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VfB Friedrichshafen : April der Wahrheit

Um den Titel: Max Günthör will Friedrichshafen zur Meisterschaft schmettern Bild: nordphoto

Nach einer haarigen Saison hat der VfB Friedrichshafen wieder zu sich selbst gefunden - und macht damit den Kampf um die deutsche Volleyball-Meisterschaft wieder spannend.

          3 Min.

          Es war nur ein „kleiner Schritt“. Fand zumindest Stelian Moculescu. Immerhin aber einer in die richtige Richtung: Nach dem 3:1-Sieg im ersten Play-off-Halbfinale um die deutsche Volleyball-Meisterschaft bei Generali Haching kann Moculescus VfB Friedrichshafen nun mit zwei Heimsiegen über Pokalsieger Generali Haching den Sprung ins Finale schaffen. Noch wichtiger als der faktische war freilich der symbolische Schritt. Denn der signalisierte: Der zuletzt schwer angeschlagene Branchenriese hat sich berappelt - der VfB ist wieder da.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          „Nicht vergnügungssteuerpflichtig“ nennt Moculescu die nun zu Ende gehende Saison, und in der Tat türmte sich da für den VfB lange ein Problem aufs andere. Auf jeden Hoffnungsschimmer folgte zuverlässig der nächste Rückschlag, „das war wie täglich grüßt das Murmeltier“, sagt der VfB-Trainer. So kam eine Spielzeit zusammen, die für Friedrichshafener Verhältnisse ziemlich verheerend verlief. Der einstige Primus, unter dessen erdrückender sportlicher und wirtschaftlicher Übermacht die Liga zuvor jahrelang geächzt hatte, erschien plötzlich verletzlich. Der Meister Berlin Volleys löste ihn als dominierende Mannschaft ab, die bisherige Saisonbilanz des VfB liest sich dagegen eher wie ein Krisenszenario: Aus im Pokal-Viertelfinale gegen Düren, Aus in der Vorrunde der Champions League, sieben Niederlagen in der Bundesliga-Hauptrunde, unter anderem ein 0:3 beim bisher nicht als Favoritenschreck hervorgetretenen CV Mitteldeutschland. Am Ende rettete der VfB gerade noch Platz drei in der Abschlusstabelle.

          Ein Winter des Missvergnügens

          Es war lange ein Winter des Missvergnügens für den VfB, und dieses Missvergnügen bündelte sich in der brisanten Personalie Idi: Der brasilianische Außenangreifer, lange ein Publikumsliebling in Friedrichshafen, wurde im Februar, mitten in der Saison, Knall auf Fall aus seinem Vertrag entlassen. „Es ist für mich in 40 Jahren das erste Mal, dass so eine Entscheidung getroffen werden muss“, sagte Moculescu dazu. Über die Gründe schwieg er sich aus, und das tut er bis heute. Sie waren aber wohl nicht nur sportlicher, sondern auch atmosphärischer Natur. Moculescu sagt nur so viel: „Es hat nicht mehr gepasst, aus sehr komplexen Gründen.“ Und dass er diese Entscheidung schon viel früher hätte treffen sollen - „mein Fehler“.

          Wieder im Spiel: VfB-Trainer Stelian Moculescu

          Sicher ist, dass der VfB nun in der Play-off-Runde wieder voll auf der Höhe ist: Im Viertelfinale schlug er Düren zweimal 3:0, nun Haching 3:1, jenes Team, das zuvor beide Rundenspiele gegen den VfB gewonnen hatte. „Es ist Ruhe eingekehrt“, sagt Moculescu, konstruktive Ruhe: „Die Mannschaft hat zu sich gefunden.“ Es ist nicht ungewöhnlich in der Volleyball-Bundesliga, dass ein Team eine Findungsphase braucht, die Spieler sind meist mit Einjahresverträgen ausgestattet, oft herrscht deshalb ein Kommen und Gehen und damit zwangsläufig erst mal ein Sich-Finden. Nur schien das diesmal in Friedrichshafen schier kein Ende zu nehmen - auch aus personellen Gründen. Hauptangreifer Ventzislav Simeonov stieß erst zu Beginn der Saison zum Team, anstelle des kurzfristig ausgefallenen Griechen Anastasios Aspiotis, dazu kamen Verletzungen wichtiger Akteure. Die fehlende Sicherheit wirkte sich auch auf das Selbstvertrauen der Spieler aus, Verunsicherung wurde spürbar, das natürliche Selbstverständnis des Champions, gerade in Partien gegen scheinbar unterlegene Teams, begann zu bröckeln.

          Simeonov ist die große Stütze

          Nun ist es offenbar zurückgekehrt - gegen Haching entschied der VfB trotz des verkorksten zweiten Satzes die Durchgänge drei und vier für sich. „Die Mannschaft hat auch nach dem zweiten Satz an sich geglaubt“, sagte Moculescu und meinte damit nicht zuletzt den Bulgaren Valentin Bratoev, den Mann, der für den geschassten Idi kam, und der in Haching in seinem ersten offiziellen Spiel für den VfB gleich überzeugte. Als zentrale Stütze für ein stabiles Teamgefüge erwies sich aber vor allem der 36 Jahre alte Diagonalangreifer Simeonov. Er ist zu einer der wichtigsten Figuren in der Mannschaft geworden. „Er ist ein richtiger Profi, einer, zu dem die Leute aufschauen“, sagt Moculescu. „Er ist sicher mit eine der besten Verpflichtungen, die wir im Lauf der Jahre hatten.“

          Der April, sagt Moculescu, ist „der Monat der Wahrheit“, der Monat, in dem es um die Meisterschaft geht. Er macht keinen Hehl daraus, dass ihn diese besondere Situation reizt, die Herausforderung, nach der holprigen Saison, nach „Häme und Spott“ für den VfB, mit allen Kräften um den Titel zu kämpfen. „Das mag ich jetzt nochmal wissen“, sagt er. Aber: „Haching hat eine sehr gute Mannschaft, sie haben den Pokal gewonnen, und die Meisterschaft war ihr erklärtes Ziel.“ Moculescu weiß, das Finale ist noch weit, auf keinen Fall will er den zweiten Schritt vor dem ersten tun.

          Erst rausgehen, wenn die Orgel nicht mehr spielt, so hat er das immer gehalten. Eins aber hat der VfB immerhin schon jetzt erreicht: In der Rolle der Jäger des verlorenen Schatzes, sprich der an Berlin abgegebenen Meisterschale, wirken die Friedrichshafener nun, da sie offenbar die richtige Mischung gefunden haben, wieder deutlich glaubwürdiger. Und Orgel hin oder her - von einem ist Moculescu überzeugt: „Es wird noch richtig spannend werden in dieser Saison.“

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