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US Open : Ohne Amerikaner

Umjubelte Rückkehr auf den Center Court: John McEnroe (im Vordergrund Novak Djokovic) Bild: REUTERS

Erstmals steht bei den US Open kein heimischer Tennisprofi im Viertelfinale. Als Letzter verabschiedete sich der Gewaltaufschläger John Isner. Und Vorboten eines weiteren Niedergangs sind da: Die Einschaltquoten der übertragenden Fernsehsender sinken.

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          Der letzte Akt des Tages machte deutlich, was sich die Zuschauer der US Open in New York wünschen: charismatische Hauptdarsteller, die sich auch als Entertainer verstehen und ihre Fans begeistern können. Gegen Mitternacht fand so die große Versöhnung zwischen Nowak Djokovic und dem New Yorker Publikum statt.

          Peter Penders
          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Im vergangenen Jahr hatte sich der Serbe nach seinem Sieg über den Amerikaner Andy Roddick um Kopf und Kragen geredet und danach zu spüren bekommen, dass man ihm dies sehr übel nahm. Nun aber reichte Djokovic die Hand, und das Publikum schlug ein: Der Weltranglistenvierte begeisterte nach seinem Einzug in das Viertelfinale durch den Dreisatzsieg über Radek Stepanek mit einer Parodie auf John McEnroe und forderte die amerikanische Tennislegende dann auch noch zu einem Spielchen auf dem Center Court auf.

          Das hatte sich der mittlerweile als Kommentator tätige New Yorker, der aber am allerliebsten immer noch mitspielen würde, nicht zweimal sagen lassen. Der 50 Jahre alte McEnroe eilte auf den Platz, die Zuschauer hatten ihre große Show, die allerdings einen kleinen Makel hatte: Der Amerikaner, der mitspielte, ist ein Protagonist längst vergangener Tage. Die Realität sieht anders aus. Erstmals in der Geschichte der US Open hat bei den Herren kein Amerikaner das Viertelfinale erreicht.

          Protagonist längst vergangener Tage: John McEnroe
          Protagonist längst vergangener Tage: John McEnroe : Bild: AP

          John Isner war ein paar Stunden zuvor gegen Fernando Verdasco, den nächsten Gegner von Djokovic, im Achtelfinale ausgeschieden und hatte das Desaster perfekt gemacht. Schon an den Reaktionen des Publikums in der Runde zuvor war deutlich geworden, dass viele diesen Ausgang befürchteten. Da hatte der 2,05 Meter große Aufschlagriese ausgerechnet den Publikumsliebling Andy Roddick in fünf Sätzen aus dem Turnier geschmettert. Roddick aber war der einzige Amerikaner, dem man bei diesen US Open einiges zutrauen durfte, dementsprechend war zwar die Freude über diesen Fünfsatz-Krimi groß gewesen, das Entsetzen über den Ausgang aber ebenso.

          Auch aus der Jugend taucht kein neuer Superstar auf

          Roddick ist schließlich der Einzige, der die amerikanische Fahne noch hochhält. Er ist der letzte Amerikaner, der es an die Spitze der Weltrangliste schaffte, und als er auf dem Weg dorthin 2003 in New York triumphierte, schien die amerikanische Erfolgsstory nach dem Rücktritt von Pete Sampras und dem sich abzeichnenden Karriereende von Andre Agassi nahtlos weiterzugehen. Stattdessen aber begann die Ära von Roger Federer, der Roddick alsbald ablöste, mittlerweile fünfmal hintereinander die US Open gewonnen hat und sich in der Regel die Triumphe bei Grand-Slam-Turnieren nur noch mit dem Spanier Rafael Nadal teilte. Wann immer es Roddick seit 2003 in ein Grand-Slam-Finale schaffte, stand ihm Federer im Weg, zuletzt im Sommer in fünf aufsehenerregenden Sätzen in Wimbledon.

          Der große Rest an amerikanischen Spielern aber hat es nicht bis nach ganz oben geschafft, spielte zu unbeständig wie James Blake oder war ganz einfach überschätzt wie der olympische Silbermedaillengewinner Mardy Fish oder der aktuelle Sieger der amerikanischen Hartplatzserie, Sam Querry. Auch aus der Jugend tauchte bislang kein neuer Superstar auf. In Donald Young, dem Weltranglistenersten der Junioren 2005 und 2006, glaubten die Amerikaner einen Nachfolger von Connors, McEnroe, Courier, Sampras oder Agassi zu sehen, aber der einst so vielversprechende Junior tut sich schwer daran, überhaupt einen Platz unter den besten 100 Spielern der Welt zu finden.

          Die Einschaltquoten sinken

          „Am Beispiel der Amerikaner sieht man, dass die Kritik am Deutschen Tennis-Bund relativ ist“, sagt Patrik Kühnen, der deutsche Davis-Cup-Teamchef. „Es ist für kein Land selbstverständlich, immer einen absoluten Topspieler zu haben.“ Selbst viel Geld scheint da kein Allheilmittel zu sein, denn ausgerechnet die Länder mit Grand-Slam-Turnieren tun sich schwer: England wartet seit 1936 auf einen Grand-Slam-Sieger (Fred Perry), Frankreich seit 1983 (Yannick Noah), und Australien hat mit Lleyton Hewitt, dem US-Open-Sieger von 2001, nur noch einen Spieler in den Top 50.

          Die Folgen der Erfolglosigkeit auf höchster Ebene bekommt der amerikanische Tennisverband langsam zu spüren. Zwar warten die US Open, die größte mehrtägige Sportveranstaltung der Welt nach Olympischen Spielen und Fußball-Weltmeisterschaften, Tag für Tag mit Zuschauer- und Umsatzrekorden auf, aber entscheidend für den Preis der Übertragungsrechte im amerikanischen Fernsehen sind die Einschaltquoten.

          Die aber sinken, weil selbst Stars wie Federer, Nadal und manchmal auch Djokovic zwar global verwendbar sind, deren Glanz aber verblasst, wenn kein Amerikaner auf Dauer mitspielt. Das Zusammenspiel zwischen Ursache und Wirkung ist in Deutschland in der Post-Becker- und Graf-Ära bestens bekannt. Am Samstag hatte ABC sich so aus der laufenden Partie zwischen Roddick und Isner ausgeklinkt und Tennis an den Spartensender ESPN 2 weitergereicht, der aber nicht überall erreichbar ist. Dies sind die untrügerischen Vorboten eines weiteren Niedergangs, sollte nicht bald ein amerikanischer Djokovic auftauchen.

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