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Entsetzen nach Unruhen : „Es gibt zwei Amerikas“

  • -Aktualisiert am

Gemeinsames Zeichen: Spieler der Milwaukee Bucks vor ihrem Spiel in der NBA Bild: USA TODAY Sports

Kaum eine Liga im amerikanischen Sport hat sich so für einen Wandel in der Gesellschaft eingesetzt und Rassismus verurteilt wie die NBA. Nach dem Sturm auf das Kapitol gibt es dort heftige Kritik am Verhalten der Sicherheitskräfte.

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          Eigentlich war das Spiel zwischen Miami Heat und den Boston Celtics am Mittwochabend in Miami als eine Art Leistungstest gedacht gewesen. Die erste Begegnung der beiden besten Mannschaften der letzten Saison in der Eastern Conference, die einander im September in der Quarantäne-Blase von Orlando im Halbfinale der Play-offs beharkt hatten. Doch kurz vor dem Anpfiff war jedes Gefühl von Rivalität verschwunden. Wenige Stunden zuvor hatten Hunderte von Anhängern des amerikanischen Präsidenten das Kapitol in Washington gestürmt. Und keiner der Basketball-Profis hatte angesichts dessen ein Interesse daran, so zu tun, als sei die Welt noch immer in Ordnung.

          Die Spieler, die in den Monaten davor auf unterschiedlichen Kanälen gegen den von Donald Trump geschürten alltäglichen Rassismus protestiert hatten, zogen sich in die Umkleidekabine der Gastgeber zurück und formulierten eine gemeinsame Erklärung: „Wir werden heute mit schweren Herzen spielen“, sagten sie in ihrer Stellungnahme. Aber die Art und Weise, wie weiße, gegen zahllose Gesetze verstoßende Demonstranten in der Hauptstadt von offizieller Seite behandelt würden und wie Ordnungshüter im Frühjahr und Sommer bei friedlichen Protesten schwarzer Amerikaner gegen Polizeigewalt vorgegangen seien, zeige, „wie viel Arbeit wir noch vor uns haben“. Man werde das Spiel austragen. „Aber wir dürfen nicht die Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft vergessen. Schwarze Leben zählen noch immer.“

          „Er sollte vor Gericht gestellt werden“

          An das Resultat (die Celtics gewannen 107:105) wird sich schon bald kaum jemand mehr erinnern können. Eher schon an eine neue Welle von Aussagen, die zeigten, dass amerikanische Sportler in wachsendem Maße ihre Plattform als prominente Staatsbürger dazu nutzen, sich quer durch alle Ligen und alle Sportarten an den öffentlichen Debatten zu beteiligen. Und dass sie diese Plattform vor allem dazu nutzen, die ungleiche Behandlung von Menschen je nach Hautfarbe zu thematisieren. „Können Sie sich vorstellen, was passiert wäre, wenn das alles Schwarze gewesen wären, die das Kapitol gestürmt hätten?“, fragte Doc Rivers, der Trainer der Philadelphia 76ers, angesichts der Tatsache, dass die Eindringlinge anschließend von der Polizei friedlich aus dem Gebäude heraus eskortiert wurden.

          „Es gibt zwei Amerikas“, stellte Jaylen Brown von den Celtics fest: „In einem wirst du erschossen, weil du in einem Auto schläfst, Zigaretten verkaufst oder im Garten spielst, im anderen kannst du das Kapitol stürmen – und es gibt weder Tränengas noch Massenverhaftungen.“ Kyle Lowry von den Toronto Raptors gab vor allem einem die Schuld: Donald Trump. Der habe seine nach Washington angereisten Anhänger angestachelt. „Der Mann ist ein Verbrecher“, sagte er und forderte Konsequenzen wegen der Anstiftung des Mobs zur Attacke auf die amerikanische Demokratie: „Er sollte vor Gericht gestellt werden.“

          Der Angriff auf das Kapitol begann, nachdem Trump bei einem Auftritt vor seinen Sympathisanten dazu ermutigt hatte, zum Kongressgebäude zu marschieren, in dem die Abgeordneten aus beiden Kammern tagten, um das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen vom 3. November offiziell zu zertifizieren. Die hatte der Demokrat Joe Biden mit deutlicher Mehrheit gewonnen. Ein Ausgang, den Trump seitdem auf unterschiedliche Art und Weise zu durchkreuzen versucht. Nachdem Behauptungen über einen angeblichen massiven Wahlbetrug von den angerufenen Gerichten zurückgewiesen wurden, übte er persönlich Druck auf die für die Abwicklung der Wahl Verantwortlichen in einer Reihe von Bundesstaaten aus. Zuletzt am Samstag, als er in einem Telefonat einen republikanischen Politiker in Georgia aufforderte, das Resultat in seinem Sinne zu fälschen.

          Kritik an Kelly Loeffler

          Der Versuch der illegalen Intervention geschah drei Tage vor einer Nachwahl, bei der die Demokraten zwei Sitze im Senat in Washington gewannen, die die Mehrheitsverhältnisse in diesem wichtigen Gremium ändern. Auch bei dieser Abstimmung spielten Sportler eine Rolle. Die amtierende Senatorin, die Republikanerin Kelly Loeffler, war als Mitbesitzerin der Atlanta Dream, eines Klubs in der Frauenbasketball-Liga WNBA, im Sommer offen von den Spielerinnen des Teams kritisiert worden. Der Grund: Sie hatte die gegen Polizeigewalt gerichteten Demonstrationen diffamiert.

          Klare Worte: Basketballtrainer Doc Rivers
          Klare Worte: Basketballtrainer Doc Rivers : Bild: AP

          „Die WNBA sympathisiert mit Black Lives Matter, einer Organisation, die es auf Spaltung abgesehen hat. Die auf der Basis marxistischer Ideen unser System im wahrsten Sinne des Wortes abfackeln will.“ Die Liga wies den Einwurf zurück. Einzelne Spielerinnen wie Candace Parker, zu jenem Zeitpunkt noch in Atlanta, inzwischen in Los Angeles unter Vertrag, verlangten den Rauswurf von Loeffler. „Für jemanden wie sie gibt es in der Liga keinen Platz.“ Loeffler verlor am Dienstag gegen den schwarzen Pastor Raphael Warnock, für den die gesamte Mannschaft Sympathie demonstriert hatte

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          Aber nicht nur Baketballspielern geht die aktuelle politische Lage nahe. „Bestürzt, angewidert, traurig, wütend, sprachlos – aber nicht überrascht“ war Turn-Olympiasiegerin Simone Biles. Die Fußballweltmeisterin und bekennende Trump-Gegnerin Megan Rapinoe bezeichnete den Pöbel, der das Kapitol gestürmt hatte, als „amerikanische Terroristen“. Die neunmalige Wimbledon-Siegerin Martina Navratilova richtete sich hingegen direkt an den Mann, der noch knapp zwei Wochen Wohnrecht im Weißen Haus hat und am 20. Januar das Amt verliert. „Was im Kapitol passiert ist, liegt an Ihnen. Alles liegt an Ihnen“, erklärte sie und forderte die sofortige Absetzung: „Trump muss des Amtes enthoben werden.“

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