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Sieger Bestaven – Kollision von Herrmann : „So etwas habe ich auf See noch nie erlebt“

Strahlender Sieger: Yannick Bestaven gewinnt die Vendée Globe. Bild: AFP

Der Franzose Yannick Bestaven gewinnt die Vendée Globe, die als härteste Regatta des Segelsports gilt. Pechvogel Boris Herrmann ist noch unterwegs und berichtet in einer Botschaft vom Zusammenstoß mit einem Fischerboot.

          3 Min.

          Die diesjährige Segelregatta Vendée Globe hat jetzt einen Sieger: Es ist der Franzose Yannick Bestaven, der am Donnerstagmorgen um 4.20 Uhr die Ziellinie im westfranzösischen Les Sables d’Olonne überfuhr. Aufgrund einer Zeitgutschrift infolge einer Rettungsaktion für einen havarierten Skipper im vergangenen Dezember gewinnt er die Weltumseglung, die als härteste Regatta der Welt gilt.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Nach 80 Tagen und fast 14 Stunden seit dem Start am 8. November kam Bestaven in den frühen Morgenstunden an. Zuvor waren schon zwei andere Skipper durchs Ziel gefahren, doch durch die ihm zugestandene Ausgleichszeit für die Rettungsaktion ist er nun der Gewinner der wegen ihres Aufwandes nur alle vier Jahre ausgetragenen Regatta.

          Der Deutsche Skipper Boris Herrmann ist dagegen noch unterwegs. Er hatte bis zuletzt Siegchancen gehabt. Doch am Mittwochabend stieß er kurz vor dem Ziel mit einem Fischerboot zusammen. Nachdem er mehr als 50.000 Kilometer unbeschadet zurückgelegt hatte, ereilte ihn das Unglück rund 160 Kilometer vor Les Sables d’Olonne. Er wurde nicht verletzt, doch seine Yacht „Sea explorer“ muss seither deutlich langsamer segeln. Die Ankunft des 39 Jahre alten Hamburgers wird nach Auskunft der Organisatoren an diesem Donnerstag zwischen 10.00 und 11.00 Uhr erwartet.

          Wissen war nie wertvoller

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          Die Vendée Globe, an der 60 Fuß lange einrümpfige Segelboote teilnehmen dürfen, findet seit 1989 statt. Doch die diesjährige Veranstaltung hat das ungewöhnlichste und knappste Ergebnis ihrer Geschichte. Noch nie ist ein Drittplazierter zum Sieger gekürt worden. Am Mittwochabend war der Franzose Charlie Dalin um 20.36 Uhr als Erster nach gut 80 Tagen in Sables d’Olonne angekommen.

          Doch Dalin genoss, anders als drei seiner Verfolger, keine Zeitgutschrift. Drei Skipper hinter ihm, darunter Herrmann, waren Anfang Dezember einem untergehenden Konkurrenten zur Hilfe geeilt. Jean Le Cam, der Senior im Feld, hatte den Franzosen Kevin Escoffier aus dem Wasser gefischt und auf seinem Boot aufgenommen; Boris Herrmann und Yannick Bestaven hatten zuvor ihren Kurs geändert, um zur Stelle zu sein.

          Daher bekam Le Cam gut sechzehn Stunden, Bestaven mehr als zehn Stunden, und Herrmann sechs Stunden gut geschrieben. Eine internationale Jury hatte dies den Regattaregeln entsprechend so entschieden. Solche Rettungsaktionen sollen nicht zu einem Nachteil führen, daher gibt es den Ausgleich. Als Zweiter war kurz am Mittwoch kurz vor Mitternacht der Franzose Louis Burton durchs Ziel gefahren. Er ist jetzt offiziell Dritter. Sein Boot sei „ruiniert“, sagte er, doch er sei überglücklich, daheim zu sein und freue sich, auf dem Podium zu stehen.

          Unterdessen berichtete der Unglücksvogel Herrmann über die Kollision: „Plötzlich sah ich eine Wand neben mir, die Schiffe verhakten sich, ich hörte Männer rufen“, sagte er in einer Videobotschaft. Der Bugspriet seines Schiffes wurde abgebrochen, sein Vorsegel zerriss, ein Tragflügel wurde beschädigt. „Besonders kritisch war, dass das Steuerbord-Want abriss, die Leine, die den Mast seitlich gegen Umfallen sichert“, teilte sein Team mit. In den Stunden nach der Kollision arbeite Herrmann fieberhaft daran, das Want zu ersetzen, um sicher das Ziel zu erreichen.

          „So etwas habe ich auf See noch nie erlebt“, sagte Herrmann, „aber das wichtigste ist, dass niemand verletzt wurde.“ Er will die Regatta jetzt sicher nachhause segeln. An Land wollen ihm nach 81 Tagen auf hoher See seine Frau Birte, seine Tochter und sein Team einen herzlichen Empfang bereiten.

          Am Mittwoch hatten sich einige kritische Stimmen angesichts dieses ungewöhnlichen Zieleinlaufs gemeldet. Doch keiner ließ an den Regeln rütteln. „Die Regeln sind nicht perfekt, doch niemand hat bisher ein besseres System gefunden. Man muss den Leuten, die mir zur Hilfe eilten, einen Ausgleich gewähren“, sagt der Skipper Escoffier am Mittwoch in Sables d’Olonne der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Solidarität darf nicht bestraft werden“, meinte auch der Skipper Thomas Coville, der schon vor 20 Jahren an einer Vendée Globe teilgenommen hat, „ich kenne keinen anderen Sport, bei dem Ihr schlimmster Feind Ihnen vielleicht eines Tages das Leben rettet“, sagte Coville.

          Auch wegen der Coronavirus-Krise war bei der diesjährigen Vendée Globe alles anders. Keine Menschenmassen säumten den Hafenkanal „Chenal“ von Sables d’Olonne, denn während der Pandemie sind Ansammlungen verboten. Immerhin hatte der Bürgermeister der Kleinstadt 300 Freiwilligen erlaubt, am Uferrand Beifall zu spenden und Leuchtfeuer zu schwenken. Gegen 5.40 Uhr riss zudem ein Feuerwerk die Einwohner von Les Sables d’Olonne aus dem Schlaf.

          Die Ankunft der Skipper war in diesem Jahr abermals ein faszinierendes Schauspiel. Nicht nur die Rennleitung und die Presseboote fahren den Seglern entgegen, sondern auch eine Reihe von Privatleuten in ihren eigenen Booten. Die Pandemie-Ausgangssperre hat die segelbegeisterten Franzosen davon nicht abgehalten. Schiffe aller Art, von Motoryachten bis zu Zodiac-Schlauchbooten, begleiten dann jubelnd und tutend vor allem den Gewinner auf seinen letzten Metern. Warnungen, nicht zu nahe zu kommen, müssen immer wieder ausgesprochen werden – so auch in der Dunkelheit von Mittwochnacht, in der die See sehr bewegt war. Dennoch kam es zu einer kleiner Kollision eines Bootes mit dem Begleitboot, auf dem sich auch der Autor dieses Textes befand.

          Der 48 Jahre alte Sieger Bestaven ist ein professioneller Skipper und ausgebildeter Ingenieur. Vor der Vendée Globe gewann er die Regatta Transat 6.50 sowie zweimal die Regatta Transat Jacques-Vabre. Schon 2008 nahm er an der Vendée Globe teil, doch aufgrund eines Mastbruchs musste er damals vorzeitig aufgeben.

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