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Boris Herrmann nach Kollision : „Die Männer auf dem Boot haben nur ihren Job gemacht“

Boris Herrmann am Donnerstag nach der Ankunft bei der Vendée Globe. Bild: dpa

Nach seiner Kollision bei der Vendée Globe erhebt Segler Boris Herrmann keine Vorwürfe gegen die Crew des spanischen Fischerboots. Der Vorfall könne nicht mehr vollständig aufgeklärt werden.

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          Der deutsche Weltumsegler Boris Herrmann hat sich mit der Reederei des Kapitän des spanischen Fischkutters, mit dem er kurz vor dem Ziel der Vendée Globe kollidiert war, ausgesprochen. „Es gibt von unserer Seite keine Vorwürfe gegen die Reederei“, sagte Herrmann am Freitag bei einer Pressekonferenz: „Wir können die Situation nicht mehr vollständig aufklären, aber das ist auch nicht mehr so wichtig.“ Er sei einfach froh, dass alle Beteiligten mit dem Schrecken davon gekommen seien. Bei dem Zusammenstoß etwa 90 Meilen vor der Ziellinie blieben sowohl Herrmann als auch die Besatzung des Fischkutters – übrigens fast dreißig Meter lang und acht breit – unverletzt.

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          Nach der Ankunft am Donnerstag in Les Sables-d'Olonne hatte Herrmann zunächst spekuliert, dass das Fischerboot das automatisches Identifikationssystem AIS nicht aktiviert hatte. „Ich habe nach der Kollision erst einmal das Naheliegende gesagt. Solche Situationen hat es ja schon häufiger gegeben“, sagte Herrmann dann am Freitag. „Aber es ist in Ordnung, dass wir da unterschiedliche Sichtweisen gehabt haben. Die Männer auf dem Boot haben auch nur ihren Job gemacht. Ich will ihnen nicht die Schuld zuweisen.“

          Der Fischer Josu Zaldumbide hatte sich zuvor in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ vehement gegen Herrmanns anfängliche Anschuldigungen gewehrt: „Das sollte er nicht sagen, verdammt!“. Das AIS sei bei seinem Schiff „zu jedem Zeitpunkt“ eingeschaltet gewesen, versicherte der Baske. Das garantiere er. „Erstens sind wir dazu verpflichtet, zweitens lässt es sich sehr einfach überprüfen, weil: Das wird automatisch aufgezeichnet. Mal ganz abgesehen davon, dass bei uns immer einer Wache schieben muss, rund um die Uhr“, sagte der 55-Jährige.

          „Ich weiß nicht, ob er einen AIS-Sender haben muss, oder ob dieser defekt war, oder ob er geschlafen hat… Keine Ahnung. Aber unser AIS war eingeschaltet“, sagte Zaldumbide. „Unser Schiff hat ein paar Kratzer abbekommen. (...) Ein bisschen Material ist kaputt, wir haben Lackschäden, und wir haben ein bisschen pfuschen müssen, um dann den Fang noch zu beenden“, sagte er. Das AIS habe das Segelboot nicht angezeigt. Er habe versucht, die Seewacht zu erreichen, und in Sorge um Herrmann der Yacht zu folgen: „Aber da hatten wir keine Chance. Das ging alles sehr, sehr schnell.“

          Der Umweltverband WWF Deutschland bekräftigte unterdessen, dass in der Fischerei das AIS häufig unerlaubt ausgeschaltet werde. „So lassen sich die Aktivitäten auf dem Meer nicht mehr nachvollziehen“, sagte WWF-Fischereiexperte Philipp Kanstinger am Freitag. Das führe nicht nur dazu, dass sich die Unfallgefahr auf See erhöhe, sondern auch, „dass geltende Gesetze auf See umgangen und Überfischung und illegaler Fangpraxis die Tore geöffnet werden“.

          Der Vorfall im Golf de Gascogne, wo es viele Fischerboote gibt, nach mehr als 80 Tagen mehr oder weniger unfallfreier Fahrt auf den wilden Ozeanen nahm Herrmann die Hoffnung, das Rennen sogar als Sieger zu beenden. Er musste das Tempo deutlich reduzieren. Sein Alarmsystem gegen Kollisionen an Bord namens Oscar, das vor allem auf Hindernisse unter Wasser wie Treibgut oder Wale ausgelegt ist, habe funktioniert, sagte Herrmann nach der Ankunft am Donnerstag. An dem Tag habe er nach eigenen Angaben Begegnungen mit mindestens zwanzig Booten gehabt. Jedes Mal habe sein Radar angeschlagen. Er vermutet, dass sein Radarsystem im Moment des Zusammenstoßes von zwei Segeln aus Kohlefaser, dem Gennaker und dem Starksegel, möglicherweise blockiert gewesen sein könnte.

          Herrmann belegte bei seiner Premiere bei der Vendée Globe trotz des Dramas kurz vor dem Ziel am Ende Platz fünf. Der Hamburger wurde, nachdem alles zunächst nach Rang vier aussah, noch vom Franzosen Jean Le Cam auf dessen Jacht „Yes We Cam!“ verdrängt. Der 61 Jahre alte Le Cam war zwar nur als Achter ins Ziel in Les Sables-d'Olonne gekommen. Doch dank einer Zeitgutschrift von 16:15 Stunden schob er sich im Gesamtklassement noch vor Herrmann. Dort trennten die beiden nach mehr als 80 Tagen auf dem Meer und mehr als 28.000 Seemeilen läppische 75 Minuten.

          Einmal um die Welt: Bei der Vendée Globe sind die besten Skipper mehr als 80 Tage unterwegs gewesen.
          Einmal um die Welt: Bei der Vendée Globe sind die besten Skipper mehr als 80 Tage unterwegs gewesen. : Bild: dpa

          Herrmann hatte am Donnerstag mit seiner Jacht „Seaexplorer – Yacht Club de Monaco“ als fünfter Segler die Ziellinie vor dem französischen Küstenort gekreuzt. Ebenfalls eine Zeitgutschrift von sechs Stunden hatte ihn in der vorläufigen Rangliste zunächst auf Platz vier vorrücken lassen. Der Franzose Yannick Bestaven, der mit der „Maître CoQ IV“ als Dritter am Zielort angekommen war, sicherte sich den Sieg mit einer Gutschrift von mehr als zehn 15 Stunden. Herrmann, Le Cam und Bestaven hatten die Gutschriften von der Wettfahrtleitung wegen ihrer Beteiligung an der erfolgreichen Rettungsmission für den schiffbrüchigen Kevin Escoffier in der Nacht auf den 1. Dezember 2020 erhalten.

          In der Pressekonferenz berichtete Herrmann zudem von seinen ersten Stunden zurück an Land: „Es war einfach ein bombastischer Tag und ich habe mich sehr gefreut, so viele liebe Menschen und auch die anderen Skipper wiederzusehen.“ Am Abend sei er dann nach dem Essen noch auf dem Sofa eingeschlafen und erst am Morgen von seiner kleinen Tochter geweckt worden. Bereits am Wochenende will er zurück nach Hamburg reisen.

          Unterdessen wurde Herrmann für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen. Einen Antrag regte Niels Annen, Staatsminister im Auswärtigen Amt, bei der Hamburger Staatskanzlei an. Herrmanns „herausragende sportliche Leistung und zugleich seine gesellschaftlichen Anliegen“ sollen so gewürdigt werden, sagte der SPD-Bundestagsabgeordnete der Deutschen Presse-Agentur. Zuerst hatte das „Hamburger Abendblatt“ über Annens Vorstoß berichtet. Der Antrag muss nun erst einmal geprüft werden. Herrmann lieferte auf seiner langen Reise von seiner „Seaexplorer – Yacht Club de Monaco“ aus mit einem bordeigenen Labor wissenschaftlichen Einrichtungen wie dem Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel und dem Max-Planck-Institut umfangreiche Daten.

          Champagner! Herrmann mit seiner Familie und dem Team im Hafen.
          Champagner! Herrmann mit seiner Familie und dem Team im Hafen. : Bild: dpa

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