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Venice Beach : Der Strand der Freaks

Freikörperkultur: Am Venice Beach trainieren Bodybuilder in einem Käfig - wegen der Touristen Bild: LAIF

Venice Beach ist die Wiege des modernen Körperkults. Schon Arnold Schwarzenegger hat sich hier aufgepumpt. Und noch immer ist der Ocean Boulevard das Mekka für sportliche Selbstdarsteller.

          5 Min.

          Er sieht aus wie Jesus. Jesus hat Dreadlocks. Er steht im Skatepark am Venice Beach, hat sein Skateboard in der Hand und fixiert ein Geländer auf der anderen Seite des Parks. Eine kleine Lücke hat sich gebildet. Rechts und links stehen Touristen, immer mehr sind es geworden, seit Jesus das erste Mal versucht hat, von einer Rampe auf die Absperrung zu springen, dort kurz mit seinem Brett anzudocken und dann zwischen den Zuschauern zu landen.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          “Come on Jesus“, schallt es durch den Park. Ein Radfahrer, auf dem Jesus beim letzten Versuch versehentlich gelandet war, kniet mit seiner Kamera in der Hand auf dem Boden und wartet. Jesus prüft kurz, ob seine Kappe und die Kopfhörer richtig sitzen, schaut einmal arrogant in die Runde und stürzt sich die Rampe hinunter. Wenige Sekunden später grölt es aus allen Ecken des Parks. Jesus ist ein Könner. Wer sein Skateboard in der Hand hat, klopft damit respektvoll auf den Boden. Die Touristen klatschen. Jesus rollt gelangweilt davon. Fünfzig Meter entfernt paddeln Surfer durch die tosende Brandung des Pazifiks.

          Altmeister: Arnold Schwarzenegger (im Foto Mitte) zu Besuch im Gold´s Gym

          Wer Los Angeles besucht, muss nicht nach Hollywood. Das Showbusiness tobt auch am Venice Beach. Es ist die Show der Straße, eine Mischung aus Zirkus und Wahnsinn. Flaniert man am Morgen über den Ocean Boulevard, so sieht es ganz nett aus. Straßenkünstler sitzen auf dem Boden und verkaufen Selbstgebasteltes, Skateboards zum Beispiel, auf die sie das Gesicht von Bob Marley gemalt haben. Die Künstler sehen aus, als hätten sie den größten Teil ihres Lebens auf die perfekte Welle gewartet. Ein paar Meter weiter steht eine Frau hinter einem Pappschild. Ein kleines Loch zeigt nur ihr Gesicht. Lautstark fordert sie die Vorbeigehenden auf, mit 25-Cent-Münzen nach ihr zu werfen. Auf der Nase hat sie eine kleine Platzwunde, Blut rinnt in Richtung Mund. Eine Gruppe Halbstarker lässt sich nicht zweimal bitten. Wie Baseballspieler jagen sie die Münzen auf die arme Frau, ihr Freund huscht zwischen den Würfen vorbei und sammelt die Münzen auf. Er hat eine Narbe unter dem Auge.

          Schwarzenegger hatte sich das wohl anders vorgestellt

          Hinter der Frau klettert ein fast nackter Mann auf eine Leiter. Er ist Bodybuilder. Wer auf eine Show wartet, wird enttäuscht. In seiner viel zu kleinen Badehose steht er einfach nur auf der Leiter, präsentiert seinen eingeölten Körper und schaut gen Himmel. Zu seinen Füßen stehen junge Männer, „Medical Marihuana“ steht auf ihren Shirts. Seit Marihuana in Kalifornien zu medizinischen Zwecken legal ist, führen diese Männer Besucher am Venice Beach in kleine, stickige Hinterzimmer, in denen vermeintliche Ärzte sitzen. Was man denn habe, fragt der ergraute Arzt den Freund, der nichts hat. Rückenschmerzen, sagt er. Oh ja, da sei Marihuana genau das Richtige. Für vierzig Dollar überreicht er eine Karte, mit der man im Nebenzimmer die Medizin abholen kann. Arnold Schwarzenegger hatte sich das wohl anders vorgestellt.

          Die amerikanische Karriere des ehemaligen Gouverneurs von Kalifornien begann in der Nähe der Strandpromenade. 1965 eröffnete der Amerikaner Joe Gold am Venice Beach sein erstes Fitnessstudio und legte den Grundstein für eine der größten Fitnessstudioketten der Welt. Heute trainieren nach Angaben des Unternehmens mehr als drei Millionen Sportler in über 700 „Gold’s Gym“-Filialen auf der ganzen Welt. Als Schwarzenegger Ende der sechziger Jahre aus Österreich nach Kalifornien kam, pumpte er sich im Gold’s Gym Venice Beach“ zum Mr. Olympia auf. Das Studio wurde mit ihm zur Legende.

          Hanteln, Tattoos, Sonne: Alles, was Bodybuilder am Venice Beach braucht

          “Für einen Bodybuilder ist es das Allergrößte, hier zu trainieren“, sagt Nathanael Schär. Durch seine riesigen Oberarme ziehen sich leichte Risse, die Haut hat sich nicht schnell genug ausgedehnt, um den Muskelbergen Platz zu machen. Schär baut sich vor dem Logo des Studios auf, sein Kumpel Marco Elewout, der einen Brustkorb wie ein Fass hat, drückt auf den Auslöser der Kamera. „Mecca of Bodybuilding“ prangt in riesigen Lettern über ihren Köpfen. Die beiden Bodybuilder kommen aus der Schweiz, sie sind auf einer Art Pilgerreise zu den Ursprüngen ihrer Sportart. „Muscle-Tour“ nennen sie ihre Amerika-Reise. „Dieser Ort hat eine große Geschichte“, sagt Schär. „Am Venice Beach hat alles angefangen.“ Bis heute trainieren hier die Superstars der Szene. „Es ist, wie wenn du als Fußballer mit Lionel Messi trainierst.“ An diesem Wochenende wird in Las Vegas wieder einmal Mr. Olympia gekürt, und ein paar der Favoriten trainierten in den Wochen zuvor noch hier im „Gold’s Gym“.

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