhme selbst begründete seinen Verbleib auch damit, dass er gerne wieder Meister und zudem Pokalsieger werden will - Berührungsängste mit der Favoritenrolle haben sie in Friedrichshafen längst keine mehr. Schon gar nicht der Trainer. Der Meistertitel, sagt er, sei für ihn immer am wichtigsten, denn er sei die sichere Eintrittskarte in die Champions League. Und trotz aller Veränderungen ist er sich in einem Punkt sicher, selbst wenn es beim Saisonstart am Sonntag bei Pokalsieger Generali Haching noch knirschen sollte im VfB-Spiel: „Wenn's um was geht, werden wir da sein.“

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