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Van de Velde am 18. Loch : Der größte Einbruch der Golfgeschichte

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Jean Van de Velde am 18. Loch im Barry Burn-Teich bei den British Open 1999. Bild: Picture-Alliance

Jean Van de Velde stand 1999 vor dem Sieg beim wichtigsten Turnier der Welt, ehe er am 18. Loch einen Vorsprung von drei Schlägen verspielte. Das sportliche Drama ruinierte seine Karriere – und seine Ehe.

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          Die Bilder sind in diesen Tagen bei fast jeder Übertragung der 147. British Open in Carnoustie über die Fernsehschirme in aller Welt geflimmert. Sie werden gezeigt, wenn wieder einmal der Ball eines Golfprofis am 18. Loch des Championship Courses im Barry Burn, dem kleinen Bach vor dem Grün landet, was auch in diesem Jahr einige Male der Fall war. Nach dem kurzen Rückblick ins Jahr 1999 richtet sich dann die Kamera auf den Mann, der bei der 127. Auflage des Turniers seinerzeit die unglückliche Hauptrolle spielte: Jean Van de Velde. Der Franzose steht in diesem Jahr am Rande des 445 Meter langen Par-4-Lochs und kommentiert für den französischen Sender Canal+ das aktuelle Geschehen.

          Der kurze Film zeigt, wie der damals 33 Jahre alte Profi im Salzwasser des mit der Nordsee verbundenen Wasserlaufs steht und schließlich mit einem Triple-Bogey einen im Profigolf eigentlich uneinholbaren Vorsprung von drei Schlägen verspielte. In kurzen Sequenzen wird zusammengefasst, wie eine falsche Schlägerwahl und Pech dem Franzosen den sicher geglaubten Sieg bei der British Open kosteten. Sie zeigen allerdings nicht, dass dieses in Wirklichkeit fast eine halbe Stunde währende Golfdrama praktisch auch Van de Veldes Karriere als Golfprofi und auch seine Ehe ruinierte. Nie mehr kam er auch nur in die Nähe eines großen Triumphes.

          Eine Fehlerkette führt zum Drama

          Aber die traurige Geschichte hat auch eine andere, positive Seite: Bis heute ist der unglückliche Verlierer von 1999 bekannter als der Sieger. Van de Velde dominierte damals in Carnoustie 71 Löcher lang das Geschehen. Selbst mit einem Doppelbogey am 18. Loch hätte er das älteste und wichtigste Golfturnier der Welt gewonnen. Dass er am letzten Loch mit dem Driver abschlug und schon damit ein hohes Risiko einging, hielten alle Kommentatoren für einen schweren Fehler. Van de Velde verzog den Abschlag auf die 17. Spielbahn und hatte Glück, dass der Ball nicht schon nach diesem Schlag im Barry Burn landete. Spätestens dann hätte jeder vernünftige Profi die sichere Variante gewählt und den Ball auf das Fairway vor dem Wasserhindernis abgelegt. Doch Van de Velde versuchte, bei starkem Gegenwind aus 170 Metern mit einem Eisen2 das Grün zu erreichen. Der Ball überquerte zwar den Bach, sprang aber von einer Tribünenstrebe sechzig Meter zurück vor das Wasserhindernis in knietiefes, hohes Rough – wirklich großes Pech. Wäre der Ball bei den Zuschauern hängen geblieben, hätte er ihn straflos neben dem Grün fallen lassen dürfen und von dort den Ball ohne Mühe aufs Grün spielen können.

          Aber das Schicksal wollte es anders. Aus dem hohen Rough versuchte Van de Velde den Ball über den Bach zu spielen, vergebens. Er zog Schuhe und Strümpfe aus, krempelte die Hosenbeine hoch und stand im Wasser – ein Bild, das um die Welt ging. Minutenlang überlegte er, ob er den Ball aus dem Wasser herausbefördern könne. Er entschied sich dagegen und „droppte“ mit einem Strafschlag den Ball vor dem Bach. Sein nächster Schlag landete im Grünbunker. Aus zweieinhalb Metern schob er den Ball ins Loch. Aber das Triple-Bogey reichte nur, um ins Stechen über vier Löcher zu kommen.

          Im Play-off war Van de Velde dann nach einem „Snap Hook“, einem weit nach links verzogenen Abschlag am ersten Loch, schnell aus dem Rennen. Der Schotte Paul Lawrie setzte sich durch und feierte den einzigen Major-Sieg seiner Karriere. Van de Velde nahm den Schicksalsschlag zumindest äußerlich mit Humor und Gelassenheit. In den vergangenen 19 Jahren hat er immer offen über den Tag gesprochen, der sein Leben veränderte. Er drehte für den Hersteller seines Putters einen Spot, der zeigte, wie leicht es für ihn ist, dieses Loch mit einem Doppelbogey zu beenden. Nur mit dem Putter brachte er dabei den Ball mit sechs Schlägen ins Loch. „Egal was am 18. Loch passierte, es war für mich ein tolle Woche. Ich erinnere mich gerne daran. Ich bereue nichts. Diese Woche hat mir viele Freunde beschert, und danach hat die ganze Welt gesehen, aus welchem Holz ich geschnitzt bin“, sagt Van de Velde.

          Seine geschiedene Frau hat andere Erinnerung an die Folgen des größten Einbruchs der Golfgeschichte. In einem Interview mit der Londoner „Times“ erzählte sie, dass ihr Gatte nach Carnoustie alle Freude am Golf verloren und nie verwunden habe, die große Chance verspielt zu haben. Ihre Trennung im Jahr 2002 und die Scheidung 2009 führt sie, die als Coach ihres Mannes nie dessen Strategie am letzten Loch verstand, auf den Schicksalstag im Juli 1999 zurück. Ihr Gatte gewann danach 2006 noch ein kleines Turnier auf Madeira, verabschiedete sich 2011 von der European Tour und spielte kaum noch Golf. Sein Comeback gab er 2016 wenige Tage nach seinem 50. Geburtstag bei der British Senior Open – ausgerechnet in Carnoustie. Er scheiterte nach Runden von 83 und 74 Schlägen am Cut. Seitdem tritt er nur noch gelegentlich bei Turnieren an, ohne großen Erfolg. Aber eines bleibt ihm: Er wird immer dann ins Rampenlicht zurückkehren, wenn „The Open Championship“ in Carnoustie ausgetragen wird.

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