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US Open : „Noch sechs!“

  • -Aktualisiert am

Agassi darf weiter vom Abschiedssieg träumen Bild: REUTERS

Die Abschiedsvorstellung von Andre Agassi wird um eine kaum noch erwartete Zugabe verlängert. Bei seiner 21. Teilnahme in New York spielte der Tennis-Altmeister schon zum Auftakt auf der Klaviatur der Gefühle. Sechs Siege noch, und er wäre zum dritten Mal US-Open-Sieger. Mit FAZ.NET-Bildergalerie.

          3 Min.

          Nein, Andre Agassi denkt noch nicht ans Aufhören. Er mag zwar angekündigt haben, daß die US Open sein letztes Profiturnier würden, und er mag zwar stets aufs neue an seinem kaputten Rücken leiden, wenn die Wirkung der Cortison-Spritzen nachläßt, aber noch fordert er die Tenniswelt heraus.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          All jenen, die ihn so gut wie abgeschrieben haben nach der bisher enttäuschend verlaufenen Saison, gab er in der Nacht zum Dienstag eine kurze, aber klare Botschaft mit auf den Heimweg. „Noch sechs!“, lautete die Kampfansage des Amerikaners, nachdem er mit Mühe und einiger Not das Auftaktmatch bei seinem Lieblingsturnier gegen den Rumänen Andrei Pavel gewonnen hatte. Sechs Siege noch, und Agassi wäre zum dritten Mal nach 1994 und 1999 US-Open-Sieger.

          „Kämpfen und Genießen“

          Nach der Wahrscheinlichkeit dieser Rechnung fragte keiner unter den 23.000 Zuschauern im New Yorker Arthur-Ashe-Stadion, die um halb ein Uhr nachts vollends aus dem Häuschen gerieten, als ihr Landsmann ankündigte, auch die gesamte zweite Woche des Turniers für sich und für sie spielen zu wollen. „Wunder geschehen“, sagte Agassi, „ich habe mich schon tausendmal selbst überrascht, im Guten wie im Schlechten“ (Siehe auch: Tennis: Ergebnisse von den ATP-Turnieren).

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          US Open : „Noch sechs!“

          Das Publikum zu verblüffen, zu erschrecken und zu begeistern, das gelang ihm auch zum Auftakt seiner 21. und letzten US Open vortrefflich: mit 17 Assen, mit 49 unerzwungenen Fehlern, aber vor allem mit seiner Leidenschaft, mit der er um jeden Punkt kämpfte. „Er ist immer noch einer der fittesten Spieler auf der Tour“, zollte der 32 Jahre alte Pavel seinem vier Jahre älteren Gegner größten Respekt. Von Agassis chronischen Rückenleiden war wenig zu spüren bei seinem dreieinhalbstündigen Match gegen den Rumänen, das für den Star auf Abschiedstour mit einem 6:7 (4:7), 7:6 (10:8), 7:6 (8:6) und 6:2-Sieg endete.

          Wie in einer Zwickmühle

          Rundum genießen konnte Agassi seinen Auftritt dennoch nicht, was weniger an seinen Durchhängern vor allem im dritten Satz lag, als vielmehr an seinem inneren Konflikt, auf den er nicht vorbereitet war. Wie in einer Zwickmühle habe er sich gefühlt. „Das Herz will kämpfen, und das Herz will genießen. Der Kopf sagt: Konzentrier Dich. Und der Kopf sagt: Sieh zu, daß du mit lebst.“ Am Ende schaffte er den Interessensausgleich. Zur Belohnung steht ihm ein weiteres mögliches Abschiedsspiel bevor: In der zweiten Runde bekommt es der Weltranglisten-39. mit dem 31 Plätze höher eingestuften Zyprioten Marcos Baghdatis zu tun.

          Obwohl das deutliche Leistungsgefälle der beiden eindeutig gegen Agassi spricht - er absolvierte in diesem Jahr 16 Spiele und gewann nur neun, Baghdatis erreicht bei den Australian Open das Endspiel und in Wimbledon das Halbfinale -, genießt der Amerikaner einen enormen Vorteil: Das New Yorker Publikum, das bei Agassis erstem US-Open-Auftritt noch die Nase gerümpft hatte über den langmähnigen Tennis-Punk auf dem Platz, hat ihn so fest ins Herz geschlossen wie keinen anderen Spieler. Schon vor dem Match, als auf den Großleinwänden im Arthur-Ashe-Stadion ein Zusammenschnitt von Agassis größten Erfolgen zu sehen war, brachten sich die Fans in Hochstimmung, und einige hielten zudem Plakate in die Höhe, deren Aufschriften fast schon das Ende vorwegnahmen: „Thank you Andre.“

          Steffi Graf ungewohnt entspannt

          Die Zuneigung beruht mittlerweile auf Gegenseitigkeit. „23.000 stille New Yorker sind das lauteste Publikum der Welt“, rief Agassi seinen Fans entgegen: „I love you!“ In seinem ersten Profijahr 1986 sei er noch unsicher gewesen, aber im Laufe der Zeit habe er „diesen Ort mehr lieben gelernt als jeden anderen auf der Welt“. Um so mehr, weil am Montag auch seine Gattin unter den Zuschauern weilte. Steffi Graf zeigte sich auf der Tribüne ungewohnt entspannt, als sie ihrem Andre bei einer seiner letzten Nachtschichten zusah.

          Nur der in Deutschland lebende Pavel mochte sich an diesem Abend nicht mit der für ihn vorgesehene Rolle begnügen: Statt in der großen Andre-Abschiedsshow als Statist aufzutreten, bestimmte der Rumäne in den ersten drei Sätzen phasenweise das Geschehen, war von der Grundlinie mindestens ebenbürtig und überraschte seinen Gegner immer wieder mit feinen Stopbällen. Pavel lag im dritten Satz sogar 4:0 in Führung, ehe er an Magenkrämpfen zu leiden begann und Agassi seine Aufholjagd starten konnte.

          Nach dem Gewinn des dritten Durchgangs hatte der achtmalige Grand-Slam-Turniersieger wenig Mühe, nach 3:31 Minuten das Match zu seinen Gunsten zu beenden. „Ich bin stolz auf diesen Tag“, sagte Agassi nach dem 27. Sieg in seiner dreißigsten New Yorker „Night Session“, „hoffentlich kann ich so etwas noch mal erleben.“ Die Show, die amerikanische Fernsehsender „Andre's Open“ genannt haben, kann weitergehen.

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