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Verschiebung der Paralympics : „Impfstoff sollte zwingend Voraussetzung sein“

Trainiert im persönlichen Stützpunkt: Niko Kappel hat umgebaut. Bild: dpa

Wie die Olympischen Spiele wurden auch die Paralympics verschoben: Kugelstoßer Kappel hält die Entscheidung für absolut richtig, stellt aber Forderungen vor der Austragung im kommenden Jahr.

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          Zum Trainieren geht Niko Kappel derzeit in den Keller. Zu Hause in Welzheim, eine halbe Autostunde von Stuttgart entfernt, hat er sich seinen persönlichen Paralympics-Stützpunkt eingerichtet, ein Gym mit Geräten zum Krafttraining, vielleicht zwölf Quadratmeter groß und mit Gummimatten aus dem Baumarkt ausgelegt. Selbst die Kugel wird dort unten gestoßen, was man sich – gegen die Wand und ohne Tageslicht – als strapazierend für Geist und Putz vorstellen kann.

          Aber Kappel, Paralympics-Sieger von 2016 und zweimaliger Behindertensportler des Jahres, ist guter Dinge, nicht nur wegen der heimischen Improvisation, auf die er „ein bisschen stolz“ ist. Vor allem fühlt er sich befreit durch die Nachricht vom Dienstag dieser Woche: Die Verschiebung der Olympischen und der Paralympischen Spiele in Tokio – das war für den 25 Jahre alten Kappel „die absolut beste und richtige Entscheidung“, allerdings auch eine, die er sich früher gewünscht hätte.

          Es habe zu lange gebraucht, bis der Sport „zur Vernunft gekommen“ sei und zur Einsicht, dass diese Spiele „nicht zumutbar“ seien, „für die Sportler und für die Gesellschaft“. Ende vergangener Woche war er deshalb selbst mit der Forderung nach Verschiebung an die Öffentlichkeit gegangen. „Ich hätte nicht gedacht“, sagt er, „dass es, nachdem man sich so spät Gedanken in diese Richtung gemacht hat, dann so schnell geht.“ Innerhalb der Para-Leichtathleten, sagt Kappel, werde die Verschiebung „fast einhellig“ begrüßt.

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          „Es gab unter den Sportlern neben aller individuellen Traurigkeit ein großes Aufatmen“, sagt auch Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbands (DBS). Am Montag hatte der DBS mit einem Appell an das Internationale Paralympische Komitee (IPC) eine Verschiebung gefordert. „Wir haben Athleten, die zur Risikogruppe gehören“, sagt Beucher mit Blick auf diejenigen Sportler, die etwa über ein geschwächtes Immunsystem verfügen. Darüber hinaus hätten sich dieselben Probleme gestellt wie für die olympischen Athleten auch, aber zum Teil mit besonderer Zuspitzung. Die Möglichkeiten, zu trainieren, seien beschnitten gewesen. „Mit Prothesen kann man auf einer Tartanbahn gut sprinten, im Wald und im Park eher nicht.“ Das Doping-Kontrollsystem sei dysfunktional geworden. „Die Tür zu weltweitem Doping war weit aufgemacht.“ In der Qualifikation sei keine Gerechtigkeit mehr herzustellen gewesen. Die Verschiebung der Spiele sei „alternativlos“ gewesen. Aus Gründen der Gerechtigkeit, aber zuallererst zum Schutz der Gesundheit, wie der frühere Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses betont

          Allerdings hatte sich auch die Position Beuchers und des DBS recht plötzlich den Realitäten angepasst. Noch am Mittwoch hatte der Verbandschef zwar deutliche Bedenken geäußert, den Zeitpunkt für eine Absage aber noch nicht für gekommen gehalten. Am Wochenende habe er dann viel Phoenix gesehen, so viel wie seit seiner Zeit als Abgeordneter nicht mehr, sagt Beucher. Was er dort hörte, die Entwicklung der weltweiten Corona-Zahlen, die Warnungen der Virologen, ein Sport-Großevent sei potentiell „der größte Viren-Herd der Welt“, habe die Lage verändert. „In diesem Moment war es unstrittig, dass es nicht mehr ging.“ Inzwischen hatten sich auch prominente Sportler zu Wort gemeldet, Kappel etwa, oder Denise Schindler. Beucher weist darauf hin, dass sich der DBS öffentlich früher positioniert habe als andere Spitzenverbände des deutschen Sports. Aber eben dennoch ziemlich spät.

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          Vor allem aber vollzog das IPC erst mit der Entscheidung des IOC eine kommunikative Kehrtwende. Die Verschiebung sei „absolut richtig“, schrieb Präsident Andrew Parsons am Dienstag an die Nationalen Paralympischen Komitees. „Die Gesundheit und das Wohlergehen des menschlichen Lebens müssen immer unsere oberste Priorität sein, und die Durchführung einer Sportveranstaltung jeglicher Art während dieser Pandemie ist einfach nicht möglich.“ In den vergangenen Tagen und Wochen hat er sich stets als verlässlicher Beifahrer Thomas Bachs erwiesen. Anders als beim Ausschluss der russischen Athleten vor den Spielen in Rio 2016, als Parsons’ Vorgänger Philip Craven ein weltweit beachtetes Zeichen im Sinne des sauberen Sports gesetzt hatte, liegt Parsons auf IOC-Linie. Kugelstoßer Kappel sagt mit Blick auf IOC und IPC: „Ich hätte mir vom gesamten Konstrukt mehr Transparenz und mehr Einsicht zu einem früheren Zeitpunkt gewünscht.“

          Allerdings blieb Parsons auch kein echter Handlungsspielraum. Die Paralympischen Sommerspiele, mit 4000 Teilnehmern nach Olympia das zweitgrößte Multi-Sportevent der Welt, sind vertraglich an das IOC gebunden, die Kontrakte über die gemeinsame Austragung ist im März 2018 bis 2032 verlängert worden, für das IPC ein „historischer Schritt“ – eigene Host-City-Verträge gibt es aber nicht, und innerhalb des IOC hat das IPC nur eine Stimme. Eine eigenmächtige Verschiebung war somit gar nicht möglich. Dafür versichert das IPC, dass die gemeinsame Austragung zum neuen Zeitpunkt, wann immer der sein wird, garantiert sei: „Die Spiele gibt es nur als Paar, also werden sich die Paralympics im nächsten Jahr wie geplant an die Olympischen Spiele anschließen.“

          Wann das sein wird, richtet sich folglich nach dem IOC. DBS-Chef Beucher findet, dass die Spiele aus klimatischen Gründen „eigentlich nicht im Sommer stattfinden dürfen“, bei einer Verlegung in das Frühjahr 2021, wie offenbar vom IOC favorisiert, sieht er bereits terminliche Nöte heraufziehen, was die Qualifikation angeht. „Das wird eng, völlig klar.“

          Beuchers Wunschlösung wäre ein weiterer Aufschub bis in den Herbst oder sogar ins übernächste Jahr – aber daran glaubt er selbst nicht. „Das Diktat des Geldes wird entscheiden.“ Auch für Kappel käme Frühjahr 2021 noch zu früh. Bevor die Spiele weitergehen können, müsse erst ein Impfstoff gegen das Virus gefunden sein. „Das sollte zwingendermaßen Voraussetzung sein“, sagt er. Denn: „Ich glaube nicht, dass es von allein verschwindet.“

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