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Amerikanischer Turnverband : Ein Netz aus Missbrauch und Menschenhandel

  • -Aktualisiert am

John Geddert im Jahr 2012 bei den Olympischen Spielen in London. Bild: AFP

Nur Stunden nach der Anklageerhebung wegen sexuellen Missbrauchs und Menschenhandels wird der frühere Turntrainer John Geddert tot aufgefunden. Er soll Teil eines umfassenden Netzwerkes aus Begünstigung und Vertuschung gewesen sein.

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          Seine Karriere war bereits vor drei Jahren zu Ende gegangen, als ihn der amerikanische Turnverband während des Prozesses gegen Larry Nassar, den Mannschaftsarzt des Frauennationalteams, von allen Ämtern suspendierte. Nun sollte seine Rolle im größten Missbrauchsskandal des amerikanischen Sports juristisch unter die Lupe genommen werden.

          Doch nur wenige Stunden nachdem Ermittlungsbehörden in Michigan eine Anklageschrift mit insgesamt 24 schweren Beschuldigungen gegen ihn vor Gericht eingereicht hatten, nahm sich John Geddert auf einem Autobahnrastplatz in der Nähe der Hauptstadt Lansing offenbar selbst das Leben. Er entzog sich auf diese Weise der Justiz. Die Vorwürfe lauteten unter anderem auf sexuellen Missbrauch, Zwangsarbeit, Menschenhandel und Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung – allesamt Straftaten, die mit mehrjährigen Haftzeiten belegt sind.

          Michigans Generalstaatsanwältin Dana Nessel hatte die Anklagepunkte im Rahmen einer Pressekonferenz persönlich der Öffentlichkeit vorgestellt und dabei die enge Beziehung zwischen dem Trainer und Nassar beschrieben, der als medizinischer Betreuer auch in Gedderts Leistungszentrum „Twistars USA Gymnastics Club“ im Einsatz war. Dort sollen die Mädchen und Frauen in einem Hinterzimmer sexuell missbraucht worden sein. Geddert hatte diese Anschuldigungen stets zurückgewiesen. Er habe nichts von Nassars Straftaten gewusst.

          „Tragisches Ende einer tragischen Geschichte“

          Nessel gab nur wenige Stunden später die Nachricht vom Tod des 63 Jahre alten Geddert bekannt, der sich eigentlich zu diesem Zeitpunkt den Behörden stellen sollte, um in Untersuchungshaft genommen zu werden: „Meinem Büro wurde mitgeteilt, dass die Leiche von John Geddert am späten Nachmittag gefunden wurde.” Es sei ein „tragisches Ende einer tragischen Geschichte für alle Beteiligten“, sagte sie in einer schriftlichen Erklärung.

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          Geddert hatte bei den Olympischen Spielen 2012 als Nationaltrainer der siegreichen amerikanischen Frauen-Mannschaft den Höhepunkt seiner Karriere erlebt, nachdem er zuvor im Schatten des aus Rumänien stammenden Trainer-Ehepaars Béla und Marta Károlyi gestanden hatte. Opfer von Nassar hatten später den Grad von Gedderts Mitwisserschaft beschrieben. So hatte eine junge Frau gegenüber dem Fernsehsender ESPN berichtet, wie der Trainer, während Nassar sie „mit dem Finger in ihrer Vagina“ massierte, in dem fraglichen Hinterzimmer auftauchte und witzelte, ihr Rücken hätte ihr offensichtlich wohl sehr weh getan.

          Nessel dankte den Betroffenen, „die bei den Ermittlungen mit uns zusammengearbeitet und mutig ihre Geschichte erzählt haben“, um unter anderem zu belegen, dass Nassar kein Einzeltäter war, sondern nur die zentrale Figur in einem Netzwerk aus Begünstigung und Vertuschung. Etwas, was die Anklage mit Beschuldigungen wie Menschenhandel und Bandenkriminalität auf deutliche Weise untermauerte.

          Aber Geddert wurde am Donnerstag zusätzlich für zumindest zwei eigene sexuelle Übergriffe verantwortlich gemacht. In diesen Fällen waren Athletinnen im Alter von 13 und 16 Jahren die mutmaßlichen Opfer, die von ihm durch Zwang und Androhung von Gewalt gefügig gemacht worden sein sollen.

          Geddert soll nicht nur Nassar gedeckt haben. Er schützte Medienberichten zufolge auch Kathie Klages, die Trainerin der Universitätsmannschaft Michigan State bei ihren Anstrengungen, jeden Verdacht gegen Nassar zu kaschieren. Denn der Arzt arbeitete parallel im medizinischen Team an ihrer Hochschule. Klages wurde nach der Aufdeckung des Skandals gefeuert, aber kam anschließend bei Geddert unter.

          Erst nach Berichten in lokalen Medien verlor sie auch dort ihren Job. Sie wurde im August 2020 für schuldig befunden, die Ermittlungsbehörden angelogen zu haben und für diese Straftat zu 90 Tagen Haft verurteilt. William Strampel, in Michigan State der direkte Vorgesetzte von Nassar, erhielt in einem getrennten Prozess eine einjährige Gefängnisstrafe, die er zwischen 2019 und 2020 absaß.

          Larry Nassar war im Sommer 2017 zunächst wegen des Besitzes von Kinderpornographie zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden. Nachdem er in einem separaten Verfahren einen Teil seiner Taten zugegeben hatte, erhielt er Anfang 2018 zusätzlich 40 bis 175 Jahre Gefängnis zuerkannt.

          „Die Athleten zählen nicht“

          Seitdem läuft die zivilrechtliche Auseinandersetzung zwischen den mehr als 500 Opfern und dem Turnverband, der zwischendurch Konkurs anmeldete, sich aber bereit erklärte, Schadenersatzleistungen von umgerechnet insgesamt 195 Millionen Euro zu erbringen. Die Anwälte der Frauen lehnten das Angebot des amerikanischen Verbands allerdings ab. Sie setzen die Sportorganisation auch weiterhin beharrlich unter Druck.

          Zum Beispiel ließen sie erst vor wenigen Tagen durchblicken, wie viel Geld der Verband für seine Anwälte auszugeben bereit ist. Seit dem Gang zum Konkursrichter vor zwei Jahren waren dies allein 13,6 Millionen Dollar, um sich gegen die Forderungen der Nassar-Opfer zur Wehr zu setzen.

          „Ich bin echt nicht überrascht”, sagte Jamie Dantzscher, Bronzemedaillengewinnerin von Sydney 2000 und eine der ersten, die ihre Anschuldigungen gegen Nassar öffentlich machte. „Das ist einfach nur ein weiteres Indiz dafür, wie wichtig einer solcher Institution Geld und Medaillen sind. Die Athleten zählen nicht. Es handelt sich um eine Kultur der Korruption.”


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          Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

          Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

          Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
          Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

          Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten, mit etwas Glück ist ein Berater frei. In jedem Fall klappt es mit einem gebuchten Termin.

          Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

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